Zur Erinnerung an die Opfer der NS-Militärjustiz
An der Stelle des heutigen Dornhaldenfriedhofs in Stuttgart befand sich von 1869 bis 1968 ein
militärischer Schießplatz. Er besaß auch einen Maschinengewehr-Schießstand, auf dem während der
NS-Zeit zwischen 1941 und 1945 militärgerichtliche Todesurteile vollstreckt wurden. Nach aktuellem
Stand wurden auf Stuttgarter Schießplätzen 32 Todesurteile durch Erschießen vollstreckt. Fünf
Soldaten wurden gesichert auf dem Schießstand der Grenadierkaserne beim Burgholzhof erschossen,
mindestens 21 Soldaten und Polizisten auf der Dornhalde. – An den Maschinengewehrstand erinnert
heute nichts mehr.
Übrigens wurden die meisten militärgerichtlichen Todesurteile in der Urbanstraße 18 vollstreckt. Dort
wurden 72 Soldaten mit einem Fallbeil enthauptet. Für diese und die Opfer der NS-Sondergerichte,
die ebenfalls dort hingerichtet wurden, befinden sich seit 2019 Stelen vor dem Landgericht. Nur von
wenigen der auf der Dornhalde hingerichteten Soldaten sind die Urteilsgründe und genauere
biographische Informationen vorhanden.
Am längsten bekannt ist der Fall von Ewald Huth. Er war Chordirektor in Villingen und überzeugter
NS-Gegner. Er wurde denunziert, wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und im
Maschinengewehrstand auf der Dornhalde erschossen. Seine Familie hat sich sofort nach dem Ende
der NS-Herrschaft um seine Rehabilitierung bemüht und die Aufhebung des Urteils erreicht. Seit 2022
erinnert ein Stolperstein in Villingen-Schwenningen an ihn.
Der zweite lange bekannte Fall ist Gustav Stange. Er war Zeuge Jehovas, verweigerte den Eid auf
Hitler und wurde deshalb zum Tode verurteilt. Er wurde ebenfalls auf der Dornhalde erschossen. An
ihn erinnert ein Stolperstein in Stuttgart-Stammheim.
Die anderen auf der Dornhalde Hingerichteten, von denen Urteilsgründe bekannt sind, waren keine
Widerstandskämpfer im engeren Sinn. Die häufigsten Urteilsgründe sind z.B. „Desertion“ und
„Plünderung“.
Die Desertion, die mit dem Tode bestraft wurde, war in der Regel eine verzweifelte, planlose Flucht
aus einem militärischen Straflager weit weg von der Front. Das war zum Beispiel das Schicksal von
Rolf Sackelselinsky. Seine Eltern waren früh verstorben, schon als Jugendlicher beging er Diebstähle.
Später war er als Kanonier beim Heer und schließlich ab August 1940 bei der Marine. Er hatte
mehrere Verfahren wegen Kameradendiebstahl. Nach den Verurteilungen kam er nicht ins Gefängnis,
sondern in militärische Straflager: erst nach Munsterlager, dann nach Germersheim und schließlich
nach Bruchsal. Von Bruchsal wurde er täglich bei Mangelernährung zur Zwangsarbeit nach Graben-Neudorf gebracht. – Im November 1941 floh er von dort zusammen mit dem Mitgefangenen Johann
Hülshorst. Ein aussichtsloses Unterfangen. Nach zwei Tagen wurden sie gefasst, wegen Desertion zum
Tode verurteilt und hingerichtet.
Für das NS-Regime waren sie Menschen, denen die „Manneszucht“ fehlt, „Schädlinge“,
„Schwächlinge“, „lebensunwert“ und die beseitigt werden mussten.
Was heißt Plünderung in der NS-Zeit? Ein Beispiel: Wilhelm Stähle wurde vorgeworfen, dass er nach
einem Löscheinsatz bei Breuninger ein Paar Kinderschuhe und zwei weitere Gegenstände gestohlen
habe. Nach mehreren Monaten wurde er wie Huth vom SS- und Polizeigericht zum Tode verurteilt
und hingerichtet.
Zu den Menschen, die aus NS-Sicht beseitigt werden mussten, gehörten auch Homosexuelle. Der
Polizist in Straßburg, Josef Martus, wurde wegen „widernatürlicher Unzucht“ zum Tode verurteilt und
auf der Dornhalde erschossen. Für ihn wurde am 16. Mai 2025 in Straßburg ein Stolperstein verlegt.
(Bei der Verlegung waren Ute Hechtfischer für die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen und Ralf Bogen
von der Initiative „Der Liebe wegen“ dabei.
Im Bereich des ehemaligen Maschinengewehr-Schießstands plant und baut das Garten-, Friedhof und Forstamt Stuttgart mit Unterstützung der Region Stuttgart derzeit einen „Rundgang Natur und
Umwelt“. Der Rundweg verknüpft bestehende Biotope und Aufenthaltsbereiche. Tafeln, die die
verschiedenen Stationen erläutern und über die Geschichte des Orts informieren, werden derzeit
erarbeitet.
Am 19. Mai 2026 wurde auf dem Dornhaldenfriedhof eine Stolperschwelle verlegt. Der Text der
Stolperschwelle lautet:
1941 – 1945
MASCHINENGEWEHRSCHIESSSTAND
MILITÄRISCHER SCHIESSPLATZ DORNHALDE
MINDESTENS 21 SOLDATEN UND POLIZISTEN
WERDEN NACH MILITÄRGERICHTLICHEN TODESURTEILEN
HIER ERSCHOSSEN

Recherche und Text: Dr. Bertram Maurer, Stolperstein-Initiative Degerloch



