Artikel aus der Stuttgarter Zeitung –
Jan Sellner – 17.04.2026 – 16:50 Uhr

Mindestens 21 Polizisten und Soldaten wurden zwischen 1941 und 1945 auf dem MG-Schießstand auf der Dornhalde hingerichtet. Eine Ausstellung in Degerloch erinnert an das Unrecht.
Das bewegende Schicksal von Ewald Huth ist erforscht. Seine Geschichte geht in Kürze so: Geboren 1890 in Hersfeld, Ausbildung zum Kirchenmusiker, Krankenpfleger im Ersten Weltkrieg, Chordirektor und Organist in Villingen. Verheiratet. Vater. Nazi-Gegner. Als ein Offiziersanwärter 1943 um die Hand einer seiner Töchter anhielt, ließ er diesen wissen, was er vom NS-Staat hielt: nichts! Auch im Gespräch mit einer Nachbarin äußerte er sich abfällig über die NS-Herrschaft. Daraufhin wurde er denunziert. Es folgte seine Einberufung als Gendarm, obwohl er im Ersten Weltkrieg aufgrund einer Sehschwäche für untauglich befunden worden war, später die Anklage wegen „Wehrkraftzersetzung“ und die Verurteilung zum Tode durch das SS- und Polizeigericht XI in Stuttgart mit Sitz in einer enteigneten Villa in der Wannenstraße 16; als Gendarm unterstand Huth der SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Am 1. November 1944 wurde er auf dem Maschinengewehrstand des Schießplatzes auf der Dornhalde erschossen.
Die Ausstellung im Degerlocher Rathaus ist bis 8. Juni zu sehen
Der deutscher Comiczeichner und Illustrator Tobias Dahmen hat diese Geschichte in seiner Graphic Novel „Columbusstraße“ verarbeitet. Er zitiert darin aus der Stuttgarter Gerichtsverhandlung gegen Huth, dessen Familie in Villingen um dessen Leben bangte, und zitiert den verantwortlichen SS-Richter Hoffmann, wonach der Angeklagte „in einer geradezu verbrecherischen Weise kirchenhörig“ sei: „Einer schwarzen Wühlmaus gleich ist er stets bestrebt, die Grundfeste unseres deutschen Vaterlandes zu untergraben.“
Das Schicksal Ewald Huths ist eines von 21, die Thema der am Donnerstag eröffneten Ausstellung „Opfer der NS-Militärjustiz – Hinrichtungen auf der Dornhalde“ im Bezirksrathaus Degerloch sind; sie war zuvor in der benachbarten Geschichtswerkstatt und in Zuffenhausen und Bad Cannstatt gezeigt worden. Bezirksvorsteher Colyn Heinze holte sie jetzt ins Degerlocher Rathaus, weil sie „einen tiefen Einblick in Einzelschicksale“ wie das Ewald Huths gebe und zugleich Strukturen des NS-Staats abbilde. Am „Ort der Eheschließungen und der Wartemarken für das Bürgerbüro“ könnten sich die Bürger nun bis 8. Juni ein Bild machen, was auf der Dornhalde geschehen sei.

Herausgearbeitet und in jahrelangen Recherchen vertieft hat dieses Geschehen der Lehrer, Fachbuchautor und Mitbegründer des Vereins Garnisonsschützenhaus, Bertram Maurer. Er kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 1941 und 1945 mindestens 32 Soldaten und Polizisten auf Stuttgarter Schießplätzen infolge militärgerichtlicher Urteile erschossen wurden: „Mindestens 21 davon auf dem Schießplatz, der sich am Ort des heutigen Dornhaldenfriedhofs befand.“ Als Gründe für die Todesurteile wurden „Kriegsverrat“, „Desertion“ oder „Plünderung“ angegeben. Im Falle des 1903 in Oppenweiler geborenen Gustav Stange, der in Stammheim lebte, war es die Verweigerung des Eids auf Hitler. Als Zeuge Jehovas war er dem Stellungsbefehl nicht nachgekommen. Ein Militärgericht mit Sitz in der Villa Levi auf dem Killesberg verurteilte ihn im Januar 1942 daraufhin wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Am 20. Februar desselben Jahres wurde er auf dem MG-Schießstand Dornhalde hingerichtet.
Bis 1968 wurde der Schießstand genutzt
In Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Degerloch, dem Hotel Silber, den Anstiftern und den Stolperstein-Initiativen dokumentiert Maurer dieses düstere Kapitel Stuttgarter NS-Geschichte. Auf leicht lesbaren, großformatigen Geschichtstafeln erzählt er die Geschichte des 1918 angelegten Maschinengewehrschießstandes in einem Teil des seit 1869 bestehenden militärischen Schießplatzes, der sich auf Degerlocher Gemarkung befand und bis 1965 von der Polizei und bis zu seiner Schließung 1968 von der Bundeswehr genutzt wurde. 1974 eröffnete dort der Dornhaldenfriedhof.
Anders als die Schicksale von Ewald Huth und Gustav Stange sind die vieler anderer Hingerichteter bisher nur bruchstückhaft bekannt. Das von Anton Gosienecki gehört dazu, der wegen „Desertion“ erschossen wurde oder das von Wilhelm Stähle aus Feuerbach, der der Luftschutzpolizei angehörte und der „Plünderung“ bezichtigt wurde. Bertram Maurer stellt klar: „Da ging es nicht um tatsächliche Verfehlungen.“ Das NS-Regime habe vielmehr Menschen vernichten wollten, „denen die ,Manneszucht‘ fehlte. „Ein monströser Begriff, der zentral war in der militärischen Justiz.“

Die sehenswerte Ausstellung führt hin auf die Verlegung einer sogenannten Stolperschwelle durch den Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig am 19. Mai um 8. 30 Uhr auf dem Dornhaldenfriedhof. Sie solle exakt an der Stelle platziert werden, an der sich der Maschinengewehrschießstand befand und an die dort Hingerichteten erinnern.
Werner Schmidt von den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen nennt die Ausstellung und die Verlegung der Stolperschwelle einen wichtigen Beitrag, „dass die Geschichte nicht vergessen wird und die mutige Haltung dieser Menschen eine Würdigung erfährt“. Ihr Schicksal führe „drastisch vor Augen, wohin die Aufhebung der Gewaltenteilung und der willkürliche Einsatz staatlicher Gewalt führt“.



