Stolpersteine für Emanuel Grünwald und Nelly Grünwald, geborene Wertheimer

EmanuEmanuel Grünwaldel Grünwald, der sich später Ernst nannte, erblickte am 22. Juli 1880 in Affaltrach als neuntes und letztes Kind der Eheleute Abraham (Albert) Grünwald (1835-1907), eines Kaufmanns, und Lisette geb. Lindner (1840-1925) das Licht der Welt. Fünf seiner acht Geschwister starben schon im Säuglingsalter. Er wuchs mit drei Schwestern auf, deren jüngste elf Jahre älter war als er. Das dürfte also für Emanuel eine angenehme Kindheit gewesen sein.

Affaltrach ist heute ein Teilort der Gemeinde Obersulm im Kreis Heilbronn. Seit dem 17. Jahrhundert ist dort eine jüdische Gemeinde belegt, seit 1737 ist eine Synagoge nachgewiesen. Im Jahre 1825 ordnete die württembergische Regierung die Schulpflicht auch für jüdische Kinder zwischen 6 und 14 Jahren an. Im Jahre 1828 erhielten israelitische Gemeinden das Recht, öffentliche Elementarschulen einzurichten und vom Staat geprüfte und ernannte Lehrer einzustellen. Diese Schulen unterstanden der staatlichen Aufsicht. Seit 1849 existierte in Affaltrach eine israelitische Konfessionsschule, die der staatlichen Oberschulbehörde unterstand.

Wir wissen leider kaum etwas über Emanuel Grünwalds Kindheit und Jugend, doch dürfte er diese Schule in Affaltrach besucht haben.

Wann Emanuel aus seinem Heimatort wegzog, ist unbekannt. Als der Vater 1907 starb, waren die Schwestern bereits verheiratet. Und ob Emanuel zu dieser Zeit noch in Affaltrach wohnte, wissen wir nicht.

1912 taucht sein Name im Adressbuch von Stuttgart auf, und zwar in Cannstatt, in der damaligen Moltkestraße 81. Seit 1913 wohnte er in Stuttgart in der Johannesstraße 60 im Erdgeschoß. Von Beruf war er Kaufmann. Laut Branchenverzeichnis der Stadt Stuttgart besaß er eine Betten- und Bettfedernhandlung.

Bereits im August 1911 hatte er in Kehl in Baden Nelly Wertheimer geheiratet. Wo das Paar sich kennenlernte, ist nicht bekannt. Die Ehe blieb kinderlos.

Nelly Grünwald wurde am 19. Juli 1888 in Kehl geboren als Tochter Jakob Wertheimers (Nelly Grünwald*1859) und seiner Frau Bert(h)a geb. Kaufmann (*1864). Diese wurde 1940 nach Gurs in Frankreich deportiert und 1942 in Noé bei Toulouse von den Faschisten ermordet. Ihrer gedenkt man in Kehl, Schulstraße 14, mit einem Stolperstein. Nellys Vater war Handelsmann und Viehhändler und bereits 1937 in Straßburg verstorben. Nelly hatte noch eine um zwei Jahre jüngere Schwester namens Mina.

Die Schul- und Berufsausbildung Nellys liegt im Dunkeln. Sie wird wohl nach der Eheschließung mit ihrem Mann nach Cannstatt oder Stuttgart gezogen sein und vielleicht im Bettenhandel mitgearbeitet haben. Seit 1920 lebten auch ihre Schwester Mina (*1890) und deren Mann Josef Ottenheimer (*1882) in der Landeshauptstadt. Das Ehepaar hatte zwei Söhne.

Wie Emanuel Grünwalds Geschäft in Stuttgart florierte, wissen wir nicht. Im Jahre 1935 brachte die  NS-Gauamtsleitung eine infame Broschüre unter das Volk mit dem Titel „Deutscher kaufe nicht beim Juden“. Es handelte sich, so der Untertitel, um ein „Verzeichnis jüdischer Geschäfte in Württemberg und Hohenzollern“. Auf Seite 51 befindet sich der Eintrag „Grünwald, Aussteuergeschäft, Johannesstr. 60“. Jetzt spätestens dürften wirtschaftliche Schwierigkeiten aufgetreten sein. Sie bildeten den Anfang der Verfolgungen.

1940 wurden Emanuel und Nelly Grünwald gezwungen, die Wohnung, in der sie jahrzehntelang gelebt hatten, zu verlassen und in die Gaußstraße 57 umzuziehen, in ein sogenanntes Judenhaus. Am 16. Oktober 1941 folgte eine weitere Zwangsumsiedlung, diesmal nach Haigerloch in die dortige jüdische Gemeinde, wo sie in das Haus Haag 194 (heute Pfleghofstraße 35) eingewiesen wurden. Etwa sechs Wochen später schon wurden sie weiter deportiert, endgültig weg von ihrer Heimat und in den Tod.

Am 27. November wurde das Ehepaar Grünwald zusammen mit 109 Haigerlocher Juden mit der Bahn zum Stuttgarter Inneren Nordbahnhof verbracht. Von dort aus gingen die Zwangsevakuierten zu Fuß zum „Sammellager Killesberg“, wo sie die nächsten Tage und Nächte in der Halle verbringen mußten. Sie waren in bedrängender Enge in acht Reihen zu je 125 Personen auf den Fußboden oder einfache Holzstühle gelagert. In diesem Sammellager wurden den „Abwanderern“ durch Gerichtsvollzieher Bescheide zugestellt, die sie davon in Kenntnis setzten, daß ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt und ihr Vermögen zugunsten des Reiches eingezogen werde. Sie mußten diese Dokumente unterschreiben. In der Frühe des 1. Dezember 1941 wurden die etwa eintausendfünfzig jüdischen Männer, Frauen und Kinder, manche wohl mit Bus und Lkw, zum Inneren Nordbahnhof gebracht und dort in den Personenzug getrieben, der zwischen 8 und 9 Uhr in Richtung Riga abfuhr. Der Transport stand unter polizeilicher Aufsicht. Trotz der Winterkälte wurde der Zug nicht beheizt. Kürzere Haltepausen durften von jeweils einigen Personen in jedem Wagen genutzt werden, um Wasser zu holen.

In diesem Zug saßen Nelly und Emanuel Grünwald.

Am 4. Dezember 1941 kam der Transport auf dem Bahnhof Skirotawa in Riga an. Ein kleinerer Teil der Verschleppten kam ins Ghetto Riga, die meisten jedoch in das baulich verfallene Lager Jungfernhof, wo sie dem strengen Winter schutzlos preisgegeben waren. Hier und bei einer Massenerschießung im „Birkenwäldchen“ bei Riga am 26. März 1942 kam der größte Teil der Menschen, die am 1. Dezember 1941 aus Stuttgart abtransportiert worden waren, ums Leben.
Nellys Schwester Mina und ihr Mann Josef, die sich im gleichen Zug befanden, gehörten ebenfalls zu den Ermordeten. Zwei Stolpersteine vor dem Haus Danneckerstraße 12 in Stuttgart erinnern an sie.

Auch Nellys und Emanuels Spur verliert sich in Riga. Nelly wurde 53 Jahre und Emanuel 61 Jahre alt. Am 01. Juli 2016, wurden Emanuel und Nelly Grünwald vor dem Haus in der Johannesstraße 60 im Stuttgarter Westen zwei Stolpersteine gewidmet.

2015, Stolpersteininitiative Stuttgart-West
Recherche: Margot Weiß Text: Dieter Kuhn

Recherchegrundlagen

Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Standesamt Stuttgart
Stadtarchiv Stuttgart
Stadtverwaltung Kehl, Frau Dr. Ute Scharf
Herr Martin Ritter, Obersulm
Herr Helmut Gabeli, Haigerloch
Bilder: Passakten Staatsarchiv Ludwigsburg

Literatur

Robert Frank: Irwing [!] Ullmann, New York. Leben und Erinnerungen eines KZ-Überlebenden aus Haigerloch. In: „Evakuiert nach dem Osten“. Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern vor 60 Jahren. Haigerloch 2001, S. 129-137.
Helmut Gabeli: „Evakuiert“ und „unbekannt verzogen“. Die Deportation der Juden aus Haigerloch 1941 und 1942. In: „Evakuiert nach dem Osten“. Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern vor 60 Jahren. Haigerloch 2001, S. 139-155.
Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Eine kommentierte Chronologie. Wiesbaden 2005.
Martin Ritter: Die Synagoge in Affaltrach. Obersulm 2001.
Paul Sauer (Hg.): Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das nationalsozialistische Regime 1933-1945. II. Teil. Stuttgart 1966.
Otto Werner: Auch das Erinnern hat ein Gewissen. Zum 60. Jahrestag der Deportation von jüdischen Gemeindemitgliedern von Hechingen nach Riga. In: „Evakuiert nach dem Osten“. Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern vor 60 Jahren. Haigerloch 2001, S. 35-66.

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

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Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

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die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

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