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Premiere in Stuttgart – Dornhaldenfriedhof: Hier richteten die Nazis ihre Gegner hin

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Hilke Lorenz – 19.05.2026 – 16:37 Uhr

Zum ersten Mal verlegt Gunter Demnig in Stuttgart eine Stolperschwelle für die Opfer der NS-Militärjustiz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zum ersten Mal verlegt der Künstler Gunter Demnig in Stuttgart eine Stolperschwelle auf dem Gebiet des Dornhaldenfriedhofs. Sie erinnert an 21 Menschen, die dort hingerichtet wurden.

Auch das kann bei einer Premiere geschehen: Das ausgehobene Loch ist zu tief. Gunter Demnig, Künstler und Initiator des Stolpersteinprojekts, ist gerade aus dem roten Kleinbus gestiegen, mit dem er seine Tour durch Stuttgart absolvieren wird. Der Dornhaldenfriedhof ist seine erste Station. Es ist 8.50 Uhr, als er inmitten der Menschen steht, die ihn hier erwarten. Zum ersten Mal soll in Stuttgart eine Stolperschwelle verlegt werden. Denn die friedliche Stimmung, die der Friedhof von Sonne beschienen heute verbreitet, täuscht über seine zeitweise auch furchtbare Geschichte hinweg.

Das Gelände des Dornhaldenfriedhofs war von 1869 bis 1968 ein Schießplatz. Alte Heslacher, so berichtet Werner Schmidt von der Stolperstein-Initiative, erinnern das Gelände als „No-go-Area“, weil man von dort oft Schüsse hörte. Zum Friedhof wurde es 1974.

21 Hinrichtungen auf dem heutigen Friedhofsgelände
In den Jahren 1941 bis 1945 fungierte das Areal, das zu Degerloch gehört, als Hinrichtungsort. Hier ließ die NS-Justiz Menschen nach militärgerichtlichen Todesurteilen erschießen. „Es waren mindestens 21 Soldaten und Polizisten“, sagt Bertram Maurer von der Stolperstein-Initiative Degerloch. Diese Zahl steht auf der Schwelle. Seit Jahren forscht Maurer zum Thema. Insgesamt wurden auf den Stuttgarter Schießplätzen nach seinen bisherigen Erkenntnissen 32 Menschen erschossen.

Einer, der auf dem Dornhaldenfriedhof am 1. November 1944 hingerichtet wurde, war Ewald Huth. Der Chordirektor und Organist aus Villingen war ein Gegner des Nazi-Regimes. Immer wieder äußerte er sich nach damaliger Meinung abfällig über die NS-Herrschaft. Er wurde denunziert und verhaftet. Von seinen Mitgefangenen ist überliefert, dass sie den damals schon 64-jährigen „Papa Huth“ als Respektsperson bewunderten. Er habe nichts verbrochen. Er habe einfach seine Meinung gesagt.

So wie Gustav Stange aus Stammheim, Schumacher in Heslach, den Eid auf Hitler nicht schwören wollte, weil er das als Zeuge Jehova nicht mit seinem Glauben vereinbaren konnte. Die Anklage vor einem Militärgericht lautete auf Wehrkraftzersetzung. Stange starb am 20. Februar 1942 auf dem Schießplatz Dornhalde. Am 10. August 1942 wurde Josef Martus dort hingerichtet. Das Vergehen des verheirateten Hauptwachmeisters der Schutzpolizei: Er hatte sich in einen Mann verliebt.

Blumen der Schüler für die Ermordeten. Foto: Hilke Lorenz/StZN

Das sind drei Schicksale, mit denen sich auch die Schülerinnen und Schüler der Waldschule Degerloch und der Fritz-Leonard-Realschule auseinandergesetzt haben. In der Bildungsplaneinheit Erinnern haben etwa Marie-Jacqueline Homburgs Schülerinnen und Schüler das Stolpersteinprojekt kennengelernt. Sie putzten zwei Stolpersteine in Degerloch und stehen nun aufmerksam mit einer Nelke in der Hand in Nähe der Stolperschwelle.

Gedenkrunde mit Eimern und Schaufel
Inzwischen hat auch das ausgehobene Loch die richtige Tiefe. Ein paar Besucher der Gedenkrunde sind kurzerhand mit Eimern zum in der Nähe liegenden Betriebshof des Friedhofs gelaufen und haben dort Füllmaterial zum Aufschütten geholt. Gunter Demnig kann mit seinem Assistenten Frank-Matthias Mann das Loch vermessen und mit Wasserwaage, Zollstock und Zement die Stolperschwelle in die richtige Position bringen. Darauf steht „1941 – 1944, Maschinengewehrschießstand, Militärischer Schießplatz Dornhalde, mindestens 21 Soldaten und Polizisten werden nach militärgerichtlichen Todesurteilen hier erschossen“.

Bertram Maurer wird weiterforschen. Und die Schüler legen ihre Nelken ab. Einer von ihnen wischt den Dreck, der auf der Schwelle liegt, ab. Die Arbeiter der Tiefbaufirma machen den Rest. Gunter Demnig ist inzwischen längst weitergezogen.