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Margarete Nachmann, Zeppelinstr. 126

Als Geschäftsfrau und Hauseigentümerin allein gegen Nationalsozialisten

Margarete Gottheiner wurde am 26. Januar1873 als ältestes Kind eines jüdischen Bauunternehmers in Berlin geboren, wo sie auch aufwuchs. 1898 heiratete sie den neun Jahre älteren Kaufmann Rudolf Nachmann, dessen Familie in Stuttgart das Geschäft Marx & Nachmann für Kurz-, Galanterie- und Spielwaren in der Kirchstraße 3 betrieb. Die Ehe blieb kinderlos. Zunächst ließ sich das Paar in München nieder, wo Margaretes Bruder Georg als Großhändler für Lederwaren tätig war; nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Nachmanns nach Stuttgart.

Ein neues Heim auf Stuttgarts Halbhöhe

(Riedlinger Zeitung, 13.12.1924)

Rudolf Nachmann erwarb 1919 ein Anwesen in der Zeppelinstraße 126, in schöner Halbhöhenlage in Stuttgart-West. Das 1914 errichtete Haus bot einen Erker, einen großen Garten und einen weiten Blick über Rudolfs Heimatstadt. Zunächst versuchte er, von der Zeppelinstraße aus einen Vertrieb für technische Neuheiten aufzubauen, etwa für einen schnurlosen elektrischen Zigarrenanzünder namens „Autofum“.

Seit ca. 1925 betrieb das Ehepaar Nachmann in der Königstraße 6, später in einem Neubau in der Königstraße 4 ein Fachgeschäft für Lederwaren und Galanterie-Artikel: also Handschuhe, Hüte, Schirme, Krawatten. Aufgrund der günstigen Lage in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof mit vielen Passanten und Reisenden florierte das Geschäft; zeitweise waren fünf Mitarbeiterinnen beschäftigt. Nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahr 1930 führte Margarete Nachmann den Betrieb allein weiter. Ihre Spezialität waren Damenhandtaschen und Koffer, daneben bot sie Spielwaren und Geschenkartikel an. In der Königstraße 4 befand sich bereits damals (und bis vor wenigen Jahren) das bekannte Café Wirth, dessen Eigentümerin sich in den 1960er Jahren, für die Wiedergutmachungsakten im Fall Nachmann befragt, noch gut an Margarete Nachmann erinnern konnte.

Geschäftsaufgabe und Zwangsverkauf des Hauses

(Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg, 1.1.1938)

Gewiss hatte Margarete Nachmann unter dem ab April 1933 verbreiteten antisemitischen Slogan „Kauft nicht bei Juden!“ zu leiden. 1937 zog sie mit dem Geschäft von der König- in die Marienstraße. Man kann sich vorstellen, dass auch hier während der Novemberpogrome 1938 Schaufenster beschmiert und eingeworfen wurden; vielleicht kam es wie vielerorts zu Plünderungen. Anfang 1939 musste Margarete Nachmann ihre geschäftliche Tätigkeit mit hohen Verlusten ganz beenden. In ihrem Haus in der Zeppelinstraße 126 lebten zwischen 1940 und 1942 mindestens drei weitere Menschen jüdischer Herkunft, deren bisherige Mietverhältnisse gekündigt worden waren. Ab September 1941 mussten alle in Stuttgart verbliebenen jüdischen Bürger:innen in der Öffentlichkeit den gelben Judenstern tragen.

Im Februar 1942 sah sich Margarete Nachmann schließlich gezwungen, ihr Haus samt Grundstück an den Regierungsoberinspekteur und „alten Kämpfer“ Eugen Thomma zu veräußern. Thomma zeichnete sich unter anderem dadurch aus, Druck auf „Mischlinge 1. Grades“ und sogenannte „Mischehen“ auszuüben. Der bereits vereinbarte Kaufpreis wurde auf amtliche Anweisung um annähernd 20 Prozent herabgesetzt; eine Ausgleichsabgabe musste Thomma als zuverlässiger Nationalsozialist und indirekter Mitarbeiter der Gestapo nicht zahlen.

Deportation nach Theresienstadt und weiter nach Treblinka

Margarete Nachmann konnte über den Erlös aus dem Hausverkauf nicht frei verfügen. Im Sommer 1942 musste sie, 69 Jahre alt, in ein jüdisches Zwangsaltenheim in Buttenhausen umziehen. Thomma selbst war an der Einrichtung dieser vorgeblichen Altenheime beteiligt gewesen, die der Vorbereitung der Deportationen dienten. Am 22. August 1942 wurde Margarete Nachmann mit über 1380 anderen, überwiegend älteren jüdischen Bürger:nnen von Stuttgart aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert, von dort am 29. September 1942 ins Vernichtungslager Treblinka, wo sie vermutlich sogleich den Tod fand.

Eugen Thomma wurde 1949 von der Stuttgarter Spruchkammer als „Mitläufer“ eingestuft. Das teils kriegszerstörte Haus in der Zeppelinstraße 126 musste er jedoch ein Jahr später an die Erben von Margarete Nachmann zurückerstatten, die es zu einem reellen Marktpreis verkauften.

Schicksal der Geschwister und Schwägerinnen

Auch drei Geschwister Margaretes starben im Holocaust: Der Bruder Georg nahm sich im November 1939 in München das Leben, die Schwester Emma wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Ein weiterer Bruder, Alfred Gottheiner, ein angesehener Architekt und Regierungsbaumeister, wurde am 1. April 1940 vor seinem Berliner Haus von einem SA-Trupp derart misshandelt, dass er kurz darauf verstarb. Alfreds Tochter wie später auch seine Witwe lebten nach dem Krieg eine Zeitlang in Stuttgart.

In Stuttgart-Ost wurden bereits Stolpersteine für Richards Bruder Emil verlegt, der am 21.1.1940 vermutlich bei einer Hausdurchsuchung ums Leben kam, für seine Ehefrau Hannchen, die 1944 in Theresienstadt starb, sowie für die zweite Schwägerin Hermine Nachmann, die 1941 nach Riga deportiert und 1942 in Maly Trostinec südöstlich von Minsk ermordet wurde.

Zur Verlegung für Margarete Nachmann werden Nachfahren (Enkelin und Urenkelin) ihres Bruders Alfred Gottheiner aus Deutschland wie den USA anreisen und über die Familiengeschichte sprechen.

Am 19. Mai 2026 wird für Margarete Nachmann in der Zeppelinstraße 126 ein Stolperstein verlegt. Die Inschrift lautet:


HIER WOHNTE
MARGARETE NACHMANN
GEB. GOTTHEINER
JG. 1873
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET


Recherche und Text: Alisa Mopils und Susanne Stephan, Stolperstein-Initiative Stuttgart-West