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Berta Rauner, Leuschnerstr. 51

Der erste Stolperstein im Stuttgarter Westen erinnert an Berta Rauner.
Berta RaunerBerta Rauner wurde am 22. Februar 1886 als Tochter von Abraham und Amalie Rauner in Mandel, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Kreuznach, geboren. Sie hatte sechs Geschwister. Mitten im Ersten Weltkrieg heiratete sie 1916 in Stuttgart den evangelischen Lagerarbeiter und Gaswärter Wilhelm Schwab (1882-1937). Mit den Kindern, dem 1917 geborenen Sohn Alfred und der drei Jahre jüngeren Tochter Alice, wurde beispielsweise immer Weihnachten gefeiert, die jüdische Religion der Mutter war kein Thema.

Die Familie lebte Mitte der 1920er Jahre bescheiden in der Ostendstraße. Durch Heimarbeit, u. a. für Bleyle, und als Haushaltshilfe, war die Mutter darum bemüht, die Kinder gut zu versorgen, da Wilhelm Schwab Probleme mit sich selbst bekam, die 1929 eine Scheidung erforderten. Frau Rauner, die ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte, zog mit ihren Kindern zu einer Schwester nach Denkendorf, dann nach Esslingen, wo sie im Hallenbad arbeitete.

Weil es finanziell nicht anders ging, kam Tochter Alice in das Jüdische Waisenhaus Esslingen, wo sie auch die Schule beenden konnte und erstmals mit jüdischem Leben in Berührung kam. Sohn Alfred begann nach der Schule in Esslingen eine Lehre zum Werkzeugmacher und fand dann Arbeit bei der Stuttgarter Elektrowerkzeugfabrik Fein. 1936 zogen auch Berta Rauner und Alice nach Stuttgart. Die Leuschnerstr. 51 (damals Kasernenstraße) wurde zur ihrer Heimat.

Die Reichspogromnacht im November 1938 veränderte auch das Leben dieser Familie. Obwohl sie und ihre Kinder selbst mit Nachbarn, die sich dem politischen Zeitgeist verschrieben hatten, gut auskamen, beschlich sie nun das Gefühl der Angst. Dies verstärkte sich, nachdem Berta Rauner eines Tages zur Gestapo einbestellt wurde, wo man sie aufforderte, für die Beerdigung eines im KZ Dachau ums Leben gekommenen Bruders zu sorgen. Sohn Alfred fühlte sich wegen seiner Arbeit in einem kriegswichtigen Betrieb sicherer, auch weil in seinem Ausweis der Eintrag “Israel” fehlte. Bei Berta Rauner und der Tochter Alice stand dagegen “Sara”. Der Familienrat beschloss deshalb, dass zuerst Alice auswandern sollte. Sie fand eine Anstellung in einem Haushalt in Edinburgh/ Großbritannien und verließ dazu im Mai 1939 Stuttgart. Berta Rauner sollte nachkommen, doch fehlte es an Geld und schließlich machte der Krieg alle Bemühungen zunichte.

Beim ersten amerikanischen Tagesangriff auf Stuttgart am 6. September 1943 kam Sohn Alfred an seinem Arbeitsplatz als einziges Firmenmitglied ums Leben. Berta Rauner erfuhr vom Tod des Sohnes in der Koppentalstraße, wohin man sie gerade umquartiert hatte. Am 11. Januar 1944 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Am 16. Mai 1944 kam die schwer zuckerkranke Frau nach Auschwitz und wurde dort in den Gaskammern ermordet.

Zur Verlegung des Stolpersteins für ihre Mutter war Alice Igaz (85), die in Budapest lebt, im September 2005 mit ihrer Schwiegertochter eigens nach Stuttgart gekommen. Erfreut über ihr Interesse suchte sie dabei das Gespräch mit anwesenden Schülerinnen und Schülern des Königin-Olga-Stifts. Sichtlich bewegt verfolgte sie, wie der Stolperstein in den Gehweg eingesetzt wurde. Auf die Frage, was für ein Mensch ihre Mutter war, antwortete Frau Igaz mit einem Strahlen in den Augen, voller Liebe und Dankbarkeit: “Ein herrlicher Mensch, der alles für uns Kinder tat, was möglich war.” Und mit einem Blick auf den Stolperstein meinte sie: “Jetzt habe ich einen Ort, wohin ich gehen und meiner Mutter gedenken kann.” 

Recherche und Text: Wolfgang Kress, Initiative Stuttgart-West 

Ausführlich berichtet über Berta Rauner wird in dem im Herbst im Markstein-Verlag erschienenen Buch “Stuttgarter Stolpersteine- Spuren vergessener Nachbarn“. Dort findet sich auch ein Verzeichnis der Quellen zur Geschichte Berta Rauners.