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Hans und Gertrud Müller, Lindenbachstr. 59

Hans Müller wurde am 10. Dezember 1909 in Winterbach bei Waiblingen geboren. Schon in jungen Jahren lernte er die Not der Arbeiterjugend kennen. Seine Eltern starben „an der Volkskrankheit“ (Tuberkulose) als er 8 Jahre alt war. Auch seine beiden Schwestern erlagen dieser Krankheit. Er hatte noch einen 6 Jahre jüngeren Bruder. Hans erlernte das Mechaniker-Handwerk, schloss die Lehre mit „sehr gut“ ab, war arbeitslos und fand so zur Arbeiterbewegung.

1933 wurde er für 6 Monate inhaftiert wegen Verbreitung illegaler Druckschriften. Nach einer erneuten Festnahme 1934 kam er auf den Oberen Kuhberg (Ulm) in Schutzhaft, war aber mangels Beweises bald wieder frei.

1937 heiratete er seine Frau Gertrud (Biografie unten), und die beiden wohnten in der damaligen Ferdinand-Schill-Straße 59, heute Lindenbachstraße. Gertrud bekam eine Stelle als Sekretärin bei der Kühlerfabrik Behr, Hans arbeitete als Mechaniker beim Automatenwerk Steinhäuser, beide in Feuerbach.

Im Juni 1942 wurden sie denunziert (vgl. Gertrud Müller unten) und am 26. Juni 1942 an ihren Arbeitsplätzen festgenommen: Hans Müller war bis Kriegsende in „politischer Haft“. Zunächst wurde er bei Verhören der Gestapo in Stuttgart, insbesondere durch den Gestapo-Mann Paul Bässler, schwer misshandelt und es wurden ihm die Zähne eingeschlagen. Im Mai 1943 wurde er ins Gefängnis in Ravensburg verbracht, wo er am 24. April 1945 entlassen wurde.

Trotz physischer und psychischer Beeinträchtigungen arbeitete er nach dem Krieg wieder als Schlosser. Er war als Ermittler tätig bei der Spruchkammer, die ehemalige Mitglieder von NS-Organisationen zur Rechenschaft zogen, und unterstützte weiterhin die KPD bis zu deren Verbot 1956. In den frühen 1960er Jahren wurde er erneut verurteilt wegen „Geheimbündelei in verfassungsfeindlicher Absicht in Tateinheit mit Zuwiderhandlungen gegen das Verbot der KPD und Vertreibung staatsgefährdender Schriften“. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Bis zu seinem Tod ist er nie mehr mit dieser Vergangenheit fertig geworden.
Hans Müller starb am 5. September 1984.

Gertrud Müller geb. Wieland
Mitten im Ersten Weltkrieg wurde Gertrud Wieland am 29. November 1915 in Feuerbach als zweites von drei Kindern geboren. Der Vater Emil Wieland war Schlosser, die Mutter Katharina geborene Aspacher führte den Haushalt. Sie lebten in bescheidenen, beengten Verhältnissen. Der Vater wurde an der Front verwundet, und die Eltern Wieland wurden entschiedene Kriegsgegner.

Acht Jahre konnte Gertrud die Volksschule und dann die Städtische Handelsschule besuchen, bevor sie bis 1942 als Kontoristin arbeitete unter anderem bei der Kühlerfabrik Behr. Auch nach dem Krieg war sie wieder als Kontoristin tätig.

Zusammen mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Emil und ihrer 1919 geborenen Schwester Klara war sie in ihrer kommunistisch orientierten Familie schon früh politisch eingebunden, z.B. zum Verteilen von antifaschistischen Flugblättern und Schriften. Im Alter von 15 Jahren trat sie dem Jungspartakusbund und dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) bei.

Siebzehnjährig zum ersten Mal verhaftet, kam sie nach kurzer Zeit aus dem Stuttgarter Frauengefängnis wieder frei. Trotz ständiger Überwachungen, Hausdurchsuchungen und Bespitzelungen versuchten die Jugendlichen weiterhin mit Flugblättern und Wandparolen die Mitmenschen über den drohenden Faschismus aufzuklären. Ende 1933 wurde Gertrud erneut verhaftet, aber aufgrund ihrer vermuteten „jugendlichen Dummheit“ bald wieder aus der Untersuchungshaft in Cannstatt entlassen.

1942 wurde sie denunziert. In Weilimdorf hatte sie zusammen mit ihrem Mann Hans Müller das Zwangsarbeitslager „Lehmgrube“ der Firma Bosch für russische Fremdarbeiterinnen entdeckt und versucht, Brot über den Zaun zu werfen. Hans hatte sie in der Jugendgruppe kennengelernt und 1937 geheiratet. Wegen „Abhören eines feindlichen Senders, Werkspionage und erschwerter Vorbereitung zum Hochverrat“ kam Gertrud in Schutzhaft, wurde von der Gestapo tagelang verhört und in das sogenannte „Arbeitserziehungslager“ Rudersberg verbracht. [Zum Abhören feindlicher Sender vgl. Biografie von Friedericke Schumacher.]
Als ihr an der russischen Front stationierter Bruder Emil erfuhr, dass seine Eltern, seine Schwester und sein Schwager verhaftet waren, reichte er ein Urlaubsgesuch ein. Daraufhin verbrachte man die Lagerinsassin von Rudersberg in die Gestapo-Zentrale „Hotel Silber“ nach Stuttgart. Die beim Verhör misshandelte und zum Schweigen verpflichtete Gertrud durfte nur kurz ihren entsetzten Bruder und ihre dort inhaftierte, gealterte, gedemütigte Mutter sehen. Umgehend von der Gestapo ins Gefängnis Cannstatt gebracht, wurde sie dort dreizehn Monate lang in Einzelhaft gesteckt, dann 1943 ins KZ Ravensbrück verlegt mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“, und später ins weniger berüchtigte KZ-Lager Geislingen an der Steige.

Am 10. April 1945 „evakuierte“ man dieses KZ-Lager nach München-Allach, einem Außenlager von Dachau. Dort wurde Gertrud Müller mit ihren Mithäftlingen am 30. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Als Antifaschistin war sie Schreibkraft der »Investigation Section« der US-Militärregierung, die gegen belastete Nazis ermittelte. Sie verlor nicht den Mut, als diese den Spieß umdrehten und eine Intrige spannen. Ein Spruchkammer-Kläger, der sich später als belasteter Nazi herausstellte, erhob Anklage gegen Gertrud, sie habe als Blockälteste und Küchen-Anweisungshäftling Mitgefangene schikaniert. Sie kam von Oktober 1947 bis September 1949 in Haft: Ihre schlimmste Zeit, so berichtete sie, war nicht die Zeit in den KZs, sondern jene im Internierungslager Ludwigsburg, in dem sie zusammen mit ehemaligen SS-Aufseherinnen von Ravensbrück eingesperrt war. Trotz guten Zuratens weigerte sie sich, ein Gnadengesuch zu stellen, sondern kämpfte beharrlich für ihre Rehabilitierung, die sie schließlich am 13. Januar 1950 erreichte: In der Wiederaufnahme ihres Verfahrens vor dem Rastatter Militärgerichtshof bei einem Prozess gegen SS-Aufseherinnen des Lagers Geislingen wurde sie von der Anklage der Misshandlung von Mitgefangenen freigesprochen.

Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Gertrud Müller als KZ-Überlebende zur Vorsitzenden der Lagergemeinschaft des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück gewählt. Von 1979–1997 setzte sie sich hier neben ihren späteren Aufgaben als Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees für die gesellschaftliche, politische und juristische Wiedergutmachung ihrer Leidensgenossinnen ein. Im Mai 1988 konnte der jährliche Kongress der Lagergemeinschaft zum ersten Mal in der Bundesrepublik stattfinden.

Nach all ihrem überstandenen Leid wollte sie dazu beitragen, dass niemals wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgeht. Der Kalte Krieg der 1950er Jahre führte zum Verbot der KPD. Doch Gertrud Müller setzte sich als Zeitzeugin weiter für die geschichtliche Aufarbeitung ein: 1983 wurde endlich eine mit Spenden finanzierte Gedenktafel an die Häftlinge des Arbeitslagers Rudersberg genehmigt. Außerdem hielt sie bis ins hohe Alter Vorträge in Schulen und Reden bei Demonstrationen und Gedenkfeiern.

Ihre Wachsamkeit als Antifaschistin half ihr, nicht zu resignieren: Der Widerstand gegen die Raketenstationierung in Mutlangen 1987, der Besuch der Weltfrauenkonferenz in Moskau im selben Jahr, ihre Mitarbeit bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Stuttgart stärkten sie. Bereits 1947 sorgten Gertrud Müller und die VVN dafür, dass auf dem Feuerbacher Friedhof ein Mahnmal für Opfer des Faschismus errichtet wurde, auf dem 28 Namen verzeichnet sind. Bei der jährlichen Gedenkfeier am Volkstrauertag wird an diesem Ort auch an Gertrud Müller erinnert. Bis zu ihrem Tod hatte sie dort selbst gemahnt: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“

Am 25. Mai 2007 ist Gertrud Müller im Alter von 91 Jahren verstorben.

Am 18. November 2026 wurden in der Lindenbachstr. 59 Stolpersteine für Hans und Gertrud Müller verlegt.

HIER WOHNTE
GERTRUD MÜLLER
GEB. WIELAND
JG. 1915
IM WIDERSTAND / KJVD
AB 1933 MEHRMALS HAFT
26.6.1942 SCHUTZHAFT
1943 KZ RAVENSBRÜCK
LAGER ALLACH / DACHAU
1945 BEFREIT / ÜBERLEBT

HIER WOHNTE
HANS MÜLLER
JG. 1909
IM WIDERSTAND / KPD
AB1933 MEHRMALS HAFT
26.6.1942 BIS 1945
VERSCHIEDENE GEFÄNGNISSE
SCHWERE MISSHANDLUNGEN
ÜBERLEBT

Recherche und Texte: Hildegard und Heinz Wienand, Stolperstein-Initiative Feuerbach/Weilimdorf

Quellen (in Auswahl):
Gertrud Müller: Die erste Hälfte meines Lebens (daraus auch das Foto)
Persönliche Gespräche Heinz Wienands mit Gertrud Müller
Maja Riepl-Schmidt in versch. Schriften
Reden von Gertrud Müller (u.a. Zeitschrift der Lagergemeinschaft Ravensbrück)
Henning Fischer: Vergessene Akteurinnen der ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘
Archiv Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945
Staatsarchiv Ludwigsburg