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Ludwig Hess, Gaußstr. 109 A

Der Lebens- und Leidensweg eines Stuttgarter Rechtsanwalts

Ludwig Hess wurde am 11. November 1864 als fünftes von insgesamt zehn Kindern des Buchhändlers Moritz/Moses Hess und seiner Frau Karoline Hess, geb. Weinmann, in Ellwangen geboren. Sein Großvater war der aus Lauchheim stammende Buchhändler und Antiquar Isaak Hess, der in Ellwangen die jüdische Gemeinde begründete und zeitlebens für die rechtliche Emanzipation der jüdischen Minderheit in Württemberg eintrat.

Ludwig Hess war ein sehr guter Schüler und besuchte das Gymnasium Ellwangen bis zum Abitur im Jahr 1883. Danach studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen, wo er auch promovierte. Seit 1890 war er in Ellwangen als Rechtsanwalt tätig. 1894 heiratete er die am 8. April 1867 in Stuttgart geborene Marie Lahnstein, eine Tochter des Stuttgarter Fabrikanten Heinrich Lahnstein. Eine Schwester von Marie, Ottilie/Tilly, die sich sehr in der Blindenfürsorge engagierte und 1943 in Theresienstadt ermordet wurde, erhielt bereits vor einigen Jahren einen Stolperstein am Kräherwald vor der Nikolauspflege. Auch die Schule dieser Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen wurde nach ihr in Tilly-Lahnstein-Schule umbenannt.

Maries Bruder Ernst war kurze Zeit Anwalt, dann jedoch als Literaturwissenschaftler und Schriftsteller tätig; er starb bereits 1914. Sein Sohn Peter Lahnstein trat nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls als Schriftsteller hervor, zudem war er Präsident des Verfassungsschutzes in Baden-Württemberg. Eine Schwester von Ludwig Hess, Emma, blieb unverheiratet; eine weitere, Fanny, heiratete in die Familie Haarburger ein, der die Malerin Alice Haarburger entstammt, die im März 1942 in Riga ermordet wurde.

Die Ehe von Ludwig und Marie Hess blieb kinderlos. Im März 1904 zogen sie nach Stuttgart. Die Anwaltskanzlei von Ludwig Hess befand sich im unweit des Kronprinzenpalais gelegenen Haus Fürstenstraße 4, später gegenüber der Stiftskirche in der Kirchstraße 16. Seit Juni 1912 war Ludwig Hess auch öffentlicher Notar. Er war Mitglied zahlreicher Anwaltsvereine, 1931/32 sogar Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltsvereins, dem mit Abstand wichtigsten und mitgliederstärksten Anwaltsverband der Weimarer Republik. Außerdem engagierte er sich in der Sektion Schwaben des Alpenvereins und im Württembergischen Schwarzwaldverein, dessen Sitzungen er öfters mit Vorträgen, etwa über „Allerlei Humoristika in der Juristerei“ belebte. Er war außerdem Aktionär der Neuen Stadtgartengesellschaft. All dies belegt ein überaus großes bürgerschaftliches Engagement.

Hess war auch schriftstellerisch tätig, so verfasste er Artikel für die Stuttgarter Tageszeitung „Schwäbischer Merkur“, in denen er vor allem aktuelle staatliche Verordnungen erläuterte. Seit Anfang der 1930er Jahre nannten Ludwig und Marie Hess das neu erbaute Haus Gaußstraße 109A in Stuttgart-West ihr eigen, wo sie eine 5-Zimmerwohnung bewohnten. Die jüdische Religion scheint im Leben von Ludwig Hess keine besondere Rolle gespielt zu haben. Er definierte sich vor allem über seinen Beruf, seine ehrenamtliche und publizistische Tätigkeit. Das Ehepaar Hess trat im Mai 1931 aus der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs aus und war seitdem konfessionslos.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich das Leben von Ludwig und Marie Hess grundlegend. Ludwig Hess, ein geachteter und über Stuttgart hinaus bekannter Rechtsanwalt und Notar, wurde aus seinem Beruf und dem öffentlichen Leben, an dem er so rege teilgenommen hatte, verdrängt und in die Isolation und Armut getrieben. Ab dem 1. Oktober 1935 durfte er nicht mehr als Notar arbeiten. Im Juni 1936 musste er die Rechtsanwaltskanzlei in der Kirchstraße 16 auflösen; mit dem Mobiliar richtete er sich ein Büro in einem der fünf Zimmer seiner Wohnung in der Gaußstraße ein. Seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht Stuttgart und beim Landgericht Stuttgart wurde jedoch zum 30. November 1938 aufgehoben. In den Adressbüchern der Jahre 1940 bis 42 ist Hess als „Privatmann“ eingetragen.

Marie Hess verstarb am 27. Oktober 1939. Im Sommer 1941 musste Ludwig Hess auf Anordnung der Gestapo wegen seiner jüdischen Abstammung sein Haus verlassen und zwangsweise in eine Wohnung in der Sandbergerstraße 26 im Stuttgarter Osten umziehen, wo bereits einige der Haarburger-Verwandten lebten. In das Haus Gaußstraße 109 A zog der Regierungsamtmann Karl Bühler mit Familie ein. Karl Bühler war NSDAP-Parteimitglied und seit 1934 Gauhauptstellenleiter für Wohnungsbau; seit Dezember 1933 gehörte er als Ratsherr dem Stuttgarter Gemeinderat an. Durch Verfügung vom 21. August 1942 wurde das Haus Gaußstraße 109 A von der Gestapo zu Gunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt.

Mitte März 1942 wurde der 77-jährige Ludwig Hess von Stuttgart aus in das jüdische Zwangsaltenheim Dellmensingen verbracht. Am 2. Juli 1942 schreibt er in einem vermutlich an seinen Neffen Peter Lahnstein gerichteten Brief: „Wir machen viel mit Ablieferung durch. Nun geht auch meine Schreibmaschine ohne Entschädigung diesen Weg wie vieles andere.“ Vom Stuttgarter Nordbahnhof aus wurde Ludwig Hess am 22. August 1942 mit über tausend anderen zumeist älteren jüdischen Menschen nach Theresienstadt deportiert. Er starb auf dem Dachboden der Dresdner Kaserne am frühen Morgen des 13. September 1942. Nur eine Stunde später verstarb dort auch seine Schwester Emma, und ein halbes Jahr später die Schwester Fanny, verheiratete Haarburger. Für sie liegen bereits Stolpersteine in Stuttgart-Ost.

Am 18. November 2026 wurde in der Gaußstraße 109 A ein Stolperstein für Ludwig Hess verlegt.

HIER WOHNTE
LUDWIG HESS
JG. 1864
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.9.1942

Recherche und Text: Alisa Mopils, Stolperstein-Initiative Stuttgart-West