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Jakob Weimer, Rotenwaldstr. 66/1

Ein Stolperstein für einen mutigen Verteidiger der Demokratie

(Bildquelle: Wikipedia)

Jakob Weimer wurde 25. Mai 1887 in Gültstein bei Herrenberg geboren. Seine Mutter war Dienstmagd, sein Vater unbekannt, was auf schwierige Bedingungen in einem pietistischen Milieu deutet. Weimer absolvierte eine Ausbildung zum Mechaniker und zog nach Stuttgart, wo er der SPD beitrat. Er lernte seine Frau Elise Leibius kennen; 1910 kam der einzige Sohn Walter zur Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Weimer von Anfang bis Ende als Soldat kämpfen musste, wurde er 1920 zum hauptamtlichen Gewerkschaftssekretär ernannt, ein Jahr später zum Leiter des Bezirks Südwestdeutschland. Ab 1927 war er Abgeordneter der SPD im Württembergischen Landtag und Mitglied des Landesvorstands. In den Reichstag in Berlin gelangte er bei den Wahlen am 5. März 1933.

Die fünfte Staffel der ARD-Serie „Babylon Berlin“ hat, neben dem Erstarken der AfD, die dramatischen Ereignisse im Vorfeld jener Wahl wieder in Erinnerung gebracht. Kaum war Adolf Hitler am 30. Januar von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden, löste er den Reichstag auf und kündigte Neuwahlen an. Die NSDAP war zwar stärkste Kraft im Reichstag, aber ihr fehlte noch die absolute Mehrheit, die Hitler zur pseudo-demokratischen Legitimation seiner „nationalen Erhebung“ nötig erschien. Den Februar nutzten die Nationalsozialisten dazu, ihre politischen Gegner unter Druck zu setzen, oft mit physischer Gewalt. Wahlkampfkundgebungen von SPD und KPD wurden gestört, ihre Zeitungen immer wieder kurzzeitig verboten. Nach dem Reichstagsbrand vom 28. Februar dienten sogenannte „Notverordnungen zum Schutz von Volk und Staat“ dazu, zahlreiche Kommunist:innen und Sozialdemokrat:innen zu inhaftieren.

Doch bei der Wahl am 5. März erreichte die NSDAP mit 43,9 % der Stimmen nicht die angestrebte absolute Mehrheit. Auf die SPD entfielen 17,2 %, auf die KPD, die quasi bereits aufgelöst war, 12,3%. In Württemberg stimmten 42 % der WählerInnen für die NSDAP, 15 % für die SPD, die vier Abgeordnete nach Berlin entsenden konnte: Wilhelm Keil, Erich Roßmann, Kurt Schumacher und Jakob Weimer.

Auf der ersten regulären Sitzung am 23. März in der Krol-Oper – der Plenarsaal im Reichstag war ja abgebrannt – stand das von Hitler eingebrachte „Ermächtigungsgesetz“ zur Abstimmung: quasi die Selbst-Entmachtung der noch demokratisch gewählten Volksvertretung. 444 Abgeordnete, auch jene aus der Zentrumspartei, stimmten dem Gesetz zu, nur die Fraktion der SPD votierte mit allen Stimmen der 94 anwesenden Parlamentariern dagegen, darunter Jakob Weimer.

Der SPD-Vorsitzende Otto Wels hielt eine legendär gewordene Rede, in der er die Unterdrückung der freien Presse, die ideologischen Lügen und die Verhaftungen anklagt: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Er schließt mit einem Gruß an die „Verfolgten und Bedrängten“: „Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht verbürgen eine hellere Zukunft.“ Das Protokoll vermerkt hier: „Lachen bei den Nationalsozialisten. – Bravo! bei den Sozialdemokraten.“ Gewiss hat auch Jakob Weimer seinem Vorsitzenden, gegen das Gebrüll der NSDAP, den Rücken gestärkt. Man kann sich vorstellen, was für ein Spießrutenlauf es war, die von SA und SS umstellte Krol-Oper zu verlassen. Die von Wels beschworene „hellere Zukunft“ schien für lange Zeit hinter dem Horizont verschwunden.

Weimer versuchte in der folgenden Zeit noch, Genoss:innen aus den sogenannten „Schutzlagern“ zu befreien, bis er am 2. Mai 1933 im Zuge der Zerschlagung der Gewerkschaften selbst festgenommen und in das Lager auf dem Heuberg verbracht wurde. Die Internierung sollte ihn wie zahlreiche andere Kritiker des Regimes einschüchtern und künftig davon abhalten, politisch aktiv zu werden. Weimer, der seine Stelle als Gewerkschaftssekretär wie als Abgeordneter verloren hatte, sah sich gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Versicherungsmitarbeiter und -vertreter zu verdienen; auch sein Sohn und Freunde halfen aus.

Trotz der allgegenwärtigen Propaganda und der Angst vor Verhaftungen und trotz einer Herzerkrankung knüpfte Weimer Anfang der 1940er Jahre Kontakte zu Widerstandsgruppen: So stellte er eine Verbindung zwischen der Gruppe um Wilhelm Leuschner und Carl F. Goerdeler zum Robert-Bosch-Kreis in Stuttgart her. Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde er wie viele andere Verdächtige verhaftet. Man wollte ihn nach Berlin bringen, sehr wahrscheinlich ins Gefängnis Plötzensee für einen Schauprozess, der die Hinrichtung bedeutete. Weimer befand sich jedoch wegen seiner Herzerkrankung im Robert-Bosch-Krankenhaus, wo ihn die Ärzte für transportunfähig erklärten. Nach einem brutalen Verhör durch die Gestapo im Keller des Krankenhauses verstarb Jakob Weimer am 20. November 1944.

Am 18. November 2026 wurde in der Rotenwaldstraße 66 ein Stolperstein für Jakob Weimer verlegt.

HIER WOHNTE
JAKOB WEIMER
JG. 1887
ABGEORDNETER / SPD
STIMMTE GEGEN
ERMÄCHTIGUNGSGESETZ
WIDERSTANDSGRUPPE 20.7.1944
GESTAPO-VERHÖR / GEFOLTERT
TOT AN DEN FOLGEN
20.11.1944

Der Stolperstein geht auf eine Initiative von Sonja Weimer, Jakob Weimers Urenkelin, und von Frank Däuber von der SPD Herrenberg zurück und wird vom SPD Ortsverein Stuttgart-West gestiftet An der Zeremonie wird eine weitere Urenkelin teilnehmen; außerdem haben sich zahlreiche VertreterInnen der SPD aus Stadt und Land sowie Muhterem Aras, Vize-Präsidentin des baden-württembergischen Landtages, angesagt. Sonja Weimer bringt einen Rap mit, den ihr Sohn mit elf Jahren zu Ehren seines mutigen Vorfahren gedichtet hat.

Recherche und Text: Susanne Stephan, Stolperstein-Initiative Stuttgart-West