Friedrich H. Enchelmayer

Friedrich Hermann Enchelmayer wurde am 13.08.1908 in Stuttgart-Untertürkheim geboren.  Der Vater Friedrich Gottlob Enchelmayer, von Beruf Schlosser, fiel im 1. Weltkrieg;  die Mutter Marie Sofie Enchelmayer geb. Gassmann, aus einer Weingärtnerfamilie stammend, war dem Lebenslauf des Sohnes nach durch den Tod des Ehemannes nervlich schwer zerrüttet und kränklich.  Als Krippenkind und Schüler hielt er sich viel bei Verwandten auf in dem Gefühl, überall zu viel zu sein.  Seine Familie beschrieb er insgesamt als einen Ort, indem er nur zum Guten angeleitet wurde.  Betteln und Diebstahl kamen bei ihr nicht vor.  Sein Bruder Hermann Enchelmayer, von Beruf Koch, schickte zusammen mit der Mutter regelmäßig Briefe an Friedrich ins Zuchthaus Ludwigsburg.  Er starb an den Folgen von Kriegsverletzungen 1947.

Friedrich H. Enchelmayer galt als gottgläubig.  Er besuchte die Volksschule in Untertürkheim (Cannstatt ?) und wurde als Eisendreher ausgebildet.  Im Zuge der großen Arbeitslosigkeit ging er 1929 in die Schweiz.  1932 war er in Ostpreußen in der Landwirtschaft tätig.  Von Mai bis September 1936 arbeitete er bei Fa. Fromm, ab September 1936 bei Fa. Misol (heute Trost), beide in Bad Cannstatt.

Vom Landgericht Stuttgart war Enchelmayer am 29.05.1934 wegen vier Verbrechen wider die Sittlichkeit zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt worden.  Als Grund gab er an, „sexuelle Not gelitten“ zu haben.  Nach der Verbüßung begab er sich wegen seiner Homosexualität erfolglos in ärztliche Behandlung und pflegte zwei Jahre eine Beziehung mit Frieda B., mit der er verlobt war.  Er musste jedoch erkennen, dass sie nicht zu ihm und seiner Veranlagung passte.

Am Landgericht Stuttgart wurde er dann am 07.12.1937 wegen widernatürlicher Unzucht nach § 175 StGB erneut verurteilt, dieses Mal zu zwei Jahren und einem Monat Zuchthaus.  Ihm wurden die bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre aberkannt.  Enchelmayer´s Kommentar zur Verurteilung:  Er habe wenig Gelegenheit gehabt, seinem Trieb auf natürliche Weise Raum zu geben.  Die Tat sei straf-, aber nicht zuchthauswürdig.  Eine Äußerung, die Einblick gibt in seinen inneren Konflikt zwischen sexueller Neigung und dem Versuch, gesetzestreu zu leben.  Am 08.12.1939 wurde er aus dem Zuchthaus in Ludwigsburg entlassen.

Danach nahm das Verhängnis seinen tödlichen Verlauf.  Die Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart machte am 11.04.1940 beim Vorstand des Zuchthauses Ludwigsburg im Rahmen vorbeugender Verbrechensbekämpfung die Anfrage, ob Enchelmayer´s Belassung auf freiem Fuß verantwortet werden könne.  Die Antwort vom 17.04.1940 lautete:

  • · „E. ist einschlägig vorbestraft mit einer Gefängnisstrafe von einem Jahr.  Bei der letzten Verurteilung zeigte sich, dass E. eine große Gefahr für die heranwachsende Jugend bedeutet.  Nach dem ganzen Hergang der Straftaten muss angenommen werden, dass es sich bei E. um einen tief eingewurzelten Hang zu Sittlichkeitsverbrechen handelt.  Es ist daher anzunehmen, dass E., der überhaupt ein unbeherrschter Mensch ist, sich auch weiterhin auf diesem Gebiet verfehlen wird.  Die Führung während der Strafverbüßung war nicht einwandfrei.  E. neigt zu Ungebühr und Widersetzlichkeit.  Unter gegenwärtigen Verhältnissen halte ich es für geboten, dass vorbeugende Maßnahmen gegen Enchelmayer getroffen werden.“

Am 01.06.1940 kam E. aufgrund polizeilicher Sicherungsverwahrung ins KZ Dachau.  Ab dem 03.09.1940 war er inhaftiert im KZ Sachsenhausen.  Bereits am 30.09.1940 wurde er ins KZ Neuengamme transportiert.  Er galt als befristeter Vorbeugehäftling und war mit dem Grünen Winkel für Kriminelle markiert.  In Neuengamme verstarb er am 09.11.1940. Als Todesursache wurde im Krankenrevier-Totenbuch Herzschlag angegeben.  Das ist insofern bemerkenswert, da er ein Jahr zuvor aus dem Zuchthaus als gesund, arbeitsfähig und arbeitswillig entlassen wurde.  Wie in anderen Fällen ist jedoch davon auszugehen, dass die Arbeits- und Lebensverhältnisse im Lager als eigentliche Todesursache gelten müssen, da sie die offizielle Todesursache erst herbeigeführt haben

Text & Recherche: Mathias Strohbach, Tel. 0711 / 60 57 03, mcstrohbach@gmail.com
&
Elke Martin, Tel. 0711 / 410 10 18, muckchen51@web.de


Rede von Biggi Bender anlässlich der Stolpersteinverlegung für Friedrich Enchelmayer am 30.04.2010 in Stuttgart:


Ich möchte einen Gedanken von Mathias Strobach aufgreifen. Wie gelingt es, dass wir individuell und kollektiv erinnern? Was ist der Sinn von Erinnerung und Gedenken?
Wir erinnern uns normalerweise an schöne Dinge, die wir vielleicht selbst, mit der Familie oder Freunden erlebt haben.
Kollektiv erinnern können wir uns an Ereignisse aus der selbst erlebten Vergangenheit und Geschichte.  Wir können erinnern an Geschehenes vor unserer Zeit.
Erinnerung kann mit positiven und negativen Gedanken verbunden sein oder mit beidem.
In einem größeren gesellschaftlichen Kontext beginnt die Geschichte der Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten homosexuellen Männer und Frauen in der Bundesrepublik ziemlich spät, nämlich 1985 mit der Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges.
Neben vielen anderen Opfergruppen rief von Weizsäcker zum Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten und getöteten Homosexuellen auf.
Bis das Thema im politischen Mainstream nach 40 Jahren angekommen war, ist in der Bundesrepublik Vieles passiert. 
Dazu zählt sicherlich das Heranwachsen einer neuen, auch und gerade durch die 68er geprägten Generation, aber auch das Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel, Frankreich, Polen und anderen Ländern.
Ganz entschieden dazu beigetragen hat eine soziale Bewegung:  die Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA, Europa und Deutschland. 
Anlässe gab es genug:
Zu Beginn der Bundesrepublik wurden homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt.  Im Mai 1957 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass „Gleichgeschlechtliche Betätigung“ eindeutig gegen das Sittengesetz verstößt.
Deshalb konnten sich Homosexuelle nicht auf das durch das Grundgesetz garantierte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit berufen. 
Im Laufe der Jahre wurden über 50.000 Männer verurteilt und 100.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet.  Nachdem 1969 das Totalverbot aufgehoben worden war, wurde 1973 für gleichgeschlechtlichen sexuellen Verkehr zwischen Männern das Schutzalter von 21 auf 18 Jahre reduziert.
1994 wurde im Rahmen der Rechtsangleichung der ehemals beiden deutschen Staaten der § 175 Strafgesetzbuch gestrichen.  Seitdem gilt für alle – egal ob heterosexuell, schwul oder lesbisch - ein einheitliches Schutzalter von in der Regel 14 Jahren.
Seit Ende der 1990er Jahre bestimmt in Deutschland die staatliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Paaren die rechtliche und gesellschaftliche Diskussion.
Seit dem 01.01.2010 können gleichgeschlechtliche Paare in allen Stuttgarter Standesämtern ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen.  Das ist in Baden-Württemberg – im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern - noch nicht überall einheitlich geregelt.
In Baden-Württemberg entscheiden die Stadtkreise selber, welcher Teil der Verwaltung zuständig ist, also das Standesamt oder ein anderes Amt.  Das Landesrecht wurde noch immer nicht an das Lebenspartnerschaftsgesetz angepasst.
Die baden-württembergischen Grünen setzen sich deshalb dafür ein, dass gleichgeschlechtliche Paare in jeder Kommune des Landes ihre Lebenspartnerschaft auf dem Standesamt eintragen lassen können. 
Institutionalisiert im „Lesben- und Schwulenverband in Deutschland“ engagieren sich heute ca. 3000 Einzelmitglieder und 70 Organisationen für die Anliegen von Homosexuellen.
Der Verband ist als Nichtregierungsorganisation mit offiziellem Beraterstatus bei den Vereinten Nationen anerkannt.  Dies zeigt u.a. die erfolgreiche Institutionalisierung der Lesben und Schwulen in Deutschland – ein Erfolg!
Doch es gibt weiterhin Tabus:
Dazu zählen die Themen Homosexualität in der Bundeswehr, Homosexualität in den Führungsetagen großer Unternehmen – der Spiegel berichtete darüber kürzlich - , oder, ein besonders „heikler“ Bereich, Homosexualität im Fußball. 
Es gibt meines Wissens keinen prominenten aktiven Fußballer, der sich geoutet hat.  Im Fußball scheint das unmöglich.  In der Politik ist das anders. Homosexuelle PolitikerInnen sind im Gegensatz zur Vergangenheit kein Tabu mehr. 
Immer noch gibt es viele offene Baustellen, damit Homosexuelle gleichberechtigt mit Heteros leben können, etwa im Steuer-, BeamtInnen- oder Adoptionsrecht. 
Im Bundestag setze ich mich mit meiner Fraktion für einen Nationalen Aktionsplan gegen Homophobie ein.  Wir wollen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Lesben und Schwule als gleichwertig akzeptiert werden und vollkommen gleichberechtigt leben können.
Aus diesen Grund ist es wichtig, an die Vergangenheit zu erinnern und damit immer wieder auf die Herausforderungen für die Zukunft zu verweisen. 
In den vergangenen 70 Jahren, seit dem Tod Friedrich Enchelmayers, ist in der Bundesrepublik Vieles erreicht worden.  Die Biografie Enchelmayers zeigt eindrucksvoll, wie schrecklich die Verhältnisse im Nationalsozialismus – im Gegensatz zur Weimarer Republik – waren, unter denen Homosexuelle leben mussten.
Die Erinnerung an die Vergangenheit hilft, den Blick für die Gegenwart zu schärfen.  Die Stolpersteine sind eine wunderbare Möglichkeit, dies kollektiv und individuell zu tun, in dem nämlich eine einzelne Biografie für das Schicksal tausender Homosexueller steht.
Gedenken und Erinnerung werden mit den Stolpersteinen nicht verordnet und zur Pflicht gemacht, wie das bei vielen „Erinnerungsprojekten“ vielleicht unterschwellig der Fall ist, sondern gewissermaßen in den Alltag integriert.  Erinnerung trägt hier zu einer Intensivierung der heutigen Debatten, aber auch zu einem anderen Selbstverständnis im Umgang mit Homosexualität – egal ob bei Homos oder Heteros – bei. 
Besonders gut gefällt mir, dass wir mit den Stuttgarter Stolpersteinen den Blick für ein individuelles Schicksal und für generelle Debatten schärfen.
In diesem Sinne sind Erinnerung und Gedenken etwas Unverzichtbares.  Die Stolpersteine für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus geben dafür einen angemessenen, intelligenten und dauerhaften Anlass.



 

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

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Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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