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Alice und Richard Vogel, Felix-Dahn-Str. 73

Richard Vogel, Passfoto, ausgestellt 1919

Richard Vogel wurde am 29. März 1881 in Mainz als Sohn des Weinhändlers Emil Vogel und der Bertha Vogel, geb. Bachrach geboren. Er hatte drei Brüder und eine Schwester. Am 5. Juni 1909 heiratete er Alice Kahn. Sie war die Tochter von Jonas Kahn und Rosa Kahn geb. Einstein und kam am 16. September 1879 in Stuttgart zur Welt. Sie wohnten 1909 zunächst in der Pfizerstraße 2, von 1910 bis 1933 in der Johannesstraße 22 in Stuttgart. Das Ehepaar hatte keine Kinder.

Alice Vogel, Passfoto, ausgestellt 1924

Richard Vogel hatte Jura studiert und war bei der Deutschen Versicherungsverein AG Stuttgart (später Allianz Stuttgart) als Gerichtsassessor angestellt. 1913 erhielt er Prokura. Später wurde er stellv. Direktor. Er war Träger des Eisernen Kreuzes Erster Klasse aus dem Ersten Weltkrieg und hatte wie viele andere Juden an der Front für das Deutsche Reich gekämpft. Er glaubte, dass er deshalb von den Repressalien gegenüber der jüdischen Bevölkerung verschont bleiben würde. Dem Berufsverbot entging er zwar 1933 noch. Ab 1934 konnte er seine Berufstätigkeit als Gerichtsassessor und stellv. Direktor aber nicht mehr ausüben. 1934/35 wohnte Richard Vogel mit seiner Ehefrau vorübergehend in der Gutbrodstraße 65, bis sie 1936 in das eigene Haus in der Felix-Dahn-Straße 73 (bis 1937 Wilhelmstr. 73) in Stuttgart-Degerloch umziehen konnten. Das Haus hat auch heute noch das Aussehen von damals.

Felix-Dahn-Str. 73

Sie mussten 1937/38 eine alleinstehende jüdische Dame mit ins Haus aufnehmen, die im 2. Stock wohnte. Sonst gab es keine weiteren Menschen jüdischer Herkunft, die bei ihnen wohnten.
Ein Nachbar, der damals ein kleiner Junge war, kann sich noch erinnern, dass Herr Vogel sehr oft auf seiner Terrasse saß und auf einer Schreibmaschine schrieb.
Weil die Lage im Deutschen Reich für das Ehepaar Vogel immer schwieriger wurde, wollten sie ihr Haus verkaufen. Ihr Wunsch war es, dass das Ehepaar Bacher, mit denen sie seit 1921 bekannt und befreundet waren, das Haus und Grundstück übernehmen sollte. Richard Vogel und Karl Bacher waren auch Logenbrüder bei der Freimaurerloge „Zu den drei Zedern“ in Stuttgart. Die Familien trafen sich häufig. Nach 1937 hatten sie auch über Auswandermöglichkeiten der Familie Vogel gesprochen. Allerdings wurde die Angelegenheit nicht sehr ernstlich betrieben, vermutlich weil Richard Vogel immer noch mit einer Änderung der politischen Verhältnisse rechnete.
Das Ehepaar Vogel wurde im Oktober 1941 dann nach Haigerloch zwangsevakuiert und dort in der Haagstraße 243 untergebracht. Haigerloch war eine der Landgemeinden, die noch eine größere jüdische Bevölkerung aufwiesen. Hier sollten Menschen jüdischer Herkunft gesammelt untergebracht werden, um sie später gezielt deportierten zu können. Nach Haigerloch konnten sie nur das Notwendigste mitnehmen. Einige Kunstwerke, Teppiche, Haushaltsgegenstände verschenkten sie an Menschen weiter, die sie in der NS-Zeit unterstützt hatten, wie das Ehepaar Bacher. Das meiste mussten sie im Haus stehen lassen.
Die Verhandlungen zum Verkauf des Hauses mussten nun unter Zeitdruck geführt werden. Damit das Haus nicht an einen von der Parteistelle aufgezwungenen Käufer fiel, hatten sie das Ehepaar Bacher gebeten, das Haus zu übernehmen. Als Nichtparteigenossen konnten diese das Haus aber nicht kaufen und haben deshalb den Schwager von Herrn Bacher, Herrn Wilhelm Weiss, der NSDAP-Ortsgruppenleiter in Plochingen war, als Käufer vorgeschoben. Das Ehepaar Vogel hoffte, dass es über diesen vielleicht auch möglich wäre, der drohenden Deportation zu entkommen und so zumindest ihr Leben zu retten. Sie fürchteten, schon im November 1941 deportiert zu werden und baten ihn deshalb, auch im Hinblick auf ihren schlechten Gesundheitszustand, sich für sie einzusetzen. Die Bitte war aber vergeblich, auch weil Wilhelm Weiss zu der Zeit an der Ostfront war.
Das Ehepaar Vogel wurde am 24. April 1942 von Haigerloch zuerst zurück nach Stuttgart auf den Killesberg und von da am 26. April1942 nach Izbica deportiert und später ermordet. Izbica in Polen war ein Transitghetto in die Vernichtungslager, besonders nach Belzec und Sobibor. Niemand war vom Transport zurückgekehrt. Deshalb wurde das Deportationsdatum 26. April 1942 als Todesdatum für beide festgelegt.
Das Ehepaar Vogel galt vor den Repressalien durch das NS-Regime als wohlsituiert und gutbürgerlich. Sie besaßen nicht nur Grundstück und Haus mit sieben Zimmern, die wertvoll eingerichtet waren (Flügel, Kunstwerke, Teppiche; Haushaltsgegenständen wie Silber, Kristall, wertvolle Bücher), sondern auch Aktien, Pfandbriefe, Lebensversicherungen etc. Das führte u. a. dazu, dass sie zu den 16% der Menschen jüdischer Herkunft in Deutschland zählten, die lt. Verordnung von 1938 eine Judenvermögensabgabe zahlen mussten. Dies bedeutete, dass sie 20% ihres Vermögens abgeben und dazu u. a. Aktien verkaufen mussten. Das Haus musste zu einem sehr niedrigen Preis verkauft werden. Ihr nach dem Tod noch vorhandenes Vermögen wurde durch Verfügung der Gestapo für das Deutsche Reich eingezogen. Deshalb stellten zwei Nichten und ein Bruder von Richard Vogel (der einzig Überlebende von seinen Geschwistern) nach dem Krieg einen Antrag auf Wiedergutmachung.

Am 5. März 2008 wurden in der Felix-Dahn-Straße 73 zwei Stolpersteine für Richard und Alice Vogel verlegt.

Recherche und Text: Doris Neu, Initiative Stolpersteine Stuttgart – Fildervororte, 2026

Quellen:
Staatsarchiv Ludwigsburg: EL 350 I Bü 61475,
EL 402-25 Bü 786, FL 300-31 III Bü 2062, FL 300-33 I Bü 4, FL 300-33 I Bü 1252
Standesamt Mainz, Geburtsregister 1881, Nr. 480

Abbildungen: Alice Vogel, Passakte, StAL F 215 Bü 400-081
Richard Vogel, Passakte, StAL F 201 Bü 596-155

Zeitzeuge Herr Steidel (Nachbar)

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