Konferenz im Hospitalhof (2 Tage):
Welche Zukunft haben die Stolpersteine in Stuttgart als Teil der Erinnerungskultur? Ideen sind gefragt!

Open-Space-Konferenz am Freitag 15.7.2016, 19-21 Uhr,
und Samstag, 16.7.2016, 10-17 Uhr,
Veranstaltung im Hospitalhof

Ideen sind gefragt!

Im Oktober 2003 wurden erstmals Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Sie halten die Erinnerung wach an ermordete Nachbarinnen und Nachbarn, an Juden, Opfer der NS-„Euthanasie“, Sinti und Roma, an politische und weltanschauliche Gegner des NS-Regimes, an Homosexuelle und so genannte Asoziale. Über fast alle Stadtteile hinweg ist eine Sozialskulptur entstanden, ein Ensemble von Kleindenkmälern, das an mehr als 800 Menschen erinnert, die sterben mussten, weil sie dem Menschenbild der Nazis nicht entsprachen oder sich dem Unrecht der Staatsmacht widersetzten.

Erinnerung darf sich jedoch nicht selbst genügen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat auch den Sinn, gegenwärtige Probleme zu beleuchten. Die Geschichten zu jedem einzelnen Stolperstein stellen uns Fragen: Wie gehen wir heute mit Ausgrenzung, Verfolgung und Flucht um? Wie verteidigen wir Menschenrechte, Rechtsstaat und Demokratie gegen Demagogen, die sich auch in Deutschland wieder breitmachen?

Über 800 Stolpersteine in Stuttgart sind zweifellos eine Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements, doch droht auch Erinnerungskultur in Routinen zu erstarren. Deshalb fragen die Stolperstein-Aktiven nach der Zukunft ihres Projekts in ihrer Stadt: Wie macht sich die Stadtgesellschaft dieses dezentrale Denkmal zu eigen? Wie hält sie es im öffentlichen Bewusstsein? Wie nutzt sie es für Denkanstöße in der historisch-politischen Bildung, welche Impulse und weiterführenden Initiativen könnten von den Stolpersteinen ausgehen? Welchen Beitrag leistet das Projekt zur Verteidigung einer offenen Gesellschaft?

Mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern sollen in der durchlässigen Atmosphäre einer Open-Space-Konferenz Antworten auf die Frage nach der Zukunft der Stolpersteine gesucht und Perspektiven entwickelt werden.

Dazu ist jeder willkommen, gerade auch Menschen, die mit unserem Projekt bisher nicht unmittelbar zu tun haben. Auf ihre Sichtweisen und Vorschläge sind wir besonders gespannt!

Eine Kooperation der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen mit dem Evang. Bildungszentrum Hospitalhof

Moderation: Claudia Häussler und Georg Zwingmann

Thematische Einführung: Rainer Redies

Impulsvortrag: Tim Schleider, Ressortleiter Kultur Stuttgarter Zeitung


Fr 15. Juli, 19 bis 21 Uhr und Sa 16. Juli, 10 bis 17 Uhr


Kostenbeitrag: 25 €, ermäßigt 12,50 € inkl. Imbiss und Getränke am Samstag
Anmeldung über www.hospitalhof.de/programm, Kurs Nr. 161-801

Flyer zur Konferenz

Open-Space-Konferenz:

•    Eine Großgruppenmethode, die Antworten auf eine wichtige und noch offene Frage sucht.open space konferenz
•    Sie wurde aus der Erkenntnis entwickelt, dass bei Konferenzen oft Pausen die fruchtbarsten Momente sind, weil hier jede und jeder selber entscheiden kann, mit wem er/sie spricht, worüber und wie lange.
•    Open Space schafft einen methodischen Rahmen, in dem viele Menschen selbstverantwortlich ihre Anliegen gemeinschaftlich bearbeiten können.
•    Charakteristisch ist deshalb inhaltliche Offenheit: Es gibt keine vorgegebenen Themen.
•    Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann ihr/sein Thema ins Plenum eingeben und eine Arbeitsgruppe dazu vorschlagen.
•    Jede und jeder entscheidet, an welcher Gruppe sie oder er teilnimmt. Es kann auch von Arbeitsgruppe zu Arbeitsgruppe gewechselt werden.
•    Zuletzt werden die Ergebnisse aller Arbeitsgruppen gesammelt, und es wird besprochen, ob und wie diese Vorschläge umgesetzt werden und wer hierfür Verantwortung übernimmt.
•    Ziel ist, in kurzer Zeit ein umfassendes Thema - hier die Frage nach der Zukunft der Stolpersteine in Stuttgart- lösungsorientiert zu bearbeiten und eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen.

 

Glosse: Schluss mit
der Vergangenheit

Geschichtsvergessenheit Als wäre nie
etwas gewesen, blühen in Deutschland
und Europa heute wieder Rassismus und
Antisemitismus. Von Anna Katharina Hahn

Das Hervorbrechen hellgrüner Blattknospen
aus dürren Buschskeletten,
das Sprießen zarter Grasspitzen
in der Ödnis einer gelblichbraunen
Winterwiese, Buschwindröschen mitten
im toten Laub des Vorjahres – zum ersten
Mal habe ich diese Zeichen des Frühlings
bewusst wahrgenommen, als ich Studentin
war und mit einer Freundin im Hamburger
Stadtpark spazieren ging. „Ich habe jedes
Mal Angst, dass es immer Winter bleiben
könnte, deshalb bin ich so erleichtert, wenn
alles wieder anfängt zu wachsen“, sagte
meine Freundin. Mir war diese Furcht
fremd. Meine Kindheit habe ich in Gärten
und Weinbergen eines Neckarvorortes verbracht.
Hier war die Wiederkehr der Jahreszeiten
so selbstverständlich wie der
abendliche Sonnenuntergang. Doch seit
diesem Gespräch hat mich die Vorstellung
eines ewigen Winters nicht mehr verlassen.
Der Frühling und seine Boten entzücken
mich daher doppelt.
Wäre diese Freude ebenso groß, gäbe es
nicht die Erinnerung an die kalten Tage,
das nackte Erdreich ohne Blumen? Hätten
wir den Winter vergessen, könnten wir den
Frühling dann so sehnsüchtig erwarten?
Vergessen und Erinnern sind wichtige
Themen in unserer Gesellschaft. Die Angst
vor dem Gedächtnisverlust als Krankheit,
Alzheimer und Demenz, prägen nicht nur
öffentliche Diskussionen, sondern auch die
Kunst. Bücher wie Arno Geigers Roman
„Der alte König in seinem Exil“ oder Richard
Glatzers Film „Still Alice“ haben gedächtnislose
Helden. Dass man sich selbst
verliert, zu einem anderen Menschen wird,
wenn die eigene Erinnerung verschwindet,
darin scheinen sich Mediziner und Künstler
einig. Keine Individualität ist möglich
ohne funktionierendes Gedächtnis, kein
produktives Leben, keine Kultur.
Im Schatten dieser Auseinandersetzungen
steht eine andere Art von Vergessen.
Gesund und stark durch den Abwurf von
Altlasten, unbekümmert, ohne jeden Blick
zurück, nahezu befreit erscheinen seit einiger
Zeit die rechten Parteien, die in den
meisten europäischen Ländern mit ihrem
Rassismus und Antisemitismus blühen wie
Unkraut, ebenso der unsägliche republikanische
Präsidentschaftskandidat Trump in
den USA oder das Russland Putins. All diesen
Bewegungen ist ein Gedächtnisverlust
gemeinsam, ein fröhliches Abschließen mit
der Vergangenheit. Die frische Erinnerung
an einen entsetzlichen Weltkrieg ließ in
Europa das wachsen, was heute selbstverständlich
scheint – Nachbarschaft, Demokratie,
Achtung der Menschenrechte. In
Berlin-Friedrichshain konnte ich bei jeder
zweiten Fassade die Finger in Schusslöcher
legen, Kriegsnarben. Das war um die Jahrtausendwende.
Heute ist alles neu verputzt.
Die Geschichte gehört dem, der sie
deutet. Große Teile der Vergangenheit ad
acta zu legen, gar zu vergessen, beraubt uns
der Zukunft.

aus: Die Zeit, 2./3. April 2016 (als PDF hier)

im November erschienen:

Unerwünscht

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im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

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Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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