
Elsa Wormser wurde am 31. März 1876 in der Paulinenstraße 10 in Stuttgart geboren, als jüngstes Kind des Kaufmanns Samuel Moses Wormser (geboren in Lendershausen am 16. Oktober 1832) und seiner Frau Jeanette geb. Rosenwald (geboren in Bamberg am 27. Januar 1844). Laut Familienregister im Archiv der Stadt Stuttgart hatten beide am 1. September 1864 in Bamberg geheiratet.
Auch die Großeltern sind namentlich bekannt, väterlicherseits der „Handelsmann“ Martel Wormser/Wurmser und Frau Mariann (kein Familienname), sowie Nathan Rosenwald und Sara geb. Dessauer (Bleistifteintrag des Mädchennamens). Zum Zeitpunkt der Eheschließung war der Ehemann bereits „Bürger in Stuttgart“, der Eintrag ist versehen mit dem Stempel „Deutscher Reichsangehöriger Bürgerliste I, Nr. 2651“.
Am 8. Juli 1865 und am 15. Juli 1866 wurden die beiden ältesten Kinder Emma und Anna geboren, am 18. Oktober 1867 Max, der einzige Sohn. Am 11. Dezember 1869, am 8. Januar 1871 sowie am 12. August 1873 kamen drei weitere Töchter hinzu: Ottilie, Lucia und Ida. Der kleine Sohn wurde nur wenige Wochen alt, auch Lucia starb schon mit 7 Wochen, laut Sterbeeintrag an „Gichter“. Beide sind auf dem Hoppenlau-Friedhof begraben.
Zu den Schwestern Emma und Ottilie gibt das Familienregister genaue Auskunft. Emma heiratete mit 19 Jahren, am 5. Februar 1885, den Kaufmann Julius Sander aus Darmstadt, wo sie und ihr Mann in der Folge auch lebten. Das Paar blieb kinderlos. Julius war ein Bruder von Helene Sander, die den Stuttgarter Lithographen Uri Levi (Gartenstraße 15) geheiratet hatte. Er war Trauzeuge bei der standesamtlichen Heirat von Julius und Emma in Stuttgart.
Die Familie von Uri Levi und Helene geb. Sander nahm später den Namen der Frau als Familiennamen an. Der Sohn Emil Sander, Augenarzt in Stuttgart, verfasste 1937 eine ausführliche Familienchronik, die beim Leo Baeck-Institut hinterlegt und in Internet abrufbar ist. Darin werden auch Emma und Ottilie Wormser erwähnt.
Ottilie hatte am 25. April 1888 den verwitweten Arzt Dr. Moritz Mayer geheiratet, einen Verwandten der Sanders, den sie in Darmstadt kennengelernt hatte. Am 8. März 1889 wurde dort der Sohn Hans geboren. Über Moriz und Ottilie schreibt Dr. Emil Sander in seiner Chronik: (… )“diese Ehe endete schlimm in einer Morphiumtragödie, der beide Gatten erlagen & der einzige Sohn aus dieser Ehe führte ein abenteuerliches Leben als Psychopath, alsdass Onkel Julius fast jedesmal von neuen Streichen und neuen Sorgen von diesem Neffen zu erzählen hatte.“
Heute wissen wir, dass dieser einzige Neffe von Elsa Wormser am 30. Juni 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.
Für zwei weitere Angehörige der Familie Sander liegen Stolpersteine in Stuttgart, Rosenstraße 35: Rebekka Sander geb. Mayer, Frau von Rudolf Sander, dem Bruder von Julius und Helene, und deren Sohn Ernst Sander.
Die zweitälteste Schwester Anna heiratete, ebenfalls 1888, zwei Monate vor ihrer Schwester Ottilie, am 23. Februar den in Stuttgart lebenden, am 9. Januar 1839 in Ernsbach bei Öhringen geborenen Kaufmann Elieser (Louis) Rosenthal, Sohn des Landesproduktenhändlers Jonas Rosenthal und seiner Frau Hanna geb. Bauer. Am 22. Juni 1889 kam Tochter Lilly (auch Lili) zur Welt, am 22. Juli 1891 der Sohn Walter. 1890 erscheint Louis Rosenthal im Adressbuch als Inhaber der Firma Oppenheimer u. Rosenthal unter der Adresse Militärstraße 2D, 1910 als „Kommissionsbureau“ in der Alleenstraße 4, ab 1915 zudem Tochter Lilly, mit einem eigenen Eintrag, als Konzertsängerin.
1917 lässt Familie Rosenthal ihren „jüdisch“ klingenden Namen ändern und sich in „Rotal“ umbenennen. Gemäß Eintrag im Familienregister von Elieser und Anna Rotal verstirbt Sohn Walter mit knapp 30 Jahren im April 1920 in Baltimore.
Am 12. März 1921 heiratet Lilly Rotal, laut Heiratsurkunde „ohne Beruf“, den Kaufmann Rudolf Albert Leo Grüneberg, geboren am 8. Juli 1884 in Arnsberg, Preußen, und dort wohnhaft. Trauzeugen sind der Kaufmann Ernst Grüneberg, wohl ein Bruder des Bräutigams, und Lillys Onkel, der „Fabrikant Julius Sander“ aus Darmstadt, der Mann ihrer Tante Emma.
Lillys Vater Louis Rotal starb im darauffolgenden Jahr, ihre Mutter Anna erscheint als Witwe noch bis 1926 unter der alten Adresse, danach nicht mehr. Tochter Lilly und ihr Mann sind nicht im Stuttgarter Adressbuch zu finden; wo sie nach ihrer Eheschließung gewohnt haben wissen wir nicht.
Zum Glück ist keiner von ihnen in Opferlisten wie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs verzeichnet. Dass Lilly und ihre Mutter Anna 1939 am Leben waren, kann man daraus ableiten, dass beiden noch der Zusatzname „Sara“ aufgezwungen wurde, wie im Familienregister Rotal mit Stempel eingetragen ist.
Doch zurück zu Elsa, der jüngsten Schwester, die wohl ihr ganzes Leben in Stuttgart verbrachte. In jungen Jahren hat sie aller Wahrscheinlichkeit nach bei den Eltern und später bei der Mutter gewohnt. Die Mutter starb mit 56 Jahren 1900 in Stuttgart und wurde, wie später ihr Schwiegersohn Louis Rotal, auf dem Pragfriedhof beigesetzt. Vom Vater wissen wir nur, per Bleistifteintrag im Familienregister, dass er in Zürich verstarb, allerdings ganz ohne Datum. In den Adressbüchern ist schon ab 1892 nur noch „Charlotte (=Jeanette) Wormser, Kaufm. Frau“ zu finden, die Trennung muss also zu Lebzeiten des Mannes stattgefunden haben. Auch 1900, ihrem letzten Lebensjahr, ist sie als „Kaufmanns Frau“ in der Reinsburgstraße 16 wohnhaft, auch hier müsste demnach der Vater gelebt haben.
Ab 1911 hat Elsa einen eigenen Eintrag im Adressbuch als „Klavierlehrerin“ in der Blumenstraße 27, dann ab 1915 durchgehend als „Musiklehrerein“, in der Pfizerstraße 10, in der Uhlandstraße 27 und in der Kernerstraße 24a.
Die längste Zeit – von 1919 bis 1933 – lebte sie in der Werastraße 50. Ab da beginnt wieder eine Zeit häufiger Wohnungswechsel, die Gründe dafür sind kaum mehr nachvollziehbar. Dass sie nicht auf Rosen gebettet war, ist vielleicht dem zusätzlichen Eintrag „Teehandlung“ zu entnehmen, ab 1935 im Kanonenweg 8, bis 1938 in der Etzelstraße 24 und in der Rotenbergstraße 1.
Wie sie selbst blieb auch Elsas vierte Schwester Ida Wormser (geb. 12.8.1873) unverheiratet. Lange Jahre fehlt ihr Namen in den Stuttgarter Adressbüchern. Aber auch hier gibt das Familienregister Auskunft: wieder eine Bleistiftnotiz besagt „Schriftstellerin in Berlin“.
Ab 1939 – in den Adressbüchern sind jüdische Bürger in einer eigenen Liste separiert – geben die sog. Judenlisten* am genauesten Auskunft.
In der ersten Judenliste vom 31. Januar 1939 wohnen beide Schwestern in Degerloch, Elsa in der Ahornstraße 52, Ida in der Waldstraße 48. Ab der zweiten Judenliste vom Herbst 1939 steht: Wormser, Elsa Sara, Musiklehrerin, Militärstraße 49, darunter folgt: Wormser, Ida Sara, gen. Linden, Schriftstellerin, Elsaweg 33, Degerloch.
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Anmerkung: Begriff „Judenlisten“: In den fünf Listen, von Januar 1939 bis Ende Dezember 1941, sind alle erwachsenen Personen jüdischer Herkunft (entsprechend den „Rassegesetzen“ der Nazis) mit ihren Wohnadressen einzeln aufgeführt. Diese Listen dienten der „Jüdischen Mittelstelle“ z.B. als Grundlage für die Verteilung von Lebensmittelkarten usw., in der Folge allerdings auch für die zwangsweise Zusammenstellung der Deportationslisten.
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Während Ida jetzt durchgehend bis Ende 1941 an dieser Adresse wohnt, muss Elsa noch in die Schottstraße umsiedeln und ist dann erst ab Ende 1940 in der Rankestraße 44.
Das Haus Rankestraße 44 gehörte zu der Zeit einer Familie Rosenthal, wahrscheinlich nicht verwandt mit der Familie von Elsas Schwester Anna verh. Rosenthal, später Rotal. Der Grund für Elsas Einzug in dieses Haus ist die Verordnung der Nazis, dass ab April 1939 Juden nur noch in „Häusern in jüdischem Besitz“ wohnen durften. Familie Rosenthal war nach den Rassegesetzen von 1935 jüdisch, obwohl sie Anthroposophen waren, worauf auch die Architektur des Hauses hindeutet. Bei Elsas Einzug wohnte die Witwe Antonie Rosenthal noch in ihrem Haus, das ist aus der „Judenliste“ vom Dezember 1940 ersichtlich.
Ihr Sohn Werner konnte sich schon im Frühjahr 1939 in Schweden in Sicherheit bringen und unterstützte seine Mutter dabei, ebenfalls nach Schweden zu emigrieren. Das ging sehr geordnet vonstatten, wie aus umfangreichem Archivmaterial im Staatsarchiv Ludwigsburg deutlich wird. Dort sind einzeln die Gegenstände sowie Anzahl und Art der Gepäckstücke aufgeführt, aber auch die Ausplünderung der Menschen wird deutlich, die das Glück hatten, dass jemand ein Visum für sie besorgte und die erforderlichen Garantien im Ankunftsland übernahm. Im Juni 1941 konnte Antonie Rosenthal ihre Reise nach Schweden antreten, über Berlin, und von dort mit dem Flugzeug.
Elsas letzte Adresse in Sillenbuch war nicht ihre letzte Station auf dem Weg in den Tod. Es gab lange noch Erinnerungen von Nachbarn an diese Zeit, als wohl Elsas Schwester Ida, die ja in Degerloch wohnte, sie besuchen kam.
Anfang Februar 1942 wurden die Schwestern in das Zwangswohnheim Schloss Weißenstein bei Göppingen verbracht. Über diese Einrichtung, die eine Art Vorhof zur Hölle war, gibt es auf der Internetseite www.stolpersteine-goeppingen.de eine ausführliche Dokumentation. Die Mitnahme einzelner Möbelstücke war noch möglich, aber Kontakt zu Dorfbewohner:innen war verboten, das Schlossgelände durfte nicht verlassen werden. Die Internierung in Weißenstein dauerte bis August. Am 22. August 1942 wurde Elsa zusammen mit ihrer Schwester Ida vom Stuttgarter Nordbahnhof aus in das KZ Theresienstadt deportiert.
Dort starb Elsa am 24. Mai 1943 im Alter von 77 Jahren. Ida Wormser starb am 29. Juli 1943, wenige Tage vor ihrem 80. Geburtstag, ebenfalls aufgrund von Hunger, Kälte und verheerenden hygienischen Bedingungen.
Idas „Todesfallanzeige“ ist erhalten. Diesem Dokument aus dem KZ Theresienstadt ist auch zu entnehmen, dass sie um 8:30 Uhr im „HV, Zi. 207“, der „Siechenstube“ starb. Als Krankheit ist angegeben: „Vitium cordis Herzfehler“, als Todesursache: „Enteritis Darmkatarrh“. Auch die beiden Ärzte, die gezwungen waren, diese schönfärberischen Eintragungen zu unterschreiben, wurden später ermordet.
Am 30. September 2008 wurde in der Rankestraße 44 ein Stolperstein für Elsa Wormser verlegt.
HIER WOHNTE
ELSA WORMSER
JG. 1876
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
THERESIENSTADT
Recherche und Text: Susanne Bouché, Stuttgarter Stolperstein-Initiativen
Quellen: Archiv der Stadt Stuttgart -Staatsarchiv Ludwigsburg – Joachim Hahn: Hoppenlaufriedhof, Pragfriedhof – Archiv der Stadt Darmstadt – Bundesarchiv Gedenkbuch
Auf der Webseite der Stolperstein-Initiative Göppingen befindet sich eine Biografie von Elsa Wormser.



