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Bernhard Fleischer, Schlosserstr. 24

Bernhard Fleischer 1917 (Quelle: Staatsarchiv Ludwigsburg)

Bernhard Fleischer kam am 5. Februar 1879 in Göppingen zur Welt, er war das erste Kind des jüdischen Ehepaars Emilie und Samuel Fleischer. Sein Vater hatte in eine alte Göppinger jüdische Familie eingeheiratet und wurde als Unternehmer einer Firma, die Korsetts herstellte, bekannt. Nach Bernhard bekamen Emilie und Samuel noch drei Kinder, aber nur Bernhard, der Erstgeborene durfte auf das Gymnasium gehen. Eigentlich war es noch gar kein Gymnasium, sondern eine sogenannte Lateinschule, und Bernhard war wahrscheinlich der erste jüdische Schüler dieser landesweit bekannten Göppinger Schule. Er hatte dort übrigens einen älteren Mitschüler, der als Schriftsteller später weltbekannt werden sollte, nämlich Hermann Hesse.

Bernhard Fleischer sollte oder wollte – genau ist das nicht überliefert – nicht im Familienunternehmen mitarbeiten, denn als er mit dem Studium begann, wählte er das Fach Rechtswissenschaft. Er schloss sein Studium an der Uni Tübingen im Jahr 1902 ab und dürfte ab 1905 in Stuttgart gewohnt haben, denn im Adressbuch von 1906 ist er als Mitarbeiter der Rechtsanwaltskanzlei von Martin Rothschild in Cannstatt verzeichnet.

Vier Jahre später, im September 1910, ging Bernhard Fleischer mit Emma Bikard die Ehe ein, es handelte sich vermutlich um eine arrangierte Ehe. Emma, die auch aus einer jüdischen Familie stammte, war vom finanziellen Hintergrund her gesehen, eine ‚gute Partie‘, allerdings gehörte ihr Herz schon damals einem anderen Mann. Dennoch: Im Juni 1911 kommt das erste Kind zur Welt, die Tochter Anneliese. Als Schulkind besucht sie zunächst die Rothersche Mädchenschule am Herdweg, dann die Charlottenrealschule, später möchte sie sich zu Chemotechnikerin ausbilden lassen, kein damals üblicher Beruf für eine junge Frau. Anneliese und ihr Vater hatten die Marotte, miteinander in Reimen zu sprechen, was zumindest der Göppinger Verwandtschaft sehr auf die Nerven ging.

Bernhard Fleischer, der mittlerweile eine eigene Rechtsanwaltskanzlei führte, wurde 1919 von seiner Frau Emma geschieden, wobei die Initiative von ihr ausging. Bald findet er eine neue Ehe-Partnerin, es ist Agathe Hiller. Sie stammt aus einer christlichen Familie, und im Januar 1925 kommt ein gemeinsames Kind zur Welt, die Tochter Agathe, die katholisch getauft wurde, also im Glauben ihrer Mutter. Für den toleranten Bernhard Fleischer ist das kein Problem.

Mehr Sorgen dürften ihm berufliches Pech und seine zunehmende Augenkrankheit bereitet haben. Zumindest für das erste Problem gab es zunächst Abhilfe, seine Frau eröffnete einen Waschsalon mit dem sie gut verdiente. Dennoch geht auch diese Ehe 1935 zu Bruch. In der Nazi-Zeit leidet seine ohnehin nicht große Kanzlei unter den Boykott-Aufrufen gegen jüdische Rechtsanwälte, außerdem verschlimmert sich seine Augenkrankheit so sehr, dass er 1936 die Kanzlei schließen muss.

Ein Glück für Bernhard Fleischer, dass er in der Witwe Grete Häussermann wieder eine liebevolle Gefährtin hat. Nur: Sie als ‚Arierin‘ darf in der Zeit des Nazi-Terrors eigentlich keinen Kontakt zu einem ‚Juden‘ pflegen. Grete und Bernhard geraten in die Fänge von Alfred Amthor, der im ‚Judenreferat‘ der Staatspolizei arbeitet. Grete Häussermann kommt mit einem mehrwöchigen Zwangsaufenthalt im Polizeigefängnis in der Büchsenstraße noch glimpflich davon, Bernhard Fleischer wird am 18. Mai 1942 hier in der Schlosserstr. 24 verhaftet. Nach zwei Wochen im Polizeigefängnis wird der blinde 63-jährige Mann über das Lager Welzheim in das KZ Buchenwald deportiert. Hier trifft er am 10. Juli 1942 ein und schon am 17. September stirbt er im dortigen ‚Häftlingskrankenbau‘.

Als offizielle Todesursache gelten ‚Herz- und Altersschwäche‘ – wie Bernhard Fleischer wirklich zu Tode kam, ist nicht überliefert. Seine wenigen Kleidungsstücke werden seiner Tochter Beate zugesandt, die für ein Grab ihres Vaters auf dem Pragfriedhof sorgt. Beate Fleischer überstand als diskriminierte ‚Halbjüdin‘ die Nazi-Zeit in Stuttgart, ihre Halbschwester Anneliese war schon im Jahr 1935 mit ihrem Ehemann nach Palästina geflüchtet. Bernhards jüngere Brüder Julius und Arthur Fleischer wurden ebenfalls von den Nazis ermordet, nur seine Schwester Paula Ries überlebte durch Flucht nach England.

Am 18. November 2026 wurde in der Schlosserstraße 24 ein Stolperstein für Bernhard Fleischer verlegt.

HIER WOHNTE
BERNHARD FLEISCHER
JG. 1879
VERHAFTET 1942
KZ BUCHENWALD
ERMORDET 17.9.1942

Recherche und Text: Klaus Maier-Rubner, Initiative Stolpersteine Göppingen e.V. für Stolperstein-Initiative Stuttgart-Süd 

Eine umfangreiche Biografie Bernhard Fleischers findet sich auf der Webseite der Stolperstein-Initiative Göppingen, dort auch Hinweise zu den Quellen