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Ida Helzle, Hackstr. 16

Ida Helzle, geb. Rödelsheimer wird am 7. Dezember 1876 als zweites Kind der jüdischen Familie Rödelsheimer in Stuttgart geboren.
Ihre Eltern, Julie Rödelsheimer, geb. Levison, geboren am 12. Juli 1844 in Stuttgart, gestorben am 28.Juni 1927 in Stuttgart und Samson Rödelsheimer, geboren am 06. Dezember 1845 und gestorben am 1. September 1921 in Stuttgart hatten drei Kinder, die ebenfalls alle in Stuttgart geboren wurden:

  • Sohn Louis Rödelsheimer am 31. Januar 1875
  • Tochter Ida Rödelsheimer am 7. Dezember 1876 und
  • Tochter Hedwig Rödelsheimer am 13. Februar 1878.

Familie Rödelsheimer ist eine offene, liberale, jüdische Familie. Sohn Leopold Louis Rödelsheimer heiratet die am 12. Oktober 1876 im schwäbischen Baisingen geborene Jüdin Berta Kahn.
Louis Rödelsheimer lebt mit seiner Frau in Stettin, wo am 13. Februar 1909 Tochter Edith geboren wird. Der erfolgreiche Kaufmann ist ab 1912 Alleininhaber der traditionsreichen Firma Bartsch & Rödelsheimer, die Herrenkonfektion herstellt.
Tochter Edith, die 1928 bis 1930 in Berlin zuerst Philologie und Musikwissenschaft und anschließend acht Semester Schulmusik für das Lehramt an höheren Schulen mit dem Hauptfach Klavier studiert, die ihre Staatsprüfung 1934 mit Auszeichnung absolviert, bekommt vom NS-Regime den schockierenden Bescheid, dass sie als Jüdin ihren ersehnten Beruf nicht ausüben darf. Ab Juli 1940 muss Edith Rödelsheimer bei Siemens in Berlin Zwangsarbeit verrichten.
1941 heiratet sie den Speditionskaufmann Adolf Kohn, der als Jude ebenfalls bei Siemens zur Zwangsarbeit gezwungen wird.
Als das junge Ehepaar am 11. Februar 1943 bei der Rückkehr von der Arbeit das Siegel der Gestapo an ihrer Wohnungstür findet, verstecken sie sich im Wochenendhaus ihrer Bekannten Ella und Emil Schock in einer Schrebergartensiedlung in Birkenwerder, wo sie drei Winter in der ungeheizten Hütte ohne Lebensmittelkarten und ausreichende Versorgung mit viel Angst vor Entdeckung überleben.
Ediths Eltern, Bertha und Leopold Rödelsheim, gelingt die Ausreise aus Deutschland nicht sie werden beide 1942 im Ghetto Piaski /Polen ermordet.
Edith und ihr Mann nehmen nach ihrer Auswanderung 1946 in die USA den Familiennamen Carr an. Im Jahr 2003 werden in der Solinger Straße 10 in Berlin Stolpersteine für Edith und Adi Carr verlegt.
In ihrem Buch „Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945“ stellt Marie Jalowicz-Simon das eigene Überleben und das ihrer Freundin Edith Rödelsheimer dar.
In ihrem Wiedergutmachungsantrag schreibt Edith: „Ich habe mich physisch und seelisch nie von diesem 2 ½ Jahre dauernden Schock-Erlebnis erholt. Es vergeht jetzt noch selten eine Nacht, wo ich nicht aus einem Verfolgungsschreck-Traum mit klopfendem Herzen und schweißgebadet aufschrecke.“
Tochter Ida Rödelsheimer heiratet Max Helzle, der kein Jude ist. Das Ehepaar Helzle bekommt vier Kinder:

  • Margot Helzle, geb. am 1. Dezember 1910 in Stuttgart
  • Julius Helzle, Walter Helzle und Elisabeth Helzle.

Leider ist zu Julius Helzle, Walter Helzle und Elisabeth Kreuser, geb. Helzle nur wenig bekannt.
Der Ehemann und Vater Max Helzle stirbt bereits 1918. Mit seinem Tod verliert Ida Helzle nicht nur den Ehemann, Ernährer der Familie und Vater ihrer Kinder, sondern auch den Schutz als Jüdin.
Aus den Stuttgarter Adressbüchern wissen wir, dass Ida Helzle als Witwe ab 1920 eine Wohnung im 3. OG der Hackstr. 16 am Stöckach bewohnt und eine Reisebuch-handlung betreibt.
Ein Stockwerk unter ihr wohnen die Bierbrauerswitwe Wilhelmine Rieger, die Eisengießerswitwe Wilhelmine Zeh und der Bildhauer Richard Schönfeld, der im Hinterhaus seine Werkstätte hat, in der er u.a. die Stuttgarter Schillerstatue herstellt.
Das Haus gehört ab 1921 der Witwe Emilie Bogner, die im Erdgeschoss ihre Kolonialwarenhandlung betreibt. Für ihre Tochter Gertrud, die 1940 den NS-Kranken-morden zum Opfer fällt, liegt bereits ein Stolperstein vor dem Haus.
Ida Helzles Sohn Walter ist ab 1929 als eigenständiger Wohnungsnehmer in dem Haus gemeldet, ebenso wie ab 1935 der Werbefachmann Paul Schelling, mit dem ihre Tochter Margot verheiratet ist.
Die Witwe Ida Helzle ist 57 Jahre alt als die Nazis 1933 die Macht übernehmen.
Sie erlebt sicherlich mit größter Sorge die Schikanen, die Entrechtung und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Weder die Ärzte noch die Geschäfte, in denen sie einkauft, kann sie sich aussuchen, Lebensmittelkarten erhält sie nicht mehr.
Ab dem 3. Februar 1937 wird jüdisches Vermögen systematisch erfasst, ab April 1938 werden jüdische Betriebe systematisch „arisiert“, d.h. zu einem Spottpreis den Juden zwangsweise weggenommen. Ab 17. August 1938 muss Ida Helzle wie alle Jüdinnen in Deutschland ihrem Namen „Sara“ hinzufügen, im Oktober 1938 muss der Pass abgegeben werden, damit ein „J“ hinein-gestempelt wird.
Das Pogrom am 9. November 1938 muss für die fast 62-jährige Ida Helzle grauenvoll sein. Aus ihrer Wohnung kann sie vermutlich sehen, wie das gegenüberliegende Geschäft des jüdischen Schuhmachers Nathan Najmann von SA-Horden verwüstet und geplündert wird. Beide Stuttgarter Synagogen werden in dieser Nacht von Nazis zerstört, geplündert und abgebrannt.
Eine Arbeitsbesprechung der “Reichszentrale für Jüdische Auswanderung” gibt vor, dass alle Juden Deutschland so gut wie mittellos verlassen sollen. Die Durchführung wird der Gestapo übertragen. Ausländische Regierungen wehren sich gegen die Massenaufnahme mittelloser Juden.
Am 30. April 1939 wird der Mieterschutz für Juden per Gesetz aufgehoben, jüdische Mieter werden in sogenannte “Judenhäuser” eingewiesen.
Ida Helzle kommt zunächst zusammen mit etlichen Familien in die Bismarckstr. 92 und als das Haus – wie die Nazis sagen -„arisiert“ wird, in das „Judenhaus“ Augustenstr. 39 A, das vom Deutschen Reich konfisziert und von der Gestapo verwaltet wird. Auf der Deportationsliste zum Transport XIII-5 ist ihre Adresse mit Schwarzwaldstr. 94 in S-Kaltental angegeben.
In diesem Transport am 11. Januar 1944 vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Theresienstadt verschleppen die Nazis 80 Menschen, die sie als „Mischehepartner“ bezeichneten, weil einer der Partner jüdisch ist.
Etwa 140.000 Menschen werden von den Nazis nach Theresienstadt verschleppt, mehr als 88.ooo von ihnen werden in den Vernichtungslagern Auschwitz, Treblinka, Majdanek oder Sobibor ermordet. In Theresienstadt herrschen schlimmster Hunger, Krankheiten und drakonische Strafen. Drei Wochen bevor die Rote Armee das Lager Theresienstadt befreit, verhungert die Stuttgarterin Ida Helzle dort – ermordet im Alter von 68 Jahren.
Ida Helzles Name ist an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof Stuttgart verzeichnet.
Die jüngste der Rödelsheimer Geschwister, Hedwig Rödelsheimer, hatte den evangelischen Paul Jennewein, geb. 06. Januar 1876, geheiratet und mit ihm drei Kinder bekommen: Hildegard, Else und Walter.
Die Söhne von Hildegard Vöhringer erfuhren erst im jugendlichen Alter von den jüdischen Wurzeln in der Familie. Das Forschen an der Familiengeschichte nahmen beide erst viele Jahre später auf.
An die Stuttgarter Jüdin Ida Helzle erinnert seit 19. Oktober 2022 ein Stolperstein vor ihrer letzten frei gewählten Wohnung in der Stuttgarter Hackstr. 19. Damit ermöglichen ihre Urgroßneffen Roland und Andreas Schmiedel, die Enkel von Idas Schwester Hedwig, die Erinnerung an ihre in der NS-Zeit ermordete Urgroßtante Ida Helzle.

Ida Helzle, geb. Rödelsheimer
Jg. 1876
deportiert 1944
Theresienstadt
ermordet 15.4.1945

Recherche: Klaus Maier-Rubner, Stolpersteine Göppingen
Recherche und Text: Gudrun Greth, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost