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Karl, Betty, Ruth und Edith Ellenberg, Hasenbergsteige 7

Familie Ellenberg 1925

Die Geschichte der Familie Ellenberg erzählt vom Aufstieg einer jüdischen Unternehmerfamilie in Stuttgart und vom wirtschaftlichen Ruin durch die nationalsozialistische Verfolgung innerhalb weniger Jahre. Sie erzählt aber auch von der Hachschara, mit der junge Jüdinnen und Juden selbstbestimmt Wege in eine neue Zukunft suchten, und von der Rettung jüdischer Jugendlicher, die Ruth Ellenberg auf ihrer gefährlichen Flucht in das britische Mandatsgebiet Palästina begleitete.

Vom galizischen Einwanderer zum angesehenen Stuttgarter Bürger
Kalmann Hirsch Ellenberg wurde am 18. Juni 1882 in Tarnorouda im damaligen österreichischen Galizien geboren. Als junger Kaufmann kam er nach Stuttgart. 1907 wurde er Teilhaber der Firma „Ellenberg und Kesten“, die zunächst mit Eiern und später auch mit Butter handelte. Sein Unternehmen entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Eiergroßhandlungen im Südwesten. Ab 1920 war er zudem Geschäftsführer der „Vereinigten Eierimporteure Württemberg GmbH“.

Karl Ellenberg engagierte sich zunehmend in der Stuttgarter Stadtgesellschaft und in der jüdischen Gemeinde. Bei der finanziellen Unterstützung sozialer Einrichtungen findet sich sein Name neben dem von Stuttgarter Persönlichkeiten wie Robert Bosch. Regelmäßige Zuwendungen an die jüdische Gemeinde waren für ihn selbstverständlich. Viele Jahre war er Mitglied der Chewra Kadischa, des jüdischen Beerdigungsvereins. 1929 wurde ihm die württembergische Staatsangehörigkeit verliehen. Den Vornamen Karl führte er bereits seit vielen Jahren; 1932 ließ er ihn offiziell ändern.

Anzeigen aus dem Stuttgarter Tagblatt 1908, die dort genannte Bergstraße heißt heute Firnhaberstraße

Mit seiner ersten Frau, Frieda Steindecker, hatte Karl zwei Töchter: Ruth, geboren am 2. März 1913, und Edith, geboren am 24. Juli 1916, beide in Stuttgart. 1917 kaufte er das Haus in der Hasenbergsteige 7 mit zwei Stockwerken, einem Türmchen und einem großen Garten.

Frieda Ellenberg starb am 30. Dezember 1921 im Alter von nur 37 Jahren. 1923 heiratete Karl die am 17. Oktober 1896 in Fürth geborene Betty Offenbacher.

Beide Töchter besuchten das Königin-Olga-Stift. Ruth machte dort 1932 ihr Abitur. Als ausgezeichnete Schülerin träumte sie davon, Nationalökonomie zu studieren und später als Dozentin zu arbeiten. Edith wechselte auf die Höhere Mädchenhandelsschule, das heutige Wirtschaftsgymnasium West, und erwarb im März 1933 die Mittlere Reife. Anschließend arbeitete sie als Kontoristin im väterlichen Geschäft.

 Verfolgung und wirtschaftlicher Ruin
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie grundlegend. Am 1. April 1933 begann der Boykott jüdischer Geschäfte. Unter dem Aufruf „Stuttgarter Hausfrauen! Meidet diese Vernichter von Handwerk und Mittelstand“ wurde auch Karl Ellenbergs Eierhandlung aufgeführt.

Nationalsozialistische Tageszeitung für Württemberg und Hohenzollern 01.04.1933

In der Folge wurde der jüdische Eierhandel systematisch aus der deutschen Wirtschaft verdrängt. „Wieder arische Ostereier“ titelte das nationalsozialistische Hetzblatt „Der Angriff“ im April 1935. Ende 1935 gab es in Stuttgart keine jüdischen Eierhändler mehr. Karl Ellenberg hatte sein Geschäft und sein Einkommen verloren.

Auch die Zukunftspläne seiner Töchter wurden zerstört: Ruth musste ihren Traum vom Studium aufgeben und absolvierte stattdessen eine kaufmännische Ausbildung in der Buchabteilung des Kaufhauses Schocken in der Eberhardstraße. Edith verlor mit der Schließung des väterlichen Geschäfts ihre Arbeit.

Im April 1936 musste Karl Ellenberg das Haus in der Hasenbergsteige 7 für weniger als die Hälfte des Wertes verkaufen. Zwei Jahre lang schlugen er und seine Frau sich mit ihren Ersparnissen durch, bis sie 1938 Einreisegenehmigungen für das britische Mandatsgebiet Palästina erhielten. Die Reichsfluchtsteuer und weitere Zwangsabgaben raubten ihnen fast alles. Zuletzt eignete sich ein angeblich amtlicher „Taxator aus der Olgastraße“ auch ihre verbliebenen Wertgegenstände an.

Hachschara
Hachschara – wörtlich etwa „Tauglichmachung“ – ist ein wenig bekanntes Beispiel jüdischer Selbsthilfe in der Zeit der Verfolgung. Auf landwirtschaftlichen Lehrgütern bereiteten sich jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vor. Sie lebten und arbeiteten in Gemeinschaften und eigneten sich praktische Kenntnisse für den Neuanfang an.

 Auch Ruth und Edith schlossen sich dieser Bewegung an. Ruth verließ Stuttgart 1935 und zog nach Gut Winkel in Brandenburg. Edith folgte ihr 1936. Dort lernte Ruth Erich Lewin aus Schivelbein in Hinterpommern kennen. Beide engagierten sich in der Betreuung jüdischer Jugendlicher und übernahmen Leitungsaufgaben zunächst in Havelberg und später in Frankfurt am Main. Am 9. Juni 1937 heirateten sie.

Nach den Novemberpogromen 1938 wurde Erich Lewin verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Seine Freilassung war an die Bedingung geknüpft, Deutschland innerhalb von drei Monaten zu verlassen. Im Januar 1939 gelang Ruth und Erich die Flucht nach Schweden. Edith hatte Deutschland bereits im März 1938 verlassen können.

Die Rettung von 44 Jugendlichen
 In Schweden setzten Ruth und Erich ihre Arbeit mit jüdischen Jugendlichen fort. Nach der deutschen Besetzung Dänemarks im April 1940 gerieten dort auch jüdische Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Gefahr. Sie waren zuvor von dänischen Familien im Rahmen sogenannter Kindertransporte von dänischen Familien aufgenommen worden.

Eine aufwändige Rettungsaktion wurde organisiert. Visa, Fahrkarten, Geld und Lebensmittel mussten beschafft und eine Reise durch mehrere Länder vorbereitet werden.

Im Dezember 1940 machte sich eine Gruppe von 44 Jugendlichen mit fünf erwachsenen Begleitpersonen und einem Kleinkind auf den Weg. Ruth und Erich Lewin gehörten zu den Erwachsenen, die die Jugendlichen begleiteten.

Die Flucht führte von Schweden und Finnland in die Sowjetunion. Von Leningrad reiste die Gruppe mit dem Zug nach Odessa und von dort mit dem Schiff über das Schwarze Meer nach Istanbul. Über die Türkei, Syrien und den Libanon erreichten die Flüchtenden schließlich das britische Mandatsgebiet Palästina.

Am 24. Dezember 1940 kam die Gruppe in Eretz Israel an. Später erfuhren fast alle Jugendlichen, dass ihre Angehörigen in der Shoah ermordet worden waren.

Ein neues Leben in Israel
In Palästina musste sich die Familie Ellenberg ein neues Leben aufbauen. Ruth und Erich Lewin arbeiteten zunächst in der Landwirtschaft. Ruth absolvierte neben der Arbeit eine Ausbildung zur Lehrerin. 1945 gehörten sie zu den Mitgründern des Kibbuz Ga’Led. 1946 wurde ihre Tochter geboren. In den 1970er-Jahren verließ die Familie den Kibbuz und zog in den Süden Israels. Ruth starb 1977 in Be’er Scheva.

Familie Ellenberg 1966

Edith trat in die britische Armee ein und lernte dort ihren späteren Mann Walter Nathan kennenlernte. Sie heirateten 1946 und bekamen zwei Kinder. Edith starb 1967 im Alter von nur 50 Jahren in Haifa.

Karl Ellenberg ließ sich in Tel Aviv nieder und arbeitete bei einer Bank. An seinen früheren Wohlstand konnte er nicht mehr anknüpfen. Erst 1959 erhielt er nach langem Kampf eine abschließende Entschädigung durch den deutschen Staat. Sie stand in keinem Verhältnis zu dem, was der Familie genommen worden war. Karl Ellenberg starb 1966. Wann Betty Ellenberg starb, ist nicht bekannt.

Am 18. November 2026 wurden vier Stolpersteine für Karl, Betty, Ruth und Edith Ellenberg verlegt. Die Inschriften lauten:

HIER WOHNTE
KARL ELLENBERG
JG. 1882
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
BETTY ELLENBERG
GEB. OFFENBACHER
JG. 1896
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
RUTH ELLENBERG
VERH. LEWIN
JG. 1913
FLUCHT 1939
SCHWEDEN
1940 PALÄSTINA

HIER WOHNTE
EDITH ELLENBERG
VERH. NATHAN
JG. 1916
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

Recherche und Text: Julia Henke, für Stolperstein-Initiative Stuttgart-West

Die ausführlichen Fassungen mit detaillierten Quellenangaben finden Sie hier:
Zur Rettung der Jugendlichen hier