Die verlorene Ehre der Familie Erbslöh

Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten

Von Michael Gerster, aktualisiert am 17.10.2011 um 20:17

Stuttgart - Zweimal sind sie bereits vor Gericht unterlegen. Doch der Stachel sitzt so tief, dass Diethard und Helga Erbslöh nicht aufgeben wollen. Die Stolpersteine vor ihrem Haus, die an das Schicksal eines jüdischen Ehepaars erinnern, sollen weg. Mit der Aufschrift sehen sie die eigene Familie zu Unrecht stigmatisiert.
Diethard Erbslöh nennt es Gegendarstellung. Ein Jahr nach Verlegung der Stolpersteine am 8. Oktober 2010 hat er ein Blechschild in die Betonmauer vor dem Haus in der Hohentwielstraße 146 B in Heslach geschraubt. "Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle 1.4.1932 bis 30.3.1939." Dazu verteilt er Flugblätter an die Nachbarn, in denen er seine Sicht der Dinge darlegt. Eine kleine Genugtuung vielleicht, doch längst nicht das Ende des erbitterten Streits. "Wenn es sein muss, ziehen wir bis vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte", kündigt er mit bebender Stimme an.

Erbslöhs werfen Initiative Geschichtsfälschung vor
Es war ein Freitag, an dem die Erbslöhs ihre Ehre verloren. Künstler Gunter Demnig rauschte heran und trieb zwei Stolpersteine in die vorgesehenen Löcher vor dem Haus, das einst der Großvater von Helga Erbslöh im Jahr 1930 erbaut hatte. Wie immer hatte Demnig es eilig, wollte an diesem Tag so viele Gedenksteine wie möglich setzen. Die Vertreter der Initiative Stolpersteine Süd sowie eine Schulklasse hatten eine kleine Zeremonie vorbereitet. Die "Todesfuge" von Paul Celan wurde vorgetragen. "Ein Mann wohnt im Haus, er pfeift seine Juden hervor, er lässt ein Grab schaufeln in der Erde...", heißt es darin. Die Worte hämmern in Diethard Erbslöhs Kopf. Mit einem Transparent protestiert er gegen den Auflauf vor seinem Haus, doch er erntet von den Umstehenden nur ein Kopfschütteln. Auch die Aufschrift auf den Messingplatten bringen ihn in Rage. Hier wohnten Mathilde und Max Henle. Zwangsumsiedlung 1942, deportiert 1942. Für ihn ist klar, was Nachbarn und Passanten jetzt denken: Was haben hier nur für böse Menschen gelebt.
Die Erbslöhs, die selbst in Ludwigsburg wohnen und das Haus vermietet haben, wollen dies nicht auf sich sitzen lassen. Sie werfen der Initiative Stolpersteine "Geschichtsfälschung" vor. Denn letzter Wohnort der Henles sei nicht die Hohentwielstraße gewesen, sondern die Koppentalstraße 3 im Stuttgarter Norden. Dorthin seien die Henles umgezogen, nachdem ihnen zum 30. März 1939 fristgerecht wegen Eigenbedarfs gekündigt worden sei. Der Sohn des Großvaters habe geheiratet und daher die zweite Wohnung im elterlichen Haus beansprucht. Dieser sei zwar Mitglied in der nationalsozialistischen Partei gewesen, doch keineswegs freiwillig. "Als bei der Stadt angestellter Bauingenieur musste er beitreten, er hatte keine Wahl." Mit der Kündigung habe dies jedoch nichts zu tun gehabt.
Wie vor einem Jahr stößt das Ehepaar Erbslöh auch heute mit seiner Forderung nach Entfernung der Steine auf Unverständnis bei der Initiative für Stolpersteine Süd. Die Steine würden immer vor dem Haus gelegt, das als letzter freiwillig gewählter Wohnort ermittelt wurde. "Von diesem Prinzip können wir nicht abrücken, sonst würden wir Verwirrung stiften", sagt Pfarrer Frieder Kobler von der Initiative. Außerdem gehe es ja gar nicht um Schuldzuweisungen, sondern nur um die Erinnerung. Für ihn wie auch für Siegfried Bassler, der bei der Einweihung ebenfalls dabei war, steht fest: Der Umzug in die Koppentalstraße 3 ins Haus von Mathilde Henles Schwägerin sei nicht mehr freiwillig erfolgt. Vielmehr habe es sich um ein Judenhaus gehandelt, in das die Nazis Juden pferchten, um andere Häuser von ihnen frei zu halten.

"Diese Leute sind völlig uneinsichtig"
Diethard Erbslöh hält dagegen. Das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden sei in Berlin erst am 30. April 1939 unterzeichnet worden, also erst nach dem Umzug der Henles. Um zu ihrem Recht zu kommen, klagten die Erbslöhs im Februar 2011 zunächst vor dem Amtsgericht Stuttgart gegen die Stadt, auf deren Grund die Steine liegen und die sie entfernen lassen könnte. Sie machten eine Wertminderung ihres Hauses von 100.000 Euro durch die Stolpersteine auf dem Gehweg geltend. "Ein Fehler", wie Erbslöh heute eingesteht. In der Öffentlichkeit kam das nicht gut an. Dazu schmetterte die Richterin das Ansinnen ab. "Von den Steinen gehen keine materiellen oder immateriellen Immissionen aus", hieß es in der Urteilsbegründung. Ähnlich erging es den Erblöhs vor wenigen Wochen vor dem Landgericht. Die Richter erkannten zwar an, dass eine "erklärende Textergänzung" sinnvoll gewesen wäre. Doch die wiederum sei juristisch derzeit nicht durchsetzbar.
Die Stadt, die den Fall längst an einen Rechtsanwalt übergeben hat, hält an ihrer von Beginn an vertretenen Meinung fest. Eine Vereinbarung, den Text der Steine zu ändern, komme derzeit nicht in Betracht, so ein Sprecher auf Anfrage. Das Urteil des Landgerichts sei in der Sache eindeutig. Die Stadt, die auch die Löcher im Bürgersteig vorbereitet, unterstütze Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung. "Die Steine bringen ein Stück Geschichte in unseren Alltag, sollen die Opfer aus der Anonymität holen."
Für die Erbslöhs, die früher in Heslach in der Kirchengemeinde aktiv waren und sich auch heute noch vielfältig ehrenamtlich engagieren, passt all das ins Bild einer Gedenkmaschinerie, die sich gegen sie verschworen hat. "Diese Leute sind völlig uneinsichtig", schimpft Diethard Erbslöh. Und schiebt nach. "Wir wehren uns." Mit der Versetzung der Steine in die Koppentalstraße wäre für sie die Welt wieder in Ordnung. So aber wollen sie so lange keine Ruhe geben, bis die verlorene Ehre der Familie wieder hergestellt ist.

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