Das Schicksal der Familien Stern/Katz

Das Schicksal der Familien Stern/Katz verdeutlicht das unendliche Leid, das drei Generationen jüdischen Glaubens durch die Verbrechen Nazi-Deutschlands ertragen mussten. Alle Verbrechen, die die Juden auf Grund des Rassenwahns erleiden mussten, hat diese Familie erleben und durchstehen müssen, so unter Zwang der politischen Verhältnisse den Verkauf des Anwesens und Emigration, Konzentrationslager, Euthanasie, Vergasung, die totale psychische Zerstörung und die Flucht in den Freitod.

Das Haus Lessingstraße 10 war seit 1897 lange Zeit das beschützende Zuhause, dann aber auch der Zufluchtsort von vier Generationen der Familie Stern gewesen, bis sie unmittelbar nach der Pogromnacht vom 11. November 1938 unter dem Zwang der Verhältnisse das Anwesen noch am 31. Dezember 1938 verkauften, um noch emigrieren zu können.

Emilie SternEmilie Herrmann, geb. am 15. Mai 1873 in Stuttgart, Hausfrau, heiratete am 15. Juni 1899 Abraham Hugo Stern, Direktor der Tivolibrauerei in der Seidenstraße 23, heute Parkhaus Tivoli. 1935 kam es zur Fusion, die Brauerei ging in der Brauerei  Stuttgarter Hofbräu auf. Hugo Stern kaufte 1897 das Haus Lessingstraße 10. Zuvor hatte er in der Johannesstraße gewohnt. Den Eheleuten wurde am 26.11.1900 Walter Leopold und 1902 Edith Johanna geboren. Sie alle lebten in der Lessingstraße 10. Am 14.12.1908 starb Abraham Hugo Stern an einem Schlaganfall.
Emilie Stern sorgte weiterhin in der Lessingstraße 10 für ihre Kinder Walter und Edith. Ihre Mutter,  die in der Falkertstraße 105 gewohnt hatte, bezog nach dem Tod ihres Mannes 1918 im Haus ihrer Tochter eine Wohnung in der Lessingstraße 10.
Nach der Machtübernahme Hitlers am 31.1.1933 begannen die Repressionen gegen die jüdischen Deutschen. Das Haus Lessingstraße 10 in bester Lage, bewohnt von Emilie Stern (Sohn Walter war 1936 emigriert) und seit 1936 von Tochter Edith und Enkel Werner. Nach der Pogromnacht vom 11. November 1938 sah sich die Familie durch die politische Lage gezwungen, ihr Anwesen zu verkaufen.  Emilie Stern konnte im Mai 1939 nach London zu ihrem Sohn Dr. Walter Leopold Stern emigrieren. Ohne Kenntnis der englischen Sprache blieb sie eine einsame Fremde. In Kenntnis des schrecklichen Schicksals ihrer Familie während und nach der Naziherrschaft starb sie an gebrochenem Herzen am 26.1.1949 in London.

Dr. Walter SternDr. Walter Stern, geb. am 26.11.19000, wohnte bis zum Sommer 1936 bei seiner Mutter in der Lessingstraße 10. Schon unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 und der Verfolgung jüdischer Menschen wurde er sich der Gefahr für Leib und Leben bewusst. Er emigrierte am 21.6.1936 nach London und gründete die Firma Londex ltd. Das Unternehmen entwickelte u.a. hoch komplexe, ab 1939 kriegswichtige elektrische Geräte und Kontrollsysteme. Die Firma hatte nach dem Krieg mehr als 400 Mitarbeiter und existiert noch heute. Dr. Stern wurde 1947 britischer Staatsbürger und starb am 11.5.1977 in London. Am 29.4.1960 wurden ihm und seiner Ehefrau Francine Dubois die Zwillinge Martine und Veronique in Paris geboren. Francine Dubois, die Mutter, geb. 15.8.1922, starb am 13.7.2011. Das Ehepaar Stern/Dubois lebte getrennt.

Edith KatzAuch Edith Stern, geb. am 7.12.1902, die Tochter von Hugo und Emilie, wohnte bei ihren Eltern in der Lessingstraße 10 und besuchte nach dem Abitur die Handelsschule. Am 24.8.1924 heiratete sie Dr. Walter Katz, einen Rechtsanwalt in Mannheim. Dort wurden ihnen am 13.3.1926 der Sohn Erich und am 23.1.1927 der Sohn Werner geboren. Die Ehe wird 1930 geschieden. Nach der Scheidung arbeitete Edith Katz als Geschäftsführerin in der Zweigstelle von Schoko-Buck in Frankfurt. Edith Katz vertritt dort auch die Filiale der Firma in Stuttgart. Das Geschäftsklima ist stark von dem um sich greifenden Antisemitismus und dem wachsenden Neid ihrer Mitarbeiter geprägt.
In den Büroräumen wird willkürlich ein Feuer gelegt. Dies nutzen antisemitische Kollegen in Frankfurt und verleumden die Geschäftsführerin Edith Katz und so wurde sie im Mai 1936 wegen Beleidigung  zu drei Monaten im Frauengefängnis Gotteszell/Schwäbisch Gmünd verurteilt. Nach der Haft zog sie mit Sohn Werner in die Lessingstraße 10 zu ihrer Mutter.
Ohne ihren Sohn gelang ihr am 25.11.1938 eine überstürzte Emigration auf dem Schiff SS Hamburg von Southampton nach New York/USA (1.9.1939 keine Fluchtmöglichkeit). Auch Werner Katz gelang die Flucht, er konnte noch im Januar 1940 zu seiner Mutter emigrieren. In Einsamkeit und Armut sowie im Wissen um die Ermordung von Sohn Erich in Gurs nahm sich Edith Katz am 7. Januar 1943 das Leben.

Erich Katz, geb.13.3.1926 in Mannheim war durch Krankheit behindert und war seit dem 11.5.1928 im Sankt Josephshaus Herten bei Lörrach hospitalisiert. Diagnose: “versatiler Idiot“. 1940 entging er der T4-Aktion, wurde aber am 26.4.1942 nach dem Ghetto Izbica deportiert (Evakuierung in das Generalgouvernement) und in Treblinka ermordet. Sein Vermögen musste sein Stuttgarter Pfleger Alois Thamasett Stuttgart auf das Konto “Verwaltung des jüd. und reichsfeindlichen Vermögens Karlsruhe“ überweisen. Er verbrachte immer wieder Ferien und Freizeiten in der Lessingstraße 10 bei seiner Grossmutter Emilie Stern.

Werner Katz, geb. 23.1.1927 zog nach der Scheidung seiner Eltern von Mannheim nach Frankfurt zu seiner Mutter Edith Katz. Von Februar 1934 bis März 1937 war er Schüler im jüdischen Internat in Königstein. Als die einzige Lehrerin emigrierte, musste die Schule schließen. Werner zog mit seiner Mutter zur Großmutter Emilie Stein zum Stammhaus nach Stuttgart in die Lessingstraße 10. Doch anders als seine Mutter war ihm die Erlaubnis zur Emigration verweigert worden. Werner kam zunächst ins jüdische Waisenhaus Esslingen, nach dessen Schließung 1939 zu jüdischen Pflegeltern nach Halle/Saale. Im Dezember 1939 erhält er mit Hilfe des US-amerikanischen Konsuls doch noch die Erlaubnis, zu seiner Mutter in die USA auszuwandern. Er versucht ein neues Leben. Nach dem Freitod seiner Mutter 1943 erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaft, nannte sich Werner Thomas Katen, war als Soldat bei der Invasion in der Normandie dabei und erschoss sich – nach Ende des Kriegs - mit 18 Jahren am 25.5.1945. Die Vernichtung seiner ganzen Familie, die Shoah und die Existenz in der Fremde hatten ihm jegliche jugendliche Energie und Lust am Weiterleben geraubt. Er ruht auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof in Hamm-Luxemburg.

Zum Gedenken an Emilie Stern, Dr. Walter L. Stern, Edith Katz, Erich Katz und Werner Katz hat der Kölner Künstler Gunter Demnig am Montag, den 21.9.2020 fünf Stolpersteine vor der Lessingstraße 10 in Stuttgart verlegt.

Text und Recherche: Freimute Ghosh, Initiativkreis „Stolpersteine für Stuttgart-Nord"

 

STOLPERBLICK - StolperKunst in Corona-Zeiten

Künstler*innen bleiben gerade auch in diesen Zeiten präsent und begegnen einem konkreten Stuttgarter Stolperstein oder einem anderen Ort, der in Stuttgart an die Verfolgungen in der NS-Zeit erinnert

 

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Silke Arning auf SWR2 über das Los der Zwangsarbeiter im Lager auf der Schlotwiese

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

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