Sind die grauen Busse ein Mythos?

Welche Farbe hat das Grauen?
Über Wahrnehmungsblockaden und Defizite bei der Darstellung von NS-Medizinverbrechen.

Liebenau RP BusEin Virus geht um in Europa. Es ist grau. Und es steckt immer mehr an. Die grauen Busse. Sicher, es sprachen und schrieben schon vor 30 Jahren Einzelne davon. Gernot Römer aus Augsburg setzte ihnen 1986 mit seinem Buch „Die grauen Busse in Schwaben“ ein Denkmal. Oder Gabriel Richter  - jetzt stellvertr.  Direktor des Krankenhaus ZfP Reichenau – der 1993 mit einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Emmendinger Klinik debütierte. Titel: „Sie holten sie mit grauen Bussen“  herausgegeben vom PLK Emmendingen. Eine für einen Arzt und Psychologen ungewöhnliche Wahl eines Buchtitels. Vielleicht wechselte man darum  bei der Wiederauflage der leicht ergänzten und korrigierten Fassung im Jahr 2002 nun zu  Gabriel Richter: Die Fahrt ins Graue(n). Die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen 1933 – 1945 – und danach.  Das Grau blieb aber drin.

Auch bei den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen kann man (nicht nur bei den Haaren) die 'Vergrauung' nachvollziehen. Während im ersten gemeinsamen Rückblick, dem Sammelband „Stuttgarter Stolpersteine. Spuren vergessener Nachbarn“ aus dem Jahr 2006 bei den in Betracht kommenden Opfergruppen a) Anstaltspatienten wie Ernst Köhler (Hedelfingen), der in Grafeneck umgebracht wurde oder b) KZ-Häftlinge – wie Eugen Buck - welche im Zuge der Aktion 14f13 in den T4-Gasmordanstalten Hartheim, Pirna/Sonnenstein oder Bernburg ermordet wurden auf die unnötige und fragwürdige Farbcharakterisierung verzichtet wird ergibt heute eine einfache Wort-Suche auf der Internetseite mit dem Begriffspaar „grau+bus“ gleich 20 Ergebnisse.
Die Deportationen der Männer und Frauen aus den Heil- und Pflegeanstalten in den Gekrat-Bussen der Deutschen Reichspost in die Mordanstalt  (meist) Grafeneck werden von den Autorinnen und Autoren nun überwiegend in Grau präsentiert. Hier eine Auswahl aus den Ergebnissen:
„in einem grauen Bus mit undurchsichtigen Fenstern“ (Emilie Zänglein, Stolperstein-Verlegung 2020)
„Mai 1940 fuhr der graue Bus“ (Karl Wieland, 2020)
„am 24. Mai  brachte der graue Bus ..“ (Familie Bächle, 2019)
„ (kam) November 1940 der gefürchtete 'graue Bus' in die Anstalt... „ (Helene Kapp, 2018)
„hält zum ersten Mal ein 'grauer Bus' vor....“ (Hedwig Bühler, 2015)
„fuhren vor der Anstalt mehrere 'graue Busse' vor ...“ und „Die Fahrt der ,,grauen Busse" ging in die ...“(Karl Pflomm, 2013)
„fuhren die grauen Busse mit den Milchglasscheiben ...“ (Berta Groß, 2018)
„brachte der berüchtigte 'graue Bus'“  (Sophie Findling, 2018)

Mal mit mal ohne Anführungszeichen – die grauen Busse sind zu einer festen und anscheinend unverzichtbaren Wortfügung zusammengehämmert. Ein schönes Narrativ, wo wir uns am Lagerfeuer / bei der Ansprache zur Stolperstein-Setzung wiederfinden können (?). Es geht nicht mehr ohne. Aber sollten wir bei einer so stereotypen Metapher die Sache nicht einer kritischen Überprüfung unterziehen? Wir wissen doch, dass bei Begriffen, die mit 'die' beginnen, Vorsicht angezeigt sein sollte. „Die Griechen“ machen schon auch anderes, als von unserem Geld Ouzo zu trinken, und „die Polen“ finden neben dem Klau unserer Autos doch auch noch Zeit, gegen das neue Abtreibungsgesetz zu demonstrieren und von „den Schwaben“ in Berlin und/oder  „den Berlinern“ (nicht die zum Essen) im Ländle gar nicht zu reden.
Was ich sagen möchte: ich biete den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen an, sie über einen bestimmten Aspekt der NS-Krankenmorde zu informieren. Es scheint nur ein kleines Detail zu sein, begibt man sich aber auf diese Ebene und klärt die Zusammenhänge, stellt sich heraus: es ist nicht nur eine Farbe sondern es geht um Fragen der Schuld und der Verantwortung und wie wir damit umgehen. Es gibt hier einiges zu erfahren und sicher auch einiges zu diskutieren.
2006 im ersten Stolperstein-Buch der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen wird übrigens doch eine Deportation geschildert. Um in der vorigen Zählung zu bleiben wäre dies Beispiel c).
Im Abschnitt „Geschwister Kurz – Aus der Fürsorge in die Vernichtung“  wird beschrieben, wie die Sintikinder Kurz schließlich aus der St. Josefspflege in Mulfingen nach Auschwitz deportiert wurden:
„Otto, Sonja und Thomas Kurz sowie 30 weitere Zöglinge der Landesfürsorge in Mulfingen wurden in Begleitung von drei Gendarmen (Landjägern) mit einem Postbus abgeholt.“
Man muss nicht von der Farbe reden aber das Wichtige sollte schon erwähnt werden.

Einen ausführlicheren Artikel zum Thema habe ich in der Schwäbischen Heimat vom Frühjahr 2020 veröffentlicht, der hier auch downgeloadet werden kann:

Rexer, Martin: „Die berüchtigten grauen Busse ….“ - ein Mythos?
Ein Beispiel für Rezeption und Fiktionalisierung der NS-Krankenmorde. In: Schwäbische Heimat. 2020/1 Januar – März, S. 22 – 32.

Martin Rexer M.A.
Koppentalstraße 16
70192 Stuttgart
Tel. 0711 262 30 70  (AB)
martin.rexer@t-online.de

Bild-Herkunft „Archiv Stiftung Liebenau“

 

STOLPERBLICK - StolperKunst in Corona-Zeiten

Künstler*innen bleiben gerade auch in diesen Zeiten präsent und begegnen einem konkreten Stuttgarter Stolperstein oder einem anderen Ort, der in Stuttgart an die Verfolgungen in der NS-Zeit erinnert

 

http://www.stolperkunst.de/stolperblick-stolperkunst-in-coronazeiten/

 

Silke Arning auf SWR2 über das Los der Zwangsarbeiter im Lager auf der Schlotwiese

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

Mehr lesen...

in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

Unerwünscht

Mehr Infos

im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

Mehr Infos

Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

Weitere Infos

Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

 Info und Bestellung

Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter