Die Familie Kulb
Elsa Eisinger wurde am 7. September 1879 in der Jüdischen Gemeinde Stebbach, im früheren Kreis Sinsheim, geboren. Sie war mit dem Lehrer Moritz Kulb verheiratet, geboren 1875 in Hösbach bei Aschaffenburg als Sohn eines Kaufmanns. Er studierte am Lehrerseminar in Esslingen und war bis 1926 Pädagoge an der Jüdischen Volksschule in Sontheim bei Heilbronn. Von 1926 bis 1936 wirkte er als Religionslehrer, Kantor, Prediger und Vorsitzender des Israelitischen Vorsteheramts in Öhringen.
Das Ehepaar Kulb hatte drei Kinder: Klara wurde am 4. Januar 1906 geboren, Rosa am 13. Mai 1908, Ilse am 7. August 1910, die alle in Sontheim am Neckar, seit 1938 ein Stadtteil von Heilbronn, zur Welt kamen. Moritz Kulb erkrankte in seinem sechzigsten Lebensjahr, gab seinen Lehrerberuf auf und zog mit seiner Frau Elsa und Tochter Rosa 1936 nach Stuttgart in die Seestraße 95. Dort wohnten auch zwei weitere jüdische Familien aus Heilbronn. Bereits ein Jahr später, am 20. März 1937, starb Moritz Kulb und wurde im israelitischen Teil des Pragfriedhofes beigesetzt. Elsa Kulb wohnte zusammen mit Tochter Rosa Kulb noch bis 1940 in der Seestraße 95.
Klara Kulb heiratete am 2.3.1937 den Kaufmann Erich Freund. Wo das Paar lebte, ist nicht bekannt. Ihr Ehemann ist offensichtlich nach London und von dort 1940 in die USA ausgewandert. Klara Freund ist 1940 zu ihrer Mutter Elsa nach Stuttgart in die Seestraße 95 gezogen.
Ilse Kulb, die jüngste Tochter, machte von 1928 bis 1931 eine Banklehre in Heilbronn. Nach einem Fremdsprachenstudium im Ausland, kehrte sie 1936 wieder nach Deutschland zurück. Da sie ihren Beruf als Bankangestellte aber nicht mehr ausüben durfte, ließ sie sich 1936 bis 1937 am Marienhospital in Stuttgart als Krankenschwester ausbilden. Im Februar 1938 emigrierte sie in die USA und nahm dort die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Bis 1947 lebte Ilse Kulb in New York, danach kehrte sie wieder nach Deutschland zurück.
Entrechtung, Entwürdigung, Enteignung 1933 – 1941
1933 begann in Deutschland die zielgerichtete Ausgrenzung der deutschen jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten. Das Reichsbürgergesetz vom 15. September 1935 „zum Schutz des deutschen Volkes und der deutschen Ehre“ und „zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes (Ehegesundheitsgesetz)“ untersagte jeden Kontakt zwischen jüdischen und nichtjüdischen, sogenannten arischen, Personen. Dies führte zu einem vollständigen rechtlichen und kulturellen Ausschluss, vor allem aber zu einer systematischen wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung. Den Einschränkungen in der Berufsausübung folgten Zwangsverkäufe und Enteignungen von Betrieben und Geschäften. Ab 1938 hatten Juden reichsweit eine nach Besitzstand gestaffelte „Judenvermögensabgabe“ als „Sühneleistung“ zu entrichten. Darunter fielen auch Schmuck, Edelmetalle und die Einziehung von Wertpapieren und Bankguthaben. Insgesamt hatten die Juden eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde RM aufzubringen.
Die Judenvermögensabgabe für Elsa Kulb betrug 3000 Reichsmark (RM). Bankguthaben wurden im Wert von 5500 RM, Wertpapiere in der Höhe von 7700 RM eingezogen. An die Pfandleihanstalt gab sie Gold- und Silbergegenstände im Wert von 400 RM ab, der Ersatz für den reinen Metallwert wurde auf nur 54 RM festgesetzt. Der Verlust ihrer Wohnungseinrichtung betrug 25.000 RM. Diese Angaben entstammen der Finanzverwaltung aus der NS-Zeit, insbesondere aber aus den Entschädigungsakten der Nachkriegszeit.
Juden, die auswandern wollten, hatten eine „Auswanderungsabgabe“ zu zahlen, die mehrmals erhöht wurde. Für Ilse Kulb waren dies 1938 ca. 1200 RM.
1939 trat das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ in Kraft. Juden und Jüdinnen durften danach nur noch in Gebäuden wohnen, die sich in jüdischem Besitz befanden. Die Aktion dieser selbst zu organisierenden Zwangsumzüge musste bis zum 1. Dezember 1939 abgeschlossen sein. Elsa Kulb und ihre Töchter Rosa und Klara wohnten daraufhin 1940 in der Hauptmannsreute 17.
Deportation und Ermordung 1941/1942
Im Zuge des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion im Juli 1941 und der Euphorie angesichts der Eroberungen an der Ostfront, genehmigte Adolf Hitler im September Massendeportationen von Juden aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Luxemburg umzusetzen. Zwischen 15. Oktober und 5. November fuhren 20 Transporte mit 19.593 Juden nach Lodz. Bereits am 8. November begann die zweite Deportationswelle, die bis Februar 1942 andauerte. 22 Transporte mit ca. 22.000 Juden fuhren vom Reich ins Reichskommissariat Ostland, sieben davon nach Minsk, fünf nach Kaunas und zehn nach Riga. (1)
Nach dem Gestapo-Erlass vom 18. November 1941 wurde „im Rahmen der gesamteuropäischen Entjudung“ der erste Transport von Juden aus Stuttgart und den Provinzen Württemberg und Hohenzollern vorbereitet. Die Jüdische Kulturvereinigung Württemberg e.V. (Jüdische Mittelstelle) war gezwungen, bei der Organisation und Zusammenstellung des Transports zu helfen. Die erste Deportation wurde von der Gestapo gegenüber den Betroffenen und der Bevölkerung noch als „Umsiedlung“ bezeichnet. Ausdrücklich wurde dazu aufgefordert u.a. Werkzeug, Öfen, Küchengeräte mitzuführen. Für den Transport waren 50 RM pro Person zu zahlen. Ab dem 27. November hatten sich die zur Deportation vorgesehenen Juden in einem Sammellager am Stuttgarter Killesberg einzufinden.
Elsa Kulb und ihre beiden Töchter Rosa und Klara warteten mit weiteren 1000 Personen in der ehemaligen Ehrenhalle des Reichsnährstandes auf dem Reichsgartenschaugelände unter entsetzlichen hygienischen Verhältnissen bis zu drei Tagen auf den Abtransport nach Riga. Nachts schlief man auf dem blanken Fußboden, ohne Matratze, Strohsack oder Bettdecke, der Rucksack diente als Kopfkissen. Am 1. Dezember ging es dann frühmorgens um drei Uhr in einem Fußmarsch hinunter zum Nordbahnhof. Der Sonderzug Da 33 (Da stand für deutsche Auswanderer) erreichte am 4. Dezember Riga. Da die Räumungsaktion des Rigaer Ghettos noch nicht abgeschlossen war, wurden die Deportierten zunächst in dem heruntergekommenen Gehöft Jungfernhof untergebracht. An den unerträglichen Zuständen im Lager und der Kälte bis zu minus 40 Grad starben in den folgenden Wintermonaten allein über 800 Menschen. (2)
Am 26. März 1942 wurden bei einer Massenerschießung im Wald von Bikernieki (Birkenwäldchen) Elsa Kulb und ihre beiden Töchter Klara und Rosa ermordet. Nur insgesamt 43 der 1013 Menschen des ersten Deportationszuges aus Stuttgart überlebten.
Wiedergutmachung
Ilse Kulb, die jüngste Tochter von Elsa Kulb, kehrte 1948 wieder nach Deutschland zurück. Sie arbeitete als Regierungsangestellte in Frankfurt am Main. 1950 stellte sie entsprechend dem 1949 verabschiedeten Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts einen Antrag auf Entschädigung für die Vermögenswerte, die ihrer Mutter durch das Deutsche Reich entzogen worden waren. Die Wiedergutmachungsstelle gestand der Alleinerbin Ilse Kulb einen Betrag von 1600 DM zu. Die Entschädigung für den Freiheitsentzug in der Zeit von 1933 bis 1945 wurde nach dem Bundesentschädigungsgesetz auf 900 DM festgesetzt. Gegen diese geringen Entschädigungsleistungen hat sie Einspruch erhoben und in langwierigen Gerichtsverfahren für mehr gerechten Ausgleich gekämpft. In einem abschließenden Verfahren erhielt sie 1963 als Entschädigung für Schaden im beruflichen Fortkommen eine Summe von 6300 DM.
Erinnern und Gedenken (3)
Der NS-Staat hatte Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet und betrieben, in denen nahezu sieben Millionen europäische Juden ermordet wurden, Junge und Alte, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche. Darunter waren rund 600.000 jüdische Deutsche.
Stuttgart hatte 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, fast 5.000 jüdische Einwohner, 12 Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkrieges, waren es nur noch 123. 2000 Menschen konnten noch rechtzeitig ins Ausland flüchten, fast 3000 Personen wurden deportiert und ermordet. Darunter war auch Elsa Kulb mit ihren Töchtern Rosa und Klara.
Die übergroße Mehrheit der Deutschen erklärte nach Kriegsende, „davon haben wir nichts gewusst.“ Und die meisten von ihnen wiederholten diese Behauptung auch noch Jahrzehnte später, verbunden mit der Forderung, „davon wollen wir nichts mehr hören, es muss doch endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden.“ 2018 hatte der Partei- und Fraktionsvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland relativiert. „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr.“ (4)
„Die Juden“, die waren im christlichen Abendland, die waren in Deutschland immer „die Anderen“ bei uns. Für die millionenfachen Morde an ihnen in der Zeit des sog. ‚Dritten Reiches‘ ist niemand von uns mitverantwortlich. Aber jeder von uns ist mitverantwortlich dafür, wie wir mit diesen Verbrechen, mit dieser historischen deutschen Schuld umgehen.
Heute kommen in der Seestraße 95 zu den fast 900 in Stuttgart verlegten Stolpersteinen zwei weitere Steine hinzu. Sie sollen eine Gedenkstelle für Elsa und Rosa Kulb sein. Sie sollen uns mahnen, heute und in Zukunft jeder Aufspaltung in ein „Wir und die Anderen“ mit Entschiedenheit und aller Kraft entgegenzutreten.
Recherche und Text: Johanna Heilweck-Backes, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Nord
Anmerkungen
1 Vgl. Tenhumberg, Reinhard: Transport, Zug Da 33 von Stuttgart nach Riga. Unveröffentlichte Word-Datei.
2 Vgl. Der Killesberg unterm Hakenkreuz. Hrsg. Geschichtswerkstatt Stuttgart Nord e.V. Stuttgart, April 2012. S. 25-31.
3 Harder, Wolfgang: Unveröffentlichtes Manuskript.
4 https://www.welt.de/politik/deutschland/article176912600/AfD-Chef-Gauland-bezeichnet-NS-Zeit-als-Vogelschiss-in-der-Geschichte.html. Abruf: 30.6.2019
Quellen
Der Killesberg unterm Hakenkreuz. Hrsg. Geschichtswerkstatt Stuttgart Nord e.V. Stuttgart, April 2012, 60 S.
Staatsarchiv Ludwigsburg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart.
http://www.alemannia-judaica.de/oehringen_synagoge.htm
www. Tenhumbergreinhard.de



