Stolperstein für Willi Winkle

Willi Winkle wurde am 9.10.1913 in Mannheim im „Wöch-nerinnenasyl Luisenheim“ geboren. Seine jüdische Mutter Sophie Meyer, von Beruf Büglerin, war ledig, sein Vater August Bücker, Konditor in Cronenberg, erkannte aber die Vaterschaft an.

Sophie Meyer heiratete am 23.6.1923 den Fotografen und geschiedenen Albert Ernst Winkle, der dem 10-jährigen Willi seinen Namen „Winkle“ gab (nach Mitteilung des Standesamts Stuttgart vom 2.10.1924). Für den 2. Sohn von Sophie Meyer, Arthur Meyer, geb. am 29.10.1920, galt dies nicht. Der Grund ist unbekannt.

Albert Winkle wohnte seit 1918 im 1. Stock der Pelargusstraße 4, die bis 1938 Beethovenstraße hieß. Willi Winkle muss bis zuletzt dort bei den Eltern gelebt haben. Er absolviert ab seinem 16. Lebensjahr eine 3-jährige Kaufmannslehre bei der Firma Emil Stetter, Stuttgart-Ost, Neckarstraße 204, von 1929 bis 1932.

In der Zeit der beginnenden Diskriminierung von Juden gelingt es ihm nicht, einen festen voll bezahlten Arbeitsplatz im erlernten Beruf als Kaufmann zu finden. Bis 1937 kommt er bei jüdischen Firmen, die selbst ums Überleben kämpfen, als Hilfsarbeiter oder Volontär unter. Dann muss er immer wieder neue Firmen suchen, die ihn als Packer oder Hilfsarbeiter einstellen, zuletzt als Bauhilfsarbeiter bei der Firma Carl Mutschler, Baugeschäft, bis zum 18.11.1941, also bis kurz vor seine Einberufung ins Sammellager auf dem Killesberg für die Deportation nach Riga am 1.12.1941, dem Beginn der Massentransporte in den Tod.

Willi Winkles Leidensweg durch die Lager lässt sich nur fragmentarisch nachzeichnen: der Transport vom 1.12.1941 führt ihn zuerst ins Eingangslager Jungfernhof, dann in eines der Außenlager des Ghettos Riga. Am 8.8.1944 wird er westwärts nach Stutthof verbracht, in das Lager bei Danzig, auf der Flucht der SS vor der sich nähernden Roten Armee; am 16.8.1944 weiter nach Buchenwald.

Willi Winkle ist jetzt 31 Jahre alt und wird trotz des fast dreijährigen KZ-Martyriums noch immer als arbeitsfähig erachtet. Man teilt ihn dem Kommando Tröglitz / Rehmsdorf / Gleina zu, einem Außenlager von Buchenwald. Es ist ein Konzentrationslagerkomplex, der sich über drei Dörfer erstreckt und der Herstellung von Benzin aus Braunkohle (BRABAG) dient. Die Häftlinge müssen schwerste Bauarbeiten verrichten, viele sterben auf den Baustellen und werden oft gleich mit dem Bauschutt „entsorgt“. Auch dieses Lager überlebt Willi Winkle. (Der spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertész litt ebenfalls hier, er schreibt darüber im „Roman eines Schicksallosen“.)

Denkmal Rehmsdorf
Denkmal in Rehmsdorf für die Häftlinge des Außenlagers »Wille«, die wie Willi Winkle im Werk der Braunkohle-Benzin-AG (Brabag) Zwangsarbeit leisten mussten (Tröglitz hat 2015 bundesweit traurige Schlagzeilen gemacht, als am Osterwochenende nach wochenlangen Protesten und dem Rücktritt des Ortsbürgermeisters ein geplantes Flüchtlingsheim ausbrannte und nur durch Glück niemand verletzt wurde!)

Anfang April 1945 sollen die Gefangenen in Güterwaggons nach Theresienstadt gebracht werden, Willi Winkle wird nie dort ankommen. In den Wiedergutmachungs-Akten des Ludwigs-burger Staatsarchivs ist zu lesen:

„Auf dem Transport von diesem Lager (Buchenwald / Rehmsdorf) in ein anderes kam Willi Winkle ums Leben. Als Todeszeitpunkt wurde mit Bescheid vom 29.9.1958 der 10.4.1945 festgestellt.“

Zugrunde liegen die Auskunft des Internationalen Suchdienstes und die Aussagen der Zeugen Harry Kahn aus Baisingen und Hans Guggenheim. Nach Auskunft der Israelitischen Kultusvereinigung wurde er erschossen, bei einem Fluchtversuch? Im Theresienstädter Gedenkbuch des Bundesarchivs in Koblenz ist sein Name vermerkt.

Sein Bruder Arthur Meyer, geb. 1920, stellt ebenfalls Antrag auf Wiedergutmachung. Er wohnt nach 1945 als Handelsvertreter in Stuttgart. Warum er als Sohn einer jüdischen Mutter der Verfolgung entging, ist unbekannt.

Seine Mutter, Sophie Winkle, geb. Meyer, geboren am 8.2.1884 in Reichelsheim in Hessen, entgeht als Jüdin der Deportation. In den von der Stuttgarter Stadtverwaltung von 1939-1941 akribisch genau geführten Listen über die jüdischen Wohn-adressen wird Ende Dezember 1941 Sophie Winkle noch geführt, Willi Winkle fehlt, er wurde ja am 1.12.1941 deportiert. Sicher genoss Sophie Meyer den Schutz der privilegierten Mischehe, verheiratet mit dem „arischen“ Albert Meyer. Aber mit dem letzten Transport nach Theresienstadt am 12.2.1945 wurden auch diese Menschen erfasst. Einige nahmen sich aus Verzweiflung das Leben oder aber tauchten unter und versteckten sich. Ob Sophie Winkle zu letzteren gehörte? Sie starb am 27.3.1951, da war sie schon Witwe und wurde beerbt von ihrem Sohn Arthur Meyer.

2016 / Text + Recherche: Irma Glaub + Heinz Wienand

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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