Stolpersteine für Manfred und Alice Straus und ihre Mutter Sophie Fellheimer

Manfred und Alice StrausDie Familien Straus und Fellheimer waren alteingesessene und hochgeachtete Geschäftsleute und Fabrikanten in Stuttgart.
Manfred Straus, geb. am 10.12.1878 in Cannstatt,  war einer der Teilhaber der Firma Straus und Co., Bettfedernfabriken, Untertürkheim (gegr. 1863 in Cannstatt) neben Karl, Ludwig, Leo und Max Straus. Sie gehörten zu den reichen Stuttgarter Fabrikanten. Über sie sagt Maria Zelzer in ihrem Buch „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“: „Die reichen Juden leben wie ihre christlichen Mitbürger im Banne schwäbisch-protestantischer Betriebsamkeit und Bescheidenheit“. Die Straus-Familie gehörte zur „Museums-Gesellschaft“ und damit zu den gesellschaftlich höchsten Kreisen, wie die Kaulla und Pfeiffer. Der Kaufmann Julius Fellheimer, der Vater von Alice Straus, war zeitweise Präsident der Stuttgart-Loge „Bnej Brith“ (hebräisch „Söhne des Bundes“), der 1899 von Stadtrabbiner Dr. Kroner gegründeten Loge zur Förderung der Toleranz, Humanität und sozialem Handeln.
Julius Fellheimer starb 1929. Auf seinem Grabstein im jüdischen Teil des Pragfriedhofs sind die Schicksale seiner Frau Sophie Fellheimer, verschleppt und gestorben in Theresienstadt, und von Tochter und Schwiegersohn Alice und Manfred Straus, getötet in Riga, in Konzentrations-Lagern des 3. Reichs, eingetragen.

Alice Straus, geb. Fellheimer, wurde am 7.12.1883 in Stuttgart geboren. Ihre Mutter, Sophie Fellheimer, geb. Frank, geb. am 8.7.1862 in Stuttgart, hatte 1882 Julius Fellheimer geheiratet. Dieser war Teilhaber zuerst der Firma M. Fellheimer, später des Seidenhauses Gebr. Frank auf der Königstraße 56. Hier wohnten die Fellheimers auch mehrere Jahre, die frühe Kindheit verbrachte die kleine Alice am Hang des Kriegsbergs. Beim Tod des Julius Fellheimer 1929 blieb Sophie zuerst in der damaligen Wohnung Lessingstraße 8, bis zu Beginn des 3. Reichs die Kinder Alice und Manfred Straus die 71-jährige Mutter zu sich in die Goethestraße holten. Etwa 1934 zogen alle in das Haus Hohenstaufenstraße 9.
Dieses war ein kleineres dreistöckiges Wohngebäude im Neobarockstil, erbaut um 1900 (leider im Krieg zerstört). Der Vetter Max Straus, Kgl. Dänischer Konsul und Mitglied im israelitischen Oberrat, wohnte bereits darin. Er ging 1939 in die Schweiz.  

Zur Familie gehörten die Söhne Gerhard (geb. 1905) und Hans (geb. 1907). Gerhard emigrierte im November 1938 nach Amerika, Hans im August 1939 nach England. Die Kinder brachte man im Ausland in Sicherheit, die Eltern blieben in Deutschland, das war die Regel.
Hans Straus, der Sohn, sagte 1965 in den Wiedergutmachungs-Verhandlungen: „Ich wohnte bis zu meiner Auswanderung in der Wohnung meiner Eltern an der Hohenstaufenstraße 9. Nach meiner Entlassung aus dem KZ Welzheim im November 1938 kam in meiner Anwesenheit in die Wohnung meiner Eltern ein Beamter, der den Auftrag hatte, die Vermögenswerte in Hinsicht auf die Judenvermögensabgabe festzustellen. Meine Mutter zeigte ihm ihren Schmuck vor. Dieser Beamte hieß Fersch oder so ähnlich. Ich erinnere mich noch genau an ihn, weil er sagte, er sei früher Schneider gewesen und hätte meiner Mutter das erste Reitkleid gefertigt.“ Und nun beteiligte er sich, völlig legal, an der Ausraubung der Juden.
Die Judenvermögensabgabe seines Vaters, zu zahlen in fünf Raten 1938-39 als „Sühne“ für den Pogrom des 9. November 1938, war mit 25% des Geldvermögens sicher sehr viel höher als die 2.400 RM, die der Sohn dann zum Finanzamt brachte.

Manfred Straus war Kgl. Dänischer Vizekonsul, seine Firma hatte Niederlassungen in Berlin, Paris, Moskau, Shanghai, Odessa, St. Petersburg, Charkow. 1918 z.B. empfiehlt die Handelskammer Stuttgart die Ausstellung eines Passes für eine Reise nach Dänemark zwecks Angliederung einer dänischen Bettfedernfabrik „und sie damit in den Dienst des deutschen Unternehmens zu stellen“. Das deutsche Unternehmen Straus arbeitet für Deutschlands Volkswirtschaft; die Propaganda des 3. Reichs sah dies anders.

Manfred Straus muss die Arisierung seines Unternehmens erleben. Als Geschäftsführer der Firma Ideal-Steppdeckenfabrik erhält er von Oktober 1935 bis Juli 1939 noch ein Gehalt von monatlich 1.400 RM. Anschließend wird er von dem Ariseur noch bis zu seiner Deportation gegen ein monatliches Gehalt von 500 RM weiterbeschäftigt. Es ist eine Zurückstufung vom Fabrikanten zum kaufmännischen Angestellten im arisierten Betrieb.

Manfred und Alice Straus, im Alter von 63 und 58 Jahren, werden dem ersten Transport nach dem Osten zugeteilt: am 1.12.1941 deportiert man 1.013 jüdische deutsche Menschen nach Riga. Vom Sammellager auf dem Killesberg werden sie im Morgengrauen zum Güterbahnhof des Nordbahnhofs verfrachtet.
Man weiß nicht, ob die Eheleute Straus im Eingangslager Jungfernhof bei Riga verhungerten oder bei der Kälte des strengen Winters erfroren. Der Sohn Hans nimmt an, dass sie der Erschießungsaktion im Wald von Bikernieki am 26.3.1942 zum Opfer fielen, bei der 1.600 Erwachsene und 240 Kinder in Gruben hinein erschossen wurden, weil sie für die kommende Frühjahrs-Fronarbeit als untauglich galten, Manfred Straus war immerhin 64 Jahre alt.

Sophie Fellheimer musste die Deportation ihrer Kinder erleben. Für sie selbst sah die perfide Planung der Nazis eine andere Behandlung vor.
Am 10.3.1942 wurde die alte Dame nach Dellmensingen (südlich von Ulm) gebracht, wo man in einem alten heruntergekommenen Schloss ein „Jüdisches Altersheim“ eingerichtet hatte. Hier beging sie ihren 80. Geburtstag.
Am 22.8.1942 kam die Deportation fast 1.100 alter Menschen nach Theresienstadt, ebenfalls vom Sammellager auf dem Killesberg und dem inneren Nordbahnhof aus.
Die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager hielt sie nicht lange aus. Sie starb bereits am 3.9.1942 in Theresienstadt.

Text & Recherche: 2009 / Irma Glaub, Stuttgart-Süd

Fotos Max und Alice Straus: Staatsarchiv Ludwigsburg

 

STOLPERBLICK - StolperKunst in Corona-Zeiten

Künstler*innen bleiben gerade auch in diesen Zeiten präsent und begegnen einem konkreten Stuttgarter Stolperstein oder einem anderen Ort, der in Stuttgart an die Verfolgungen in der NS-Zeit erinnert

 

http://www.stolperkunst.de/stolperblick-stolperkunst-in-coronazeiten/

 

Silke Arning auf SWR2 über das Los der Zwangsarbeiter im Lager auf der Schlotwiese

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

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Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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Das
Stuttgarter
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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

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zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter