Vergebliche Hoffnung auf ein Wiedersehen

Herzl Gruß u. Küsse Mutter.“
Ob Clara Hirsch schon in Berlin oder noch in Stuttgart erfahren hat, dass ihre Ausreise unterbunden wurde, wissen wir nicht. Sicher ist, dass sie 6570 RM dafür aufgewendet hat und für einen Transport ab Berlin am 25. Oktober eingeteilt war. Über Lissabon und Kuba hoffte sie, ihre Tochter in Amerika zu erreichen. Zwei Koffer und eine 285 kg schwere Kiste hatte sie deshalb einer Spedition übergeben. Weitere zwei Koffer und eine Hutschachtel, als Passagiergepäck nach Berlin gelangt, wurden zurückbeordert. Clara Hirsch wurde unter Aufsicht der Gestapo gestellt und musste ihre Wohnung verlassen. Nach kurzem Aufenthalt in der jüdischen „Pension Emanuel“ (Hohenstaufenstraße 17a) wurde sie nach Dellmensingen zwangsevakuiert und am 22. August nach Theresienstadt deportiert (Transport XIII/1), wo sie am 9. September an Entkräftung starb.
Blättern wir zurück: Sally und Clara Hirsch betrieben seit dem späten 19. Jahrhundert ein Bekleidungsgeschäft in der Seelbergstraße, seit 1906 im eigenen Haus (Nr. 16). Greta Pick, Tochter des Konkurrenten Ernst Pick (Bahnhofstraße 4), hat die Firma Hirsch nach dem Krieg als das bedeutendste Herren- und Knabenkonfektionsgeschäft in Cannstatt bezeichnet. Sally und Clara Hirsch hatten zwei Kinder: Bertha (geb. 1897) und Hugo (geb. 1898).

1926 – Am 1. Januar tritt Hugo Hirsch der Firma Sally Hirsch als Gesellschafter bei.
1935 – Die Hetzschrift „Deutscher kaufe nicht beim Juden!“ ruft zum Boykott des Konfektionsgeschäfts in der Seelbergstraße auf.
1938 – Firma und Haus der Hirschs werden im Juni „arisiert“.
Hugo Hirsch bereitet seine Auswanderung vor und tritt am 30. Juni aus der Firma Sally Hirsch aus.
In der Pogromnacht vom 9./10. November geht, von der Feuerwehr in Brand gesetzt, die Cannstatter Synagoge in Flammen auf.
1939 – Seit 1. Januar muss Clara Hirsch den zusätzlichen Namen Sara tragen. Am 7. Mai stirbt Sally Hirsch knapp 80-jährig.
Am 31. Mai muss Clara Hirsch Gold- und Silberschmuck, Uhren und Tafelsilber bei der städtischen Pfandleihanstalt abliefern und erhält lediglich den Metallwert ersetzt. Am 13. Oktober bezahlt sie die fünfte Rate von insgesamt über 15 000 RM Judenvermögensabgabe.
Am 26. Oktober wandert Bertha Hirsch nach Amerika aus.
1940 – Jenny Aron, eine Verwandte, zieht zu Clara Hirsch in die Seelbergstraße, ihr gelingt im folgenden Jahr die Auswanderung über Portugal in die Vereinigten Staaten.
1941 – Clara Hirschs Hoffnung, über Lissabon und Kuba in die USA zu entkommen, wird zunichte. Vermutlich im Zuge der einsetzenden „Endlösung“ wird der Transport unterbunden, dem sie zugeteilt war.
Ab September müssen alle Juden den Judenstern tragen.
Gegen Ende des Jahres muss Clara Hirsch ihre Wohnung in der Seelbergstraße verlassen und in die jüdische „Pension Emanuel“, Hohenstaufenstraße 17 a, ziehen.
1942 – Ende Februar wird Clara Hirsch in das jüdische „Altersheim“ Dellmensingen zwangsevakuiert.
Von 24.625 RM Zwangsabgabe für einen Heimeinkaufsvertrag (Theresienstadt!) werden von Clara Hirschs Konto 13.048,16 RM überwiesen, weil mehr nicht verfügbar ist. Ihr Konto wird am 10. November abgeschlossen, verbliebene 19 RM gehen an die Finanzkasse Ulm. Für Frau Hirschs Wertpapiere erlöste 11.311 RM werden an die Reichshauptkasse Berlin abgeführt.

Recherche und Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
Fotos: Staatsarchiv Ludwigsburg, Württembergische Landesbibliothek, Anke Redies



