Hermine Helene Edheimer wird am 17. Juni 1866 als ältestes Kind der Eheleute Heinrich und Amalie Edheimer in Baiertal (Baden) geboren. Neben der Synagoge betreibt die jüdische. Gemeinde Baiertal eine Schule und ein Badehaus. – Helene ist die Älteste von zehn Geschwistern, mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Ida pflegte sie ein besonders enges Verhältnis. Über ihre Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt.
Im Alter von 23 heiratet sie am 10. Dezember 1989 in Heilbronn ihren Ehemann Kalman Edheimer, ein Kaufmann im Weingeschäft. In Heilbronn bringt sie am 26. Dezember 1890 ihren Sohn Heinrich zu Welt, er wird sich sein Leben lang um seine Mutter kümmern. Hermine führt ihrem Mann den Haushalt, hilft ihm im Weinhandel-Geschäft und kümmert sich um ihren Sohn.
Im Sommer 1905 ziehen die Edheimers nach Stuttgart in die Johannesstraße 56, wechseln mehrmals in Stuttgart-Nord den Wohnsitz und lassen sich für eine lange Zeit in der Wiederholdstraße 25 nieder. Von daheim aus geht ihr Ehemann seinen Geschäften nach. Hermine ist Hausfrau und Mutter, zudem hilft sie ihrer Schwester Ida, die mit ihrem Mann Albert Westheimer in der Rote Straße 2 (heute Theodor-Heuss-Straße) das Hotel Westheimer, einen gewerkschaftseigenen Gastronomiebetrieb, betreibt.
Am 10. Mai 1932, im Alter von 70 Jahren, stirbt Hermines Ehemann, er wird auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs beigesetzt. Der Tod ihres Mannes und seine Folgen stürzt Hermine in tiefe Depressionen, noch im selben Jahr wird sie mit der Diagnose „Altersmelancholie“ für neun Monate ins Bürgerhospital eingeliefert; im Jahr darauf folgen weitere zehn Monate mit der Diagnose „Melancholie“. Ihre Mietwohnung in der Wiederholdstraße sollte sie nicht mehr wiedersehen.
Die Adressbücher der Stadt weisen Hermine Edheimer für die Jahre 1933 bis 1941 das Bürgerhospital, Wolframstraße 61, als letzten Wohnsitz in Stuttgart aus. Ob sie dort ihre Zeit als Patientin verbracht hat oder einer unbedeutenden Nebentätigkeit nachgegangen ist, bleibt eine offene Frage.
Im April 1939 setzte die Stadtverwaltung Stuttgart das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ in Kraft. In Stuttgart herrschte Wohnungsnot, Gestapo und Stadtverwaltung machten sich daran, mittels dieses Gesetzes jüdischen Wohnraum zu vereinnahmen. Dazu wurden in der Stadt zum einen „Judenhäuser“ ausgewiesen, und darüber hinaus im weiteren Umland eine große Zahl an jüdischen Altenheimen provisorisch eingerichtet, in die die älteren jüdischen Mitbewohner aus den Städten zwangseingewiesen wurden. In zwei Gebäuden mit mehr als 140 Wohneinheiten war Herrlingen nahe Ulm eines der größten. Und es war Hermines Schwester, Ida Westheimer, die am 17. September 1939 ihren Wohnsitz aus Stuttgart nach Herrlingen verlegen musste. Sie hatte lange Zeit mit ihrem Ehemann in Stuttgart in der Rote Straße 2 das Hotel Westheimer betrieben. Es ist wohl dem Zufall zuzuschreiben, dass auch Hermine Edheimer am 1. August 1941 ins Altenheim nach Herrlingen zu ihrer Schwester eingewiesen wurde.
Doch für Hermine sollte das Haus in der heutigen Erwin-Rommel-Straße nur eine kurze Episode sein: schon 10 Monate später, am 7. Juli 1942 wurden beide Schwestern – im Alter von 76 bzw. 73 Jahren – in das heruntergekommene, nur notdürftig hergerichtete, Schloss nach Oberstotzingen mit 89 weiteren Personen zwangsverlegt. Denn die Stadt Ulm beanspruchte die beiden Gebäude in Herrlingen für ein nicht-jüdisches Altersheim. Das hatte Vorrang. Noch vor dem Abtransport hatte man die noch über finanzielle Mittel verfügenden Heimbewohner gezwungen, sog. Heimeinkaufsverträge für Theresienstadt abzuschließen. Kraft der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz fällt alles in Deutschland verbleibende Hab und Gut der nach Theresienstadt Deportierten an den NS-Staat.
Direkt nach Ankunft im Sammellager erhalten beide Schwestern statt ihrer Namen eine Transportnummer. Für Hermine ist es die XIII / I 706 für ihre Schwester Ida die XIII / I 781. Mit 1076 Jüdinnen und Juden verbringen sie drei verzweifelte und grauenvolle Nächte auf dem Killesberg, innerhalb derer acht Menschen starben, zwölf wurden sterbend zurückgelassen. Man schläft auf dem Boden oder auf dem Stuhl. Die Liste mit für die Fahrt ins KZ-Ghetto erlaubten und nicht erlaubten Gegenständen ist lang, ihre Koffer werden kontrolliert, sie müssen für die Kosten für die Bahnfahrt und den Proviant für die dreitägige Reise selber aufkommen. Am frühen Mogen des 22. August werden sie zum Inneren Nordbahnhof verbracht. Dort warten 25 Waggons 3. Klasse auf die dreitägige Fahrt ins KZ Theresienstadt. Das Lager war extrem überbelegt, die Schwestern wurden getrennt; Hermine wurde auf dem überbelegten Dachboden im Haus V eine Lagerstatt zugewiesen. Dort starb sie nach dreißig Tagen Lager am 17.9.1942, laut Todesfallanzeige an „Enteritis Darmkatarrh“.
Am 18. November 2026 wurde in der Wolframstr. 61 für Hermine Edheimer ein Stolperstein verlegt,
HIER WOHNTE
HERMINE EDHEIMER
GEB. KAUFMANN
JG. 1866
ZWANGSUMZUG 1942
OBERSTOTZINGEN
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.9.1942
Recherche und Text: Jupp Klegraf, Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord in der Geschichtswerkstatt Stuttgart Nord e.V.
Quellen:
(folgen)



