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Alice Stoll, Meistersingerstr. 17

(Foto: Bürgerhospital 1927, Teilansicht)

Alice Stoll wurde mit 41 Jahren durch das NS-Regime als „lebensunwertes Leben“ eingestuft und deshalb ermordet. Wie konnte das geschehen?

Geboren wurde Alice Stoll am 29. Oktober 1899 in Stuttgart. Ihr Vater Karl Stoll (geb. in Berlin am 25. November 1863) hatte am 26. Mai 1894 Wilhelmine Martha Fischer (geb. am 22. November 1873) in Stuttgart geheiratet. Sie hatten zuerst in der Weimarstraße 25 gewohnt. Die Eltern hatten sich wohl über den Beruf kennengelernt, denn Mina, so wurde sie genannt, war zum Zeitpunkt der Heirat Konzertsängerin. Auch er war Konzertsänger, später Leiter des Silcher-Quartetts und 1901 hatte er sogar einen Auftritt vor dem Kaiser. Aufgrund seines Gesundheitszustands musste er aber früh mit der Konzerttätigkeit aufhören. Er verstarb bereits am 7. August 1905 an einem Gehirnleiden. Zu dem Zeitpunkt wohnte die Familie in der Forststraße 87. Alice Stoll hatte keine Geschwister. Die zweite Ehe ihrer Mutter mit Karl Holzapfel (Heirat 1910) blieb kinderlos.

Bereits in ihrem ersten Lebensjahr traten Krankheitssymptome auf. Bis zur vierten Klasse besuchte Alice Stoll die Schule in Stuttgart, später in Turin eine Privatschule, wo sie aber aufgrund ihrer Erkrankung oft im Unterricht fehlte und kaum mitkam. Ihr Stiefvater hatte in Turin ein lithografisches Geschäft und lebte bereits vor der Heirat dort. Die Familie wohnte in der Via Montemagno 19.

Da sich der Zustand von Alice Stoll verschlechtert hatte, war bereits 1913 geplant worden, sie in die Heilanstalt nach Stetten zu bringen. Am 28. August 1913 schrieb der Stiefvater aus Turin einen Brief an die Heilanstalt, in dem er darauf hinwies, dass die Pflegetochter Aufnahme bei Verwandten gefunden hat und deshalb die Aufnahme in die Anstalt nicht mehr relevant sei. Sollte sich dort keine Besserung ergeben, würde er aber geneigt sein, sie später in der Anstalt unterzubringen. Bei dem Verwandten handelte es sich um Adolf Fischer, dem Bruder von Mina Stoll, der in der Werfmershalde 16 wohnte.

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs zogen Mina und Karl Holzapfel wieder nach Stuttgart in die Eberhardstraße 45. 1916 begannen die stationären Aufenthalte von Alice Stoll in diversen Heilanstalten. Vom 30. Mai bis 14. Juli 1916 war sie in der Olga-Heilanstalt in Stuttgart zur Behandlung. Der Stiefvater war noch im Krieg, als sie am 2. April 1918 in die Heilanstalt nach Stetten kam. Sie wurde als Epileptikerin eingewiesen und war deshalb in Stetten, auch bei späteren Aufenthalten, im sogenannten Johanniterhaus untergebracht, das nur für Menschen mit Epilepsie vorgesehen war. Sie blieb dort bis zum Februar 1921 und ging anfangs noch einmal in die Schule. Es hat ihr in Stetten gut gefallen. Ab 1921 hatte sich ihr Zustand wohl etwas gebessert, so dass sie wieder zuhause bei der Familie sein konnte, die 1920 in die Charlottenstraße 17 in Degerloch (heute Meistersingerstraße 17) gezogen war.

Am 2. März 1927 musste der Hausarzt Dr. Knödler aus Degerloch ein ärztliches Zeugnis für die Württ. Landesfürsorgebehörde in Stuttgart erstellen. Hier empfahl er eine erneute Unterbringung von Alice Stoll in der Heilanstalt Stetten. Sie kam zuerst am 18. April 1927 ins Bürgerhospital in Stuttgart. Kurz zuvor war sie im Wald vergewaltigt worden (vgl. Akte Bürgerhospital). Sie blieb im Bürgerhospital bis zum 28. Juni 1927 und wechselte dann in die Heilanstalt Stetten. Dort schrieb sie 1927 einen Lebenslauf, der zwar mit etlichen Rechtschreibfehlern versehen ist, aber ein „Irrer“, wie die Kranken der Heil- und Pflegeanstalten in dieser Zeit allgemein genannt wurden, wäre nicht in der Lage gewesen, einen solchen Lebenslauf zu verfassen. Ab dem 30. April 1930 war sie wieder für einige Monate zuhause, bis sie am 12. August 1930 erneut nach Stetten kam. Ab diesem Zeitpunkt hat der Stiefvater die Kosten für die Unterbringung bezahlt. Zuvor waren die Kosten vom Städtischen Wohlfahrtsamt übernommen worden.

In den Krankenakten, die im Bundesarchiv in Berlin liegen, findet sich ein Duplikat der „Anzeige gem. Art. 3 Abs. 4 der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 5. Dezember 1933“. Diese wurde am 31. August 1935 in Stetten vom Anstaltsarzt ausgefüllt und an den Oberamtsarzt in Waiblingen geschickt.

Diese Anzeige war immer der erste Schritt, falls eine Zwangssterilisierung vorgenommen werden sollte. Dieses Schicksal mussten ab 1934 viele Menschen erleiden, denen das NS-Regime das Recht zur Fortpflanzung absprach. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass Alice Stoll von der Zwangssterilisierung verschont blieb. In ihrer Sozialakte aus Stetten findet sich der Stempel, mit dem die Zwangssterilisierungen dokumentiert wurden. Bei „Erbkrank“ ist hier ein „Ja“ unterstrichen. „Vollzogen am“ ist aber nicht ausgefüllt.

In der Bundesarchiv-Akte ist noch 1939 vermerkt, dass sie regelmäßig Besuch bekommt (alle drei bis vier Wochen) und auch Pakete erhält. Zu den Angehörigen besteht ein gutes Verhältnis. Sie darf immer wieder Urlaub zuhause machen, so vom 22. Dezember 1939 bis zum 6. Januar 1940. Heimweh hat sie aber nicht. Sie ist meist heiter und gesellig, redet viel und ist gutmütig. Aus ihrer Zeit in Turin kennt sie italienische Lieder und Gedichte, die sie aufsagen kann. Sie kann wohl auch etwas Klavier spielen und hat Interesse an Liedern.

Noch am 17.Oktober 1940 erstellte die stellvertretende Amtsärztin Dr. Leonie Fürst einen kurzen, wohlwollenden Bericht über sie, in der Hoffnung, dass sie dies vor dem Transport nach Grafeneck in die Tötungsanstalt bewahren sollte: „Versorgt sich selbst, ist ansprechbar, anhänglich, heiter und zutraulich. Sie webt in der Webschule, schreibt und liest etwas“.

Der leitende Anstaltsarzt, Dr. Gmelin, war zu diesem Zeitpunkt zum Militärdienst eingezogen. Als sehr junge Ärztin ist Leonie Fürst damit konfrontiert worden, dass das Innenministerium Listen erstellte von Bewohner:innen der Anstalt, die als „lebensunwertes Leben“ eingestuft wurden. Die Folge: Die Menschen wurden mit Transportbussen nach Grafeneck transportiert und dort ermordet.

Leonie Fürst hatte sich zusammen mit dem Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Stetten, Herrn Pfarrer Schlaich, am 16. Oktober 1940 noch geweigert, die Kranken (darunter auch Alice Stoll) für den Transport freizugeben und auf eine falsche Beurteilung der Bewohner:innen verwiesen. Deshalb musste sie rasch neue Bewertungen erstellen und versuchen, durch eine bessere Beurteilung die Menschen vor dem Tod zu retten. Trotzdem kam am 5. November der nächste Transportbus. Leonie Fürst ist damals umgehend nach Stuttgart gefahren und hatte versucht, direkt beim Innenministerium einen Transportstopp zu erwirken. Ihr Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Gesundheitsabteilung, Dr. Otto Mauthe, blieb jedoch erfolglos.

Am 5. November 1940 wurde Alice Stoll aus der Heilanstalt Stetten auf Anordnung des Innenministeriums nach Grafeneck „verlegt“ und dort noch am selben Tag im Gas ermordet.

Am 25. Februar 1941 schrieb ihre Mutter einen Brief an Pfarrer Schlaich. Sie teilte ihm mit, dass sie ihre Tochter Alice der Heilanstalt anvertraut und in Obhut gegeben hat. Von dort sei sie verlegt worden und dann plötzlich gestorben. Sie scheint zu ahnen, dass der Tod kein natürlicher war. Sie hätte Alice wieder bei sich aufgenommen, wenn die Anstalt sie nur danach gefragt hätte und beklagt, dass sie nicht über die Verlegung informiert wurde. „Ein unendlich schweres Leid ist über mich gebracht worden“. Am 28. Februar 1941 antwortet Pfarrer Schlaich und führt auf, dass es verboten war, ohne Genehmigung des Innenministeriums jemanden zu entlassen, ebenso Angehörige über die „Verlegung“ zu informieren. Er weist auch darauf hin, dass die Anstalt keinen Einfluss darauf hatte, wer auf die Transportlisten zur Verlegung kam. Diese wurden nach seiner Aussage vom Innenministerium erstellt und die Kranken danach abgeholt. Damit wollte er auch die Anstalt entlasten und hat Mina Stoll gebeten, sich an das Innenministerium mit der Bitte um Erklärung zu wenden. Tatsächlich konnte die Anstalt aber in einigen Fällen doch etwas Einfluss nehmen und Menschen vor dem Tod retten. Alice Stoll gehörte leider nicht dazu.

Am 18. November 2026 wurde in der Meistersingerstr. 17 ein Stolperstein für Alice Stoll verlegt.

HIER WOHNTE
ALICE STOLL
JG. 1899
EINGEWIESEN 1927
HEILANSTALT STETTEN
‘VERLEGT‘ 5.11.1940
GRAFENECK
ERMORDET 5.11.1940
‘AKTION T 4‘

Der Stolperstein wurde von Karin Haun und ihren Freundinnen gespendet.

Recherche und Text: Anne Roller-Salm, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Fildervororte

Foto: Stadtarchiv Stuttgart, Aufnahme Bürgerhospital Stuttgart, 1927

Quellen:
Bundesarchiv Berlin, BAB 5179/366
Historisches Archiv Diakonie Stetten
Stadtarchiv Stuttgart: Krankenakte Bürgerhospital Bestand 251/1
Standesamt Stuttgart: Geburtsregister (Geburt), Sterberegister 1905/2430 (Tod des Vaters), Trauregister 1894/484 (erste Ehe der Mutter), Trauregister 1910/1835 (zweite Ehe der Mutter)
Stuttgarter Adressbücher, 1899-1920, online unter www.wlb-stuttgart.de
StAL F 235 III Bü 849 Nr. 89

www.deutsche-digitale-bibliothek.de (Deutsches Zeitungsportal), Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg – Mittwoch, 3.5.1893
Stuttgarter Zeitung, Artikel vom 4.1.2016, „Ermordet in Grafeneck“

Literatur:
Bauer, Kathrin: „Oh, ich hass es, dieses Pack“. Leonie Fürst – eine Ärztin und die NS-„Euthanasie“-Verbrechen, Hg. Diakonie Stetten 2024 (Download: https://www.diakonie-stetten.de/die-diakonie-stetten/ueber-uns/geschichte/leonie-fuerst.html).
Kalusche, Martin: „Das Schloß an der Grenze“. Kooperation und Konfrontation mit dem Nationalsozialismus in der Heil- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige und Epileptische Stetten i.R. Hamburg 2011.
Martin, Elke (Hrsg.): Verlegt. Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart. Stuttgart: Verlag Peter Grohmann 2011.
Stöckle, Thomas: Grafeneck 1940, „Euthanasie“-Verbrechen in Südwestdeutschland. Tübingen: Silberburg-Verlag 2020.