„…Wir wollten sie warnen, denn für uns war klar,
Hitler kann sein Ziel nur mit Krieg erreichen…
Wir wollten sie aufklären und ihnen sagen,
dass sie als Kanonenfutter gedrillt werden…“
„Steckrübenwinter“ nannte man den vierten Kriegswinter und die Menschen litten unter extremer Rationierung der Lebensmittel, Kohlenmangel und waren erschöpft von den schrecklichen Kriegsjahren, die Rüstungsproduktion kam an ihre Grenzen – es war Karsamstag 1918 als der Sohn des Schuhmachers Johann Gasparitsch und seiner Frau Elisabeth, die als Näherin arbeitete, geboren wurde: Hans Gustav Robert Gasparitsch.
Vier traumatisierende Kriegsjahre an der Front hatten den Vater zum klaren Kriegsgegner und Pazifisten gemacht. In seinem Fronturlaub beteiligte er sich am 4. November 1918 in Stuttgart an den Massenstreiks gegen Krieg, für die Ausrufung der Republik und an der Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats. Seine Haltung gab er bewusst an seinen Sohn weiter.

Hans, geboren am 30. März 1918, wuchs im Arbeiterstadtteil Ostheim auf. Vier Mieter des Hauses waren Kommunisten, der Hausbesitzer Sozialdemokrat. Mit seinen Freunden – ebenfalls Arbeiterkinder – spielte er auf der Straße und erlernte Solidarität und Freundschaft im Arbeiterschwimmverein und auf Freitzeiten der Kinderfreunde und der „Roten Falken“. An der Ostheimer Schule durfte einzig er am Ende der Grundschulzeit nicht aufs Türmle – er war nicht getauft.
Hans war 15 Jahre alt, ging in Feuerbach in eine Schriftsetzerlehre, als die Macht an Hitler und seine NSDAP übertragen wurde. Alle Vereine, in denen Hans war, wurden verboten, ihr Eigentum beschlagnahmt und ihre Vorbilder verhaftet.
Die Jugendlichen wurden für die Lieder, die sie sangen und die Bücher, die sie lasen, kriminalisiert, eingeschüchtert und in den Untergrund gezwungen. Sie konnten sich nur noch – getarnt als Wander- oder Schwimmgruppe – im Freien treffen. Zur Tarnung nannten sie Hans „Micha“. Sein Freund „Kolka“ (Fritz Brütsch), der schon 1933 zusammen mit den Eltern verhaftet und auf den Heuberg gebracht worden war, berichtete von Hunger und Misshandlungen im Lager.
Im Widerstand gegen die Nazis formierte sich die Freundesclique zur „Gruppe G.“ (=Gemeinschaft), die mit Flugblättern und Kreidemalaktionen auf Hitlers Kriegspläne aufmerksam machte.
„Wir haben dann beschlossen, eine große Malaktion durchzuführen. Nicht nur Kreidekolonnen, sondern dass wir an einer markanten Stelle in Stuttgart, im Zentrum, eine große Losung anbringen mit Malerfarbe, die man nicht abwaschen kann. Einer von uns war Malergeselle, der hat Farbe beschafft, die man nicht abwaschen kann. Und ich bin ausersehen worden als Malkünstler.“
Am 14. März 1935 pinselte Hans die Parolen „Rot Front!“ und Hitler=Krieg“ auf die Sockel der Rossebändiger-Statuen im Schlosspark. Noch am Abend geriet er in eine Polizeisperre, wurde verhaftet. Leugnen war zwecklos, denn er hatte den Pinsel und die Farbdose noch bei sich. Die Gestapo fand bei Hausdurchsuchungen Fotos der Wandergruppe, verhaftete 18 Jugendliche und 7 Erwachsene.
Das Oberlandesgericht Stuttgart fällte gegen die jungen AntifaschistInnen am 25. März 1936 das Urteil wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ – und verhängte Gefängnis- und Zuchthausstrafen bis zu 5 ½ Jahren – Hans bekam 2 ½ Jahre. „Hanna“, Elisabeth Schikora“ starb mit nur 35 Jahren in Zwiefalten, „Kolka“ starb später an seinen Haftfolgen, etliche der Freunde wurden nach der Strafhaft in ein KZ gesteckt, einige fielen in der Strafdivision 999.
Hans Gasparitsch überlebte zehn Jahre grausamer Haft in NS-Gefängnissen und Lagern:
14.03.1935 – 25.03.1936 Gestapo-Hauptquartier „Hotel Silber“ Haft und brutale Verhöre, Prozessvorbereitung
26.03.1936 – 26.10.1937 Gefängnis Ulm – Strafhaft
27.10.1937 – 14.11.1937 „Schutzhaftlager“ Welzheim
15.11.1937 – 26.09.1939 KZ Dachau – trifft dort seinen ehemaligen jüdischen Schulkameraden Richard Peritz
27.09.1939 – 01.04.1940 KZ Flossenbürg – Zwangsarbeit im Steinbruch
02.04.1940 – 17.06.1944 KZ Dachau – Lagerschreiber
18.06.1944 – 11.04.1945 KZ Buchenwald bis zur Befreiung

Hans hatte 10 Geburtstage in Nazi-Haft erlebt. Er war 27 Jahre alt, als das Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde. Hans betonte stets, dass sein Überleben kein Zufall, sondern das Ergebnis von Solidarität und gegenseitiger Hilfe des politischen Häftlingsuntergrunds und auch einer Portion Glück war.
Die Hoffnung, dass sich die Überlebenden aktiv für den Neuaufbau der Gesellschaft einbringen können, zerschlug sich, als mit Beginn des Kalten Krieges 1946 alle Kommunisten aus leitenden Stellungen in Stadt, Land und Gemeinden gefeuert wurden und sich antikommunistische Hetze wieder breit machte.
„Eine Welt der Zärtlichkeiten, des Verstehens und des Vertrauens tat sich mir auf“ schrieb Hans als er bald nach der Befreiung seine große Liebe Lilly traf, die zu dieser Zeit als Kindergärtnerin in Zell unterm Aichelberg arbeitete. Die Hochzeit am 23. November 1946 war der Beginn einer vertrauensvollen Ehe über 55 Jahre bis Hans starb.
Im Mai 1947 kam Tochter Sigrid zur Welt. Zwei Jahre später bot sich Hans die Gelegenheit, in Jena 1950 sein Abitur nachzuholen. Lilly und „Sigridle“ zogen mit Hans zeitweise nach Leipzig, wo er Publizistik und Journalismus studierte. Dort lebten sie gemeinsam mit anderen schwäbischen Freundinnen und Freunden aus dem Stuttgarter Jugendwiderstand in einer Wohngemeinschaft, der sogenannten „Sieben-Schwaben-Kommune“.
Die überlebenden Widerstandskämpfer organisierten 1947 auf dem Stuttgarter Schlossplatz die bedeutsame Ausstellung „Die dagegen waren – Widerstand im Dritten Reich“, die aufgrund des hohen Interesses sogar verlängert werden musste.
Die Erlebnisse im Stuttgarter Jugendwiderstand verarbeitete Hans mit seinen Jugendfreunden Albert Kapr und Franz Franz 1946/47 in dem Buch „Die Schicksale der Gruppe G.“, das 1960 in der DDR veröffentlicht und 1994 unter dem Pseudonym Fritz Kaspar im Silberburg-Verlag in einer erweiterten Fassung mit dem Titel „Hanna, Kolka, Ast und andere – Stuttgarter Jugend gegen Hitler“ erschien.
Nach Abschluss seines Journalismusstudiums in Leipzig kehrte Hans im Sommer 1953 mit seiner Familie zurück nach Stuttgart. Mit der Geburt der zweiten Tochter Lilo im Februar 1954 schien eine glückliche Zeit für die Familie anzubrechen.
Das Glück wurde zwei Jahre später durch das Verbot der KPD und die damit einhergehende Arbeitslosigkeit von Hans jäh gestoppt. „Mit 53 Mark/Woche musste ich meine 4-köpfige Familie über die Runde bringen.“ Die Geldstrafe für „Pressevergehen als verantwortlicher Schriftleiter der „Volksstimme“ in Höhe von 130 DM + 12,50 DM Gebühr belastete die Familie schwer.
Insgesamt 118 Demokratinnen und Demokraten wurden 1952 bis 1956 in politischen Verfahren verurteilt, weitere Anklagen erhoben, viele ehemalige NS-Verfolgte wurden wieder kriminalisiert und eingesperrt.
Die schwere existenzielle und ideologische Krise von 1956 – Abkehr vom Stalinismus und KPD-Verbot – traf auch die vierköpfige Familie Gasparitsch schlimm: Mit dem Verbot der KPD und ihrer Organe am 17.8.1956 wurde Hans als Redakteur bei der KPD-Zeitung „Volksstimme“ arbeitslos. In dem antikommunistischen Klima stellt ihn keine andere Zeitung mehr an.
Elf Jahre nach der Befreiung begann für Hans Gasparitsch wieder eine Zeit der Illegalität. Mit Freundinnen und Freunden veröffentlichte er die Stadtteilzeitungen “AKTION trotz Verbot” und “SOLIDARITÄT” und sammelte Geld für die Familien Inhaftierter. Er wurde – wie viele derjenigen, die vor dem Partei-Verbot der KPD angehört hatten – 1968 nach deren Gründung Mitglied der DKP. Enttäuscht von der politischen Entwicklung in der DDR distanzierte er sich zunehmend und trat im Zuge der politischen Umbrüche der Wendezeit 1989/1990 aus der Partei aus.
Das wachsende Misstrauen belastete auch die Freundschaften. Der Staatsschutz nutzte die Existenzängste und die tiefe Enttäuschung nach dem XX. Parteitag der KPdSU (Stalin-Kritik) gezielt aus. Haftstrafen oder der wirtschaftliche Ruin drohte denjenigen, die Zeitungen druckten oder vertrieben. Sie wurden gegen Geld oder Straffreiheit angeworben, um ihre WeggefährtInnen zu verraten.

In einem Liebesbrief schwärmt Hans im September 1956 seiner geliebten Frau Lilly von dem beeindruckenden Konzert vor, bei dem er in der neu eröffneten Stuttgarter Liederhalle die Sinti-Musiker Matelo, Sarane und Challain Ferret zum Gedenken an den 1953 verstorbenen Django Reinhardt spielen hörte. In Buchenwald hatten auch junge Stuttgarter Sinti wie Donatus Schneck härteste Untertage-Zwangsarbeit leisten müssen.
Den kleinen Milchladen, den Hans und Lilly Gasparitsch 1957 bis 1960 zur Sicherung der Existenz der Familie in der Haußmannstr. 187 betrieben, mussten sie mit dem Aufkommen der Supermärkte aufgeben.
Hans orientierte sich beruflich neu und absolvierte mit hoher Disziplin neben seiner Arbeit als Bautechniker ein Fernstudium, das er 1967 erfolgreich als Hochbauingenieur abschloss. In diesem Beruf arbeitete er beim Hochbauamt der Stadt Stuttgart bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1980.
Hans erzählte Schulklassen bei Rundgängen durch den Stuttgarter Osten vom Widerstand gegen das NS-Regime, von den Ideen für eine Welt ohne Krieg und Faschismus und er engagierte sich dafür, die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachzuhalten. – wie hier 1981 vor dem „Hotel Silber“. Als Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes schloss er sich mit Überlebenden zusammen, um vor einem neuen Erstarken des Faschismus zu warnen.
Unmittelbar nach der Befreiung hatte er im Mai 1945 in Stuttgart mit seinem Freund Fritz Brütsch und weiteren aus der ehemaligen „Gruppe G.“ die „Schwäbische Volksjugend“ gegründet, um junge Menschen für Antifaschismus und Pazifismus zu gewinnen. Für das Mitteilungsblatt „Freie Jugend“ erhielt Hans die Verlagslizenz. Die Organisation, die im Juli 1948 in Anwesenheit des späteren DDR-Staatschefs Erich Honecker in „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) umbenannt worden war, wurde in den 1950er Jahren im Westen verboten.
In der Gedenkstättenarbeit, die Hans Gasparitsch sehr wichtig war, engagierte er sich besonders im Trägerverein des Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK Ulm), dessen Vorsitzender er 1982 bis 1992 nach Julius Schätzle war. In dieser Zeit wurde auch die erste Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte erarbeitet. Zeitlebens engagierte Hans Gasparitsch sich in der Friedens-, Anti-Atomkraft- und Ostermarsch-Bewegung.
Das Foto zeigt Hans Gasparitsch in Häftlingskleidung zusammen mit Edo Leitner im September 1983 bei der Blockade in Mutlangen. Bei dieser großen Aktion zivilen Ungehorsams der deutschen Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss protestierten viele Menschen gewaltfrei gegen die geplante Stationierung von US-amerikanischen Pershing-II-Atomraketen auf dem dortigen Militärstützpunkt.
Hans Gasparitsch gab seine Erfahrung als Zeitzeuge und Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) unermüdlich in Schulen, bei Führungen in Gedenkstätten weiter und beteiligte sich an Kundgebungen und Demonstrationen für Frieden, gegen Krieg und Faschismus.
Seine eindrücklichen Berichte und sein großes Vertrauen in das antifaschistische Engagement der Jugend machten Hans Gasparitsch zur Symbolfigur für den NS-Widerstand. Er starb am m 13. April 2002 in Stuttgart.
Jugendliche nahmen und nehmen sich Hans Gasparitsch als Vorbild für ihren Einsatz für das „NIE WIEDER!“
BEKENNTNIS HANS GASPARITSCH
Ich bin ein Mensch –
und erstrebe im Geben und Nehmen
Liebe jeder Art: Wärme, Zärtlichkeit, Freundschaft und Ineinander-Aufgehen –
Ich bin ein Werktätiger –
und erstrebe im Geben und Nehmen
Solidarität gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit,
sowie Wissen um die Zusammenhänge in der Gesellschaft –
Ich bin ein Antifaschist –
und erstrebe im Geben und Nehmen
eine Demokratie des Volkes, die die Geiseln der Menschheit,
Krieg und Faschismus für alle Zeiten ausmerzt –
Ich bin ein Kommunist –
und erstrebe im Geben und Nehmen
Humanismus und Lebensrechte sowie freie Entfaltung für Jeden einzelnen,
gleich welcher Religion, Weltanschauung, Hautfarbe oder Nationalität –
HANS / MICHA
Am 18. November 2026 wurde in der Haußmannstr. 174 ein Stolperstein für Hans Gasparitsch verlegt.
HIER WOHNTE
HANS GASPARITSCH
JG. 1918
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 1935
1936 GEFÄNGNIS ULM
1937 KZ DACHAU
1939 KZ FLOSSENBÜRG
1944 KZ BUCHENWALD
BEFREIT
Recherche: Projektgruppe „Ein Stolperstein für Hans Gasparitsch“: Walter Geisse, Gudrun Greth, Annemarie Zinser, Barbara Herzer
Fotos aus: Hans Gasparitsch (1988): Aus meinen Schubladen gekramt. Stuttgart, Eigenverlag.
Der Podcast gedenkworte für Hans Gasparitsch wird in Kooperation mit der Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart /Uta Kutter Stiftung erscheinen.
Buchempfehlungen u.a. Publikationen:
Burkhardt, Bernd (1984): Hitler=Krieg. Jugend im Widerstand – die Gruppe „G“, in: Stuttgart im Dritten Reich. Anpassung, Verfolgung, Widerstand. Die Jahre 1933 bis 1939. Stuttgart.
Dowe, Christopher (2012): Protestparole eines Schriftsetzerlehrlings, in: Anständig gehandelt. Widerstand und Volksgemeinschaft 1933 -1945. Stuttgart.
Gasparitsch, Hans (1988): Aus meinen Schubladen gekramt. Stuttgart.
Hotel Silber (2018): Hans Gasparitsch, Widerstandkämpfer. www.geschichtsort-hotel-silber.de/virtueller-ort/1945-1984-die-polizei-bleibt-im-silber/hans-gasparitsch-widerstandskaempfer
Kaspar, Fritz (1960): Die Schicksale der Gruppe G. Berlin [Ost].
Kaspar, Fritz (1994): Hanna, Kolka, Ast und andere. Stuttgarter Jugend gegen Hitler. Tübingen.
Lechner, Silvester und Barth, Roland (1999): „Ich bin ja jetzt der Letzte …“ Arbeiterkultur, Jugendwiderstand, Konzentrationslager – Video-Interview. Ulm.
Leclaire, Christoph und Schneider, Ulrich (2018): Hans Gasparitsch – Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Bochum.
Müller, Roland: Hans Gasparitsch (1918-2002) – vom Widerstand zur Erinnerungsarbeit, in: Mut bewiesen. Widerstandsbiografien aus dem Südwesten. Stuttgart.
Poguntke, Peter (2015): Hans Gasparitsch (1918-2002). Unbeugsam im Widerstand, in: Stuttgarter Lebenswege im Nationalsozialismus. Konstanz.



