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Elf neue Stolpersteine und eine Stolperschwelle für die Opfer der Militärjustiz am 19. Mai 2026

Die Nazis bestraften Kritik mit dem Tod

Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des europäischen Kunst- und Erinnerungsprojektes, wird am 19. Mai 2026 ab 8:30 Uhr am Ort der Hinrichtungen auf dem Dornhaldenfriedhof eine Stolperschwelle für die Opfer der NS-Militärjustiz verlegen. Anschließend wird Demnig im Stadtgebiet Stuttgart weitere Erinnerungssteine setzen.

Wer heute den Dornhaldenfriedhof in Stuttgart besucht, dem fallen die parallel verlaufenden Erderhebungen ins Auge, die den Friedhof durchziehen. Dies sind letzte Spuren des militärischen Schießplatzes, der sich dort von 1869 bis 1968 befunden hat. Während der NS-Zeit wurden hier zwischen 1941 und 1945 militärgerichtliche Todesurteile vollstreckt. “Die Militärjustiz wurde vom NS-Regime als Disziplinierungsmittel für die Armee eingesetzt“, sagt Bertram Maurer von der Stolperstein-Initiative Degerloch. „In militärisch schwierigen Phasen nahmen die Todesurteile deutlich zu”, so z.B. für „Vergehen“ wie kleinere Diebstähle, Homosexualität, Desertion oder wenn der Eid auf Hitler und gar der Dienst an der Waffe verweigert wurde wie im Fall des „Ernsten Bibelforschers“ Gustav Stange. Nach aktuellem Stand wurden auf Stuttgarter Schießplätzen insgesamt 32 Todesurteile durch Erschießen vollstreckt. Die meisten Vollstreckungen fanden in der Urbanstr. 18 statt, dort ist heute das Landgericht.
(–> Info: Bertram Maurer, Tel. 0711/640 20 99, bertram.maurer@t-online.de)

Mit der NS-Militärjustiz beschäftigt sich auch eine Ausstellung, die noch bis zum 8. Juni 2026 im Bezirksrathaus Degerloch zu sehen ist. Bei der Eröffnung der Ausstellung wies Werner Schmidt für die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen darauf hin, dass es eigenständige Militärgerichte heutzutage nicht mehr gibt. „Und das ist gut so“, betonte Schmidt. Die 1934 im Nationalsozialismus etablierten Militärgerichte urteilten ohne rechtsstaatliche Verfahren nicht nur über Wehrmachtssoldaten, sondern auch über Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Sogenannte fliegende Standgerichte erließen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs (und teilweise darüber hinaus) zahlreiche Todesurteile, deutschlandweit wurden insgesamt mindestens 22.000 Menschen hingerichtet. Die Rehabilitation der Opfer erfolgte – wenn überhaupt – erst Jahrzehnte später. „Die Ausstellung zur NS-Militärjustiz führt uns drastisch vor Augen, wohin die Aufhebung der Gewaltenteilung und der willkürliche Einsatz staatlicher Gewalt führen“, warnte Schmidt.  

Zwei Stolpersteine für Max und Elsa Sontheimer

In der Schlosserstr. 23 in Stuttgart-Süd werden am 19. Mai ab 9:15 Uhr zwei Stolpersteine für Max und Elsa Sontheimer verlegt. Max Sontheimer war Inhaber der Firma Sontheimer & Cie, einer ange-sehenen Stuttgarter Großhandlung für Band- und Seidenwaren. 1901 heiratete er Elsa Levy aus Stuttgart. Das Paar bezog 1911 ein neugebautes Haus in der Schlosserstr. 23. Doch Max und Elsa Sontheimer wurden von den Nationalsozialisten als jüdisch verfolgt und durch NS-Gesetze diskriminiert. Sie mussten die Schlosserstr. 23 verlassen, danach mehrfach umziehen und wurden 1942 gezwungen, nach Dellmensingen bei Ulm überzusiedeln. Im August 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert und im September 1942 in Treblinka ermordet. Zur Verlegung werden Nachkommen anreisen.
(–> Info: Ute Hechtfischer, Tel. 0151/10 43 53 00, u.hechtfischer@gmx.de)

Vier Stolpersteine für Rosa, Moritz, Henny und Julius Katz

In der Ludwigstr. 10 in Stuttgart-West wird künftig an Rosa, Moritz, Henny und Julius Katz erinnert. Gunter Demnig wird am 19. Mai ab 9:30 Uhr für sie vier Stolpersteine verlegen. Moritz und Rosa Katz stammten aus Galizien und führten in den 1920er Jahren in Stuttgart erfolgreich ein Schuhgeschäft. Die Familie lebte zunächst im Leonhardsviertel, später in der Ludwigstr. 10, wo 1925 Tochter Henny und 1929 Sohn Julius geboren wurden. 1939 gelangte Julius mit einem Kindertransport nach England, die Eltern konnten nach Italien entkommen. Henny blieb zunächst zurück, später gelang auch ihr die Flucht nach Italien. Anfang 1941 fanden Vater, Mutter und Tochter in den USA Sicherheit; der Bruder folgte 1943. In den 1980er Jahren kehrte Henny Porter (geb. Katz) mehrfach auf Einladung der Stadt nach Stuttgart zurück. Im Januar 2025, fast 100 Jahre alt, erhielt sie im deutschen Generalkonsulat in Miami erstmals die deutsche Staatsbürgerschaft. Zur Verlegung werden ein Sohn und ein Enkel von Henny Porter aus den USA anreisen.
(–> Info: Marion Weber, Tel. 0170/2331198, weber_genealogy@web.de)

Ein Erinnerungsstein für Margarete Nachmann geb. Gottheiner

In der Zeppelinstr. 126 in Stuttgart-West wird am 19. Mai ab 10:00 Uhr ein Stolperstein für Margarete Nachmann geb. Gottheiner verlegt. Margarete Nachmann wurde am 26. Januar 1873 als ältestes Kind eines jüdischen Bauunternehmers in Berlin geboren. 1898 heiratete sie den aus Stuttgart stammenden Kaufmann Rudolf Nachmann. Die Ehe blieb kinderlos. Sie erwarben 1919 ein Haus in der Zeppelinstr. 126. Nachmann versuchte zunächst, einen Vertrieb für technische Neuheiten aufzubauen. Ab ca. 1925 betrieb das Paar ein Galanterie- und Lederwarengeschäft. Nach dem Tod ihres Ehemanns 1930 führte Margarete Nachmann das Geschäft weiter. Doch die Nazis sorgten dafür, dass sie sich erst vom Geschäft und später vom Haus trennen musste. Im Sommer 1942 musste sie in ein jüdisches Zwangsaltenheim in Buttenhausen umziehen. Im August 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, vier Wochen später ins Vernichtungslager Treblinka, wo sie vermutlich gleich den Tod fand. Zur Verlegung für Margarete Nachmann werden Nachfahren (Enkelin und Urenkelin) ihres Bruders Alfred Gottheiner aus Deutschland wie den USA anreisen.
(–> Info: Susanne Stephan, su-stephan@t-online.de)

Ein Stolperstein für Reinhold Fränznick

In der Schönbühlstr. 72 in Stuttgart-Ost wird künftig an Reinhold Fränznick erinnert. Am 19. Mai ab 10:30 Uhr wird Gunter Demnig dort einen Stolperstein verlegen. Fränznick war 17 Jahre alt als er 1943 gegen seinen Willen zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er warf seine Uniform in den Neckar, trat den Wehrdienst nicht an und versteckte sich in einem Schuppen hinter dem Wohnhaus seiner Eltern. Eine Nachbarin denunzierte ihn, er wurde verhaftet und später im Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau inhaftiert. Als die Alliierten Mitte April 1945 vorrückten, wurden die Häftlinge auf einen Marsch ins 25 Kilometer entfernte Brottewitz bei Mühlberg geschickt. Fränznick wagte gemeinsam mit Kameraden die Flucht, die SS entdeckte sie aber. Drei Tage später wurden sie von einem „fliegenden Standgericht“ zum Tode verurteilt – und erschossen. Zuvor mussten sie ihr eigenes Grab schaufeln. Nur einen Tag später, am 21. April 1945, erreichte die Rote Armee Brottewitz.
(–> Info: Gudrun D. Greth, Tel. 0711/2 62 59 49, gudrun.greth@web.de)

Ein Stolperstein für Julie Levi

In der Liebenzeller Str. 8 in Bad Cannstatt erhält am 19. Mai im Rahmen einer Gemeinschaftsverlegung Julie Levi einen Stolperstein (Zeremonie um 17:00 Uhr). Julie Levi und ihrer Schwester Emilie, für die bereits ein Stolperstein liegt, waren beide langjährige Mitarbeiterinnen in der Verwaltung der Stadt Stuttgart. Julie, seit 29. April 1926 in städtischen Diensten, war als Beamtenanwärterin beim Wasserwerk tätig. Ihre Schwester Emilie war bei der Stadtarztstelle, dem späteren Gesundheitsamt, angestellt. Doch die Karriere der beiden jungen Frauen endete jäh, als Karl Strölin, zunächst als Staatskommissar und später als Oberbürgermeister, im Februar 1934 24 jüdische Mitarbeitende entlassen hat, darunter Julie und Emilie Levi. Das letzte Lebenszeichen von Julie Levi stammt vom 1. Dezember 1941, dem Tag, an dem sie vom Killesberg aus nach Riga deportiert wurde.
(–> Info: Rainer Redies, Tel. 0711/56 98 56, rediesrainer@gmail.com)

Ein Stolperstein für Hildegard Herzog

In der Lauterburgstr. 2A in Feuerbach wird ein Erinnerungsstein für Hildegard Herzog verlegt. Die Zeremonie beginnt um 10:30 Uhr. Herzog, 1918 in Stuttgart-Feuerbach geboren, kommt bereits als kleines Kind in die Werner’sche Kinderheilanstalt in Ludwigsburg. Sie hatte Kinderlähmung. Auch von einer Hirnentzündung war die Rede. 1924 wurde sie in die Kinderabteilung im Gottlob-Weißer-Haus der Diakonissenanstalt in Schwäbisch Hall aufgenommen. Als im Januar 1940 die zynisch „Euthanasie“ genannten Maßnahmen zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ begannen, erkannte der Anstaltsleiter die Gefahr für die Kranken. Doch nur wenige Familien holten ihre Angehörigen nach Hause. Im November 1940 wurde das Gottlob-Weißer-Haus von der NSDAP beschlagnahmt. 240 Frauen und Kinder wurden in die Heilanstalt Weinsberg überstellt, so auch Hildegard Herzog. Am 2. Dezember 1940 wurden sie nach Grafeneck „verlegt“ und sofort nach der Ankunft ermordet.
(–> Info: Hildegard Wienand, Tel. 0711/81 21 63, huh.wienand@t-online.de)

Ein Erinnerungsstein für Rudi Kleemann

In der Stammheimer Str. 94 in Zuffenhausen wird künftig an Rudi Kleemann erinnert. Die Zeremonie beginnt um 11:30 Uhr. Der kleine Junge wurde noch am Tag seiner Geburt, am 31.7.1943, in der „Kinderfachabteilung“ der städtischen Kinderklinik ermordet. Rudi Kleemann war eine Frühgeburt und hatte Trisomie 21 (Down-Syndrom). Ab 1942 mussten Hebammen und Ärzte melden, wenn ein Kind mit Behinderungen geboren wurde. Den Eltern wurde vorgegaukelt, dass man ihren Kindern in einer Kinderfachabteilung helfen könne. Tatsächlich wurden sie dort ermordet, meist mit Luminal, das ähnliche Symptome wie eine Lungenentzündung hervorrief. Die Ärzte unterschrieben eine Sterbeurkunde mit falschem Namen und einer gefälschten natürlichen Todesursache. In einem Prozess nach 1945 deckten sich die Täter gegenseitig.
(–> Info: Inge Möller, Tel. 07159/4 20 57 61, ingeannettemoeller@googlemail.com)

Zeitplan für die 47. Stuttgarter STOLPERSTEIN-Verlegungen am 19. Mai 2026 hier