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Gerhard Metz, Lehenstr. 48

Grüß mir den Bubi – das kurze Leben des Gerhard Walter Metz

Starb er an einer Lungenentzündung? Oder an Diphtherie? Wo wurde er überhaupt begraben? Lange Jahre wussten die nach dem Krieg geborenen Schwestern von Gerhard Walter Metz fast nichts über ihren bereits 1942 gestorbenen Bruder. Erst vor wenigen Jahren, kurz vor ihrem Tod, brach eine Kusine das kollektive Schweigen: „Wusstet Ihr nicht, dass Gerhard ermordet wurde?“

Vater und Sohn, vermutlich im Winter 1941/42

Eine Familie in der Lehenstraße
Wilhelm Metz, Jahrgang 1908, arbeitete wie sein Vater bei der Stadt Stuttgart. Im Sommer 1938 heiratete er eine Kollegin, die aus Heslach stammende, einige Jahre jüngere Sekretärin Ingeburg Schmid. Kurz darauf bezog das junge Paar im Obergeschoss des Hauses Lehenstraße 48 in Stuttgart-Süd die erste gemeinsame Wohnung. Am 31. Mai 1939, drei Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde mit Gerhard Walter das erste Kind geboren. Fünf Tage später fand die Taufe in der Johanneskirche am Feuersee statt. Doch das Glück war nicht ungetrübt. Vermutlich war das Kind von Geburt an schwerbehindert.

Während der Vater bald nach Kriegsbeginn im September 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, wuchs Gerhard von der Mutter umsorgt in der Lehenstraße auf. „Grüß mir den ‚Bubi‘“, schrieb der Vater mehrfach in seinen Feldpostbriefen von der Front. Das einzige in der Familie erhaltene Foto zeigt Vater und Sohn bei einem Spaziergang im Schnee, vermutlich im Winter 1941/42.

Erfasst, begutachtet, ermordet
Im März 1942 wurde Gerhard Walter Metz in die „Kinderfachabteilung“ der Landesheilanstalt Eichberg eingewiesen. Grundlage dafür war ein vertraulicher Erlass des Reichsministers des Innern vom August 1939. Zunächst mussten die behandelnden Ärzte Neugeborene, später auch ältere Kinder mit einer Behinderung per Fragebogen erfassen und melden. Bis Ende 1943 betraf dies allein in Stuttgart zwischen 240 und 260 Kinder. Das Gesundheitsamt gab diese Unterlagen weiter nach Berlin. Dort erfolgte die abschließende „Begutachtung“ der Kinder hinsichtlich ihres „Lebens- und Nutzwertes“ im Umlaufverfahren durch die Ärzte des „Reichsausschusses“: Ein Kreuz bedeutete „Behandlung“, das heißt Tötung des Kindes, ein Minuszeichen den Verbleib im Heim oder bei den Eltern. In rund 5.000 Fällen reichsweit haben die Gutachter ein Kreuz gemacht – so auch bei Gerhard Walter Metz.

Bei der „Kinderfachabteilung“ Eichberg handelte es sich nicht um eine auf die Behandlung kranker Kinder spezialisierte Abteilung einer Heilanstalt oder eines Kinderkrankenhauses. Vielmehr war sie eine von etwa 40 getarnten Einrichtungen zur Ermordung von Kindern, die der „Reichsausschuss“ zur Tötung bestimmt hatte. Den Eltern wurde jedoch vorgetäuscht, dort könne „die beste Pflege durchgeführt werden“.

Die „Kinderfachabteilung“ in der Landesheilanstalt Eichberg, im Rheingau nahe Eltville gelegen, war im Frühjahr 1941 eingerichtet worden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs starben dort mehr als 500 Kinder und Jugendliche. Der überwiegende Teil von ihnen wurde mit überdosierten Schlaf- oder Beruhigungsmitteln ermordet.

Ein Grab nach 84 Jahren
Wurde Gerhard von seiner Mutter im März 1942 nach Eichberg gebracht? Wurde er von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes in Stuttgart abgeholt? Da seine Akte, ebenso wie viele andere auch, kurz vor Kriegsende gezielt vernichtet wurde, gibt es auf diese Fragen keine Antworten.

Fest steht: Auf den Tag genau zwei Monate nach seiner Aufnahme wurde Gerhard ermordet, offizielle Diagnose: Herzstillstand. Während die meisten Opfer auf dem Anstaltsfriedhof beerdigt wurden, erfolgte in diesem Fall eine Überführung nach Stuttgart.

Traueranzeige im Stuttgarter NS-Kurier, 14. Mai 1942 (Quelle: WLB)

In der Familie wurde über das Schicksal des Kindes jahrzehntelang geschwiegen. Seine erst nach dem Krieg geborenen Schwestern wussten kaum etwas über ihren Bruder. Auch der Ort seines Grabes blieb unbekannt. Erst 84 Jahre nach seinem Tod, aufgrund einer Nachfrage beim Stuttgarter Garten- und Friedhofsamt, erfuhren die Angehörigen im Sommer 2026, dass das Kind auf dem Heslacher Friedhof beigesetzt worden war.

Am 18. November 2026 wurde vor dem Elternhaus in der Lehenstraße 48 ein Stolperstein für Gerhard Walter Metz verlegt. Es ist der elfte Stolperstein für ein Stuttgarter Eichberg-Opfer.

HIER WOHNTE
GERHARD METZ
JG. 1939
EINGEWIESEN
“HEILANSTALT“ EICHBERG
‘KINDERFACHABTEILUNG’
ERMORDET 7.5.1942


Recherche: Marion Weber und Irmtraud Metz
Text: Marion Weber

Quellen:
Private Unterlagen der Familie Metz
Aufnahmebuch und Sterberegister der Landesheilanstalt Eichberg (Archiv des Landeswohlfahrtsverbands Hessen, B 10, Nr. 109 u. 121)
P.-Michael Eulberg: Euthanasie auf dem Eichberg im Lichte der Erbacher Sterbebücher
Lutz Kaelber: Gedenken an die NS-»Kindereuthanasie« – das Fallbeispiel der Landesheilanstalt Eichberg, Gedenkstättenforum Rundbrief 161, S. 14-24, 
Vitos Rheingau, Die Geschichte des Standorts
Karl-Heinz Marquart: “Behandlung empfohlen”, NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart, Stuttgart 2015
Stuttgarter NS-Kurier, 14. Mai 1942, S. 5, Deutsches Zeitungsportal via Württembergische Landesbibliothek