Als Homosexueller verfemt und verfolgt

Aus den wenigen Lebensspuren Friedrich Enchelmayers lässt sich nicht erschließen, wann er sich seiner Homosexualität bewusst wurde. Vor Gericht stand er 1934 zum ersten Mal und wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. „Nach Verbüßung meiner ersten Strafe“, schreibt er später, „ließ ich mich ärztlich behandeln, aber ohne Erfolg. Ich lernte ein Mädchen kennen, mit dem ich zwei Jahre ein Verhältnis hatte u[nd] das zur Verlobung führte. In der Folgezeit aber erkannte ich, dass sie nicht zu mir und meiner Veranlagung passte u[nd] so wurde das Verhältnis immer lockerer, was schließlich die Lösung der Verlobung zur Folge hatte.“ Inzwischen 29 Jahre alt, fällt Friedrich Enchelmayer in sein „altes Übel“ zurück. „Wenn meine Tat auch strafwürdig ist, so doch nicht zuchthauswürdig“, gibt er Einblick in seinen Konflikt zwischen sexueller Neigung und dem Versuch, gesetzestreu zu leben. Von solcher Not zeigte sich das Gericht unbeeindruckt und entschied auf die Höchststrafe von 2 Jahren und 1 Monat Zuchthaus, die Friedrich Enchelmayer am 7. Dezember 1937 in Ludwigsburg antreten musste.


Ein Jahr später streitet er, die Fäuste geballt, mit einem Wärter. Unmittelbare Folge sind 7 Tage strenger Arrest. Mittelbar sollte Enchelmayers „Ungebühr“ aber viel schwerere Folgen haben. Als nämlich die Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart gleich nach seiner Entlassung wegen „vorbeugender Verbrechensbekämpfung“ beim Vorstand des Zuchthauses um eine „Abgangsbeurteilung“ nachsucht, wird berichtet: „Enchelmayer neigt zu Ungebühr und Widersetzlichkeit. Unter gegenwärtigen Verhältnissen halte ich es für geboten, dass vorbeugende Maßnahmen gegen Enchelmayer getroffen werden.“ Es folgen Politische Sicherungsverwahrung als Häftling Nr. 13115 ab 1. Juni 1940 im KZ Dachau, die Überführung mit Transport VIII am 3. September nach Sachsenhausen, schließlich der Weitertransport am 30. September nach Neuengamme. Friedrich Enchelmayer bekommt die Häftlingsnummer 011955 und wird als Berufsverbrecher eingestuft. Am 9. November um 21 Uhr erliegt er einem Herzschlag, wie es heißt. Wenige Wochen zuvor war er in Ludwigsburg als „gesund und arbeitsfähig“ entlassen worden.

Recherche und Text: Rainer Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative
Fotos: StAL E 356 d V, Bü 1890, privat und Anke Redies, Cannstatter Stolperstein-Initiative



