Familie Fränznick
Reinhold Fränznick wurde am 2. August 1926 in Stuttgart geboren. Seine Mutter, Emma Rosa Kaz (1903-1963), geboren in Cannstatt, war Näherin, sein Vater, Richard Hermann Fränznick, 1901 in Schluchtern in eine Gastwirtschafts- und Metzgereifamilie hineingeboren, arbeitete als Rangierarbeiter, später war er Autoelektriker und Chauffeur bei Daimler-Benz. Die Eltern heirateten 1926, wohnten zunächst in der Abelsbergstraße 13 in Stuttgart-Ostheim und zogen dann 1931 im gleichen Stadtteil in die Schönbühlstraße 72 um.
Neben Lotte, die seine Mutter in die Ehe einbrachte, und dem ersten gemeinsamen Kind Reinhold (geb. 1926) bekam das Paar noch drei weitere Kinder: Wolfgang Hermann (1928), einen totgeborenen Knaben (1938) und Karin Elisabeth (1941).

Die Eltern von Vater Richard Hermann Fränznick waren Viktor und Margarete Fränznick, geborene Rampel. Der Vater von Emma Rosa Fränznick, Karl August Kaz ist 1926 noch vor der Heirat seiner Tochter verstorben, ihre Mutter ist Roselia Karoline, geborene Hackert. Reinhold Fränznicks Mutter starb 1963 kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag in Stuttgart, sein Vater fünf Jahre später 1968.
Karin Elisabeth Fränznick, die jüngere Schwester von Reinhold Fränznick, heiratete 1964 Zivko Bulat und bekam vier Kinder: Dietmar (1964), Susan (1965), Natalia (1967), Milena (1970). Dietmar Bulat und seine Schwester Milena Kern, geborene Bulat, Neffe und Nichte von Reinhold Fränznick, wandten sich 2024 an die Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost mit der Anfrage nach der Verlegung eines Stolpersteins für ihren 1945 von einem Exekutionskommando der Wehrmacht erschossenen Onkel Reinhold Fränznick.
Reinhold Fränznick: Kriegsdienstverweigerung – Fahnenflucht – Tod
Reinhold Fränznick arbeitete als Lagerist, als er 1943 mit 17 Jahren gegen seinen Willen zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er warf seine Uniform (1) in den Neckar, trat den Kriegsdienst nicht an, sondern versteckte sich in einem Schuppen hinter dem Wohnhaus seiner Eltern. Eine Nachbarin denunzierte ihn, er wurde verhaftet und 1944 unter der Erkennungsmarke 6471 in die Ersatz- und Ausbildungskompanie 35 der Infanterie-Panzerjäger gesteckt. Hier verliert sich bis Mitte April 1945 die biografische Spur von Reinhold Fränznick. Er war offensichtlich schon längere Zeit im berüchtigten Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau inhaftiert. Die letzten Tage seines jungen Lebens sind aber durch den biografischen Beitrag über seinen Mithäftling Werner Kube, „Flucht in Ketten“, in der Publikation „Die Stunde Null“ (2) sehr gut dokumentiert.

Der 21-jährige Obergefreite der deutschen Luftwaffe, Werner Kube, Sohn kommunistischer Eltern, unterstützte in der Werkstatt des Flugplatzes Altenburg in Thüringen sowjetische Kriegsgefangene mit Lebensmitteln, sprach mit ihnen über den Frontverlauf und steckte ihnen für den Fall der Befreiung eine Skizze über die geografische Lage des Flugplatzes und sichere Fluchtwege zu. Er wurde denunziert und über mehrere Stationen in das Wehrmachtgefängnis Fort Zinna in Torgau, gebracht.
Mitte April 1945, als sich die Truppen der Alliierten Verbündeten immer weiter Torgau näherten, wurden die 3000 Häftlinge in einem Räumungsmarsch jeweils zu fünft an Ketten – in Richtung Riesa getrieben. Auch Werner ist mit vier jungen Kameraden durch Ketten verbunden: Reinhold Fränznick, Johann Jacobi, Kurt Erich Kindermann und Harry Prien. Trotz der Ketten wagen sie gemeinsam die Flucht. Weit kommen die fünf jungen Männer nicht. Die SS fängt sie ein und treibt sie ins nächste Dorf nach Brottewitz bei Mühlberg. Für drei Tage werden sie dort am Scheunentor des Gasthauses angebunden, sichtbar als abschreckendes Beispiel der Wehrmachtjustiz für die durchziehenden, demoralisierten Soldaten.
Unter Bewachung müssen sie danach ins acht Kilometer entfernte Belgern marschieren, wo ein „fliegendes Standgericht“ sie zum Tode verurteilt. Sie müssen sich zurück nach Brottewitz schleppen. Am 20. April 1945 um vier Uhr in der Früh werden sie gezwungen, ihr eigenes Grab zu schaufeln und an der Hinrichtungsstätte an der Friedhofsmauer drei Pfähle aufzustellen. Die Hinrichtung findet um 14 Uhr statt. Nacheinander werden sie an den Pfählen festgebunden.
Pfarrer Schwan aus dem Zuchthaus Torgau erteilt ihnen den letzten Segen. Werner Kube lehnt den Segen ab und bittet stattdessen den Pfarrer, seine Mutter zu benachrichtigen. An den Pfahl gefesselt, ruft er: „Nieder mit Hitler! Es lebe das freie Deutschland!“ (3). Der Pfarrer berichtet später Werner Kubes Mutter, Frau Rathsack, die nach dem Verbleib ihres Sohnes forscht, von der Erschießung. Ein Erschießungskommando aus 18 SS-Männern tötet die fünf jungen Menschen. Die Kleider vom Leib gezerrt schleifen die Mörder die Leichen über den Friedhof und verscharren sie in den Gruben. Einen Tag später, am 21. April 1945, zieht die Rote Armee in Brottewitz ein.

Auf dem Friedhof in Brottewitz erinnert ein Gedenkstein an Reinhold Fränznick und seine vier Mitgefangenen aus dem Wehrmachtgefängnis Fort Zinna in Torgau. In die Wand, an der die fünf Männer erschossen wurden, ist eine Gedenktafel eingelassen.

Im August 2026 wird von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten der verwitterte Gedenkstein durch eine neue Gedenktafel ersetzt, auf der auch der Name von Reinhold Fränznick korrekt geschrieben steht.
An der gegenüberliegenden Mauer wurden die fünf Kameraden erschossen. In die Mauer eingelassen ist seit 1952 eine Gedenktafel mit der Inschrift:
Hinter dieser Mauer
wurden die Kämpfer
gegen den Faschismus
Werner Kube
und seine vier Kameraden
am 20. 4. 1945 v. der SS erschossen
Am 19. Mai 2026 wurde in der Schönbühlstr. 72 ein Stolperstein für Reinhold Fränznick verlegt. Die Inschrift lautet:
((folgt))
Recherche: Familie von Reinhold Fränznick und Gudrun Greth, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost
Text: Johanna Heilweck-Backes
Projektgruppe “Ein Stolperstein für Reinhold Fränznick“: Dietmar Bulat, Milena Kern, Elisabeth Kohlhaas, Gudrun D. Greth, Johanna Heilweck-Backes, Thomas Haschke, DFG-VK Stuttgart (Grußwort), “Zuspiel” (Musikalische Begleitung).
Der Stolperstein für Reinhold Fränznick wurde dankenswerterweise von den Kindern und Enkeln seiner Schwester Karin Bulat, geb. Fränznick, gespendet.
Anmerkungen
(1) Nach der Erzählung von Karin Elisabeth Bulat gegenüber ihrem Sohn Dietmar Bulat kurz vor ihrem Tod 2023.
(2) Höntsch, Ursula: Flucht in Ketten. In: Dies. (Hrsg.): Die Stunde Null. Tatsachenberichte über Erlebnisse aus den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges. Berlin 1965, S. 120-128.
(3) vgl. Fußnote 2, Seite 12



