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Neue Stolpersteine in Stuttgart – „Meine Mutter ist mit ihrem Leben versöhnt“

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Teresa Schäfer – 19.05.2026 – 14:22 Uhr

Hennys Sohn Marc (links) und ihr Enkel Ryan Porter haben Blumen auf die vier Stolpersteine gelegt, die nun in der Ludwigstraße 10 im Stuttgarter Westen an ihre Familie erinnern. Foto: StZN/Schäfer

Vier Stolpersteine erinnern im Stuttgarter Westen nun an die von den Nazis vertriebene Familie Katz. Die Tochter, Henny, lebt noch – sie ist 101 Jahre alt.

Salbei und Thymian. Diese beiden Kräuter hat Marc Porter neben die Stolpersteine gestellt. Sie sind für seine Mutter Henny. Salbei, auf Englisch sage, für Weisheit. Thymian, thyme, auf dass sie noch lange lebe.

Henny Porter ist 101. Eigentlich wollte sie die Stolpersteinverlegung via Facetime live erleben. Aber in Florida, wo sie wohnt, ist es mitten in der Nacht, als Gunter Demnig am Dienstagmorgen im Stuttgarter Westen die Gedenksteine für sie und ihre Familie verlegt. Vier von elf an diesem Tag. Hennys Enkel Ryan zeichnet die Zeremonie für sie auf.

Das Haus der Familie Katz gibt es heute nicht mehr
Das Haus in der Ludwigstraße 10, in dem Henny Porter als junges Mädchen lebte, gibt es nicht mehr. Es wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. An seiner Stelle steht heute ein nüchternes Wohnhaus aus den 1960er Jahren. Davor hat sich eine Gruppe Menschen versammelt, auch Schülerinnen und Schüler vom Friedrich-Eugens-Gymnasium und dem Mädchengymnasium Sankt Agnes sind dabei.

Hennys Familie – ihre Mutter Rosa Katz, ihr Vater Moritz, ihr jüngerer Bruder Julius – wurde in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben. Nun, sagt Marion Weber, die für die Stolperstein-Initiativen ehrenamtlich das Schicksal der Familie Katz recherchiert hat, „kehren ihre vier Namen an diesen Ort zurück“. Mit den vier Steinen, die Gunter Demnig in das vorbereitete Loch im Asphalt setzt.

Der Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine für die Familie Katz. Foto: LICHTGUT/Leif Piechowski

Rosa und Moritz Katz kamen aus Galizien nach Stuttgart. 1924 heiraten sie, ein Jahr später kommt Henny zur Welt, 1929 bekommen die beiden einen Sohn, Julius. Die Katz’ sind erfolgreich, gründen ein Schuhgeschäft, das „Schuhhaus im Zentrum Katz u. Cie.“, eröffnen später noch zwei Filialen. Doch als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kommen, sind die Katz’ als Juden immer schlimmeren Repressionen ausgesetzt. Besonders schmerzhaft ist für Henny, die begeisterte Schwimmerin, dass sie als jüdisches Kind kein Schwimmbad mehr besuchen darf. In der Pogromnacht 1938 zerstören marodierende Nazi-Horden das Geschäft der Familie.

Ein Jahr lang ist Henny auf sich allein gestellt in Stuttgart
Schließlich gelingt erst Hennys Vater Moritz die Flucht aus Deutschland, ihr jüngerer Bruder Julius bekommt einen Platz in einem „Kindertransport“ nach Großbritannien. Im Glauben, auch Henny werde bald mit einem der „Kindertransporte“ Nazi-Deutschland verlassen können, flieht Rosa nach Italien. Doch inzwischen ist der Krieg ausgebrochen und Henny sitzt in Stuttgart fest. Ein Jahr lang lebt sie erst bei einer Schulfreundin, später bei einer Frau, die ihr durch die jüdische Gemeinde vermittelt wurde. Jeden Tag muss sie sich bei der Gestapo melden, rechnet jederzeit damit, deportiert zu werden. Ein nicht aufhören wollender Alptraum für ein 14-jähriges Mädchen.

Ihnen gelang die Flucht vor den Nazis: Moritz Katz mit den Kindern Julius und Henny. Foto: Stolperstein-Initiativen/privat

Verzweifelt zieht ihre Mutter Rosa von Italien aus alle Register, um ihre Tochter aus Deutschland herauszubekommen. Schließlich kann Henny – in allerletzter Sekunde – nach Italien ausreisen und trifft dort ihre Eltern wieder. Zu dritt gelingt ihnen die Emigration nach Amerika. Erst 1943, als Julius in den USA ankommt, sind die Katz’ wieder vollständig an einem Ort vereint. Nach Kriegsende beginnt für die vertriebene Familie ein jahrelanges, zermürbendes und demütigendes Ringen mit den deutschen Behörden um Wiedergutmachung.

In den 1980ern kehrt Henny Porter nach Stuttgart zurück
Henny Porter kehrte in den 1980er Jahren im Rahmen der vom damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel angestoßenen Besuchsprogramme für ehemalige, von den Nazis vertriebene Stuttgarterinnen und Stuttgarter in ihre alte Heimatstadt zurück. „Danach fiel es ihr leichter, nicht nur die schweren Jahre zu erinnern, sondern auch die glückliche Zeit, die sie als Kind hier hatte“, sagt ihr Sohn. „Sie ist mit ihrem Leben versöhnt.“ Kurz vor ihrem 100. Geburtstag wurde sie 2025 deutsche Staatsbürgerin.

Marc und Ryan Porter haben Thymian und Salbei mitgebracht – sie sind für Henny Porter. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nachdem Gunter Demnig die Stolpersteine gelegt hat und der Klarinettist Oliver Schütze zwei Klezmer-Musikstücke gespielt hat, wäre eigentlich der Moment gekommen, in dem zwei Schülerinnen ein Gedicht der Holocaust-Überlebenden Gerty Spieß vorlesen. Doch ein Schüler verträgt das lange Stehen nicht und wird ohnmächtig. Bis der Krankenwagen eintrifft, wird die Zeremonie unterbrochen.

Nach dem Gedicht „Der Unschuldigen Schuld“ tritt Marc Porter ans Mikrofon. Er überbringt die Grüße von seiner Mutter Henny. In Stuttgart habe sie die dunkelsten Zeiten erlebt, aber hier sei sie auch zu dem „poetischen, wunderbaren Menschen geformt worden“, der sie sei. Vor seinem Flug nach Deutschland, erzählt er, habe ihm seine Mutter aufgegeben, besonders nach den Kastanienbäumen Ausschau zu halten, die um diese Jahreszeit in Stuttgart blühen. Und am Feuersee an der Johanneskirche vorbeizugehen – wo sie und ihr Bruder Julius im Winter Schlittschuh liefen.