Familie Stern
Stuttgart-Degerloch, Weidachstrasse 16

Heinrich Stern - *31.08.1879 - und seine Ehefrau Auguste geborene Lindauer - *6.02.1883 - lebten mit ihren beiden Töchtern Margot - *7.07.1910 - und Edith - *8.04.1913 - in Esslingen am Neckar, wo der Kaufmann Heinrich Stern ein Handelsgeschäft besaß. Das Familienfoto wurde im Juli 1925 gemacht. Als er seine berufliche Tätigkeit beenden musste, weil er Jude war, zog er 1936 mit seiner Ehefrau in das eigene Haus in der Weidachstrasse 16 in Stuttgart-Degerloch. Sie wohnten im ersten Stock. Stern-Familie 1938 wird im zweiten Stock ein Schmiedemeister Beutenmüller genannt. Die 1901 in Stuttgart geborene Tochter Anna Beutenmüller sagte im Wiedergutmachungsverfahren aus, dass sie bis 1939 mit ihren Eltern in diesem Haus wohnten und die 4-Zimmer-Wohnung des Ehepaars Stern gut eingerichtet war. Die 1920 geborene Frau Friedel Breymann geb. Feilenschmidt gab an, dass sie bis etwa 1940 bei Sterns verkehrte, da ihre Schwiegereltern Breymann mit Sterns bekannt waren. Auch eine Freundin der Tochter Margot sagte aus, es war die 1910 geborene Lore Brintzinger geborene Schenk. Im Erdgeschoß wohnte 1938 ein D. Wolf, Kaufmann. Letzterer hat vermutlich zur Demütigung der Hausbesitzer die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster gehängt, wie man auf einem Foto von 1938 sehen kann.
1939 wurde dann auch dieses Haus zu einem so genannten „Judenhaus“ gemacht. Es wohnten dann hier noch Frau Frieda Spandow (vorher Züricher Str. 77), die Witwe Pauline Spier (vorher Stitzenburgstr. 2) und der Arzt Dr. med. Kaufmann mit seiner Ehefrau Elsa geb. Neuberger. Dr. Kaufmann wohnte vorher in Bad Cannstatt und hatte dort auch seine Arztpraxis. Auch dieses Ehepaar wurde umgebracht und erhält Gedenksteine in Bad Cannstatt, Königstr. 44.
Am 12.11.1941 musste das Ehepaar Stern ihr Haus verlassen und wurden nach Baisingen zwangsevakuiert. Von dort wurde Heinrich Stern am 1.12.1941 nach Riga deportiert, wo er umkam. Auguste Stern wurde am 26.04.1942 nach Izbica deportiert und später ermordet.
In Sterns Wohnung wohnte dann Kriminaldirektor Walter Schell (Neuhausen Kreis Esslingen, Lettenstr.63).
Die Tochter Edith lebte schon seit 1926 als Patientin in der Heilanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz. 1939 bestimmte eine Verfügung des „Ministers des Inneren in Deutschland“, dass dort nur noch Juden und zwar alle „akut geisteskranken“ Juden aus Deutschland unterzubringen sind und dort auch nur noch Juden
arbeiten dürfen. Stern Edith-Telegramm Am 3.06.1942 wurde in einem Telegramm Adolf Eichmanns aus Berlin die Deportation aller in der Heilanstalt lebenden Juden angeordnet. So stand auch Edith Stern mit auf der Deportationsliste.
In einem weiteren Telegramm von der Staatspolizeileitstelle Düsseldorf wurde die Deportation, die niemand der Betroffenen überlebte, noch genauer festgelegt.
Die ältere Tochter Margot heiratete schon 1932 Leo David (*8.05.1903) und lebte mit ihm in Düsseldorf. 1936 wanderten sie nach Palästina aus. 1938 zogen sie von dort nach Argentinien, wo am 6.04 1943 ihre Tochter Susana geboren wurde. Margot David starb am 10.02.1986 in Argentinien und ihr Ehemann Leo
am 4.01.1988, ebenfalls in Argentinien.
Ihre Tochter Susana David de Collado lebt in Buenos Aires und ist sehr erfreut über die Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an ihre Großeltern und ihre Tante. Mit ihr besteht inzwischen ein Briefwechsel und 2010 besuchte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann das Haus ihrer Großeltern in Degerloch und besichtigten die drei Stolpersteine für ihre ermordeten Verwandten.

1987 erwarb Familie Holthaus das Haus Weidachstrasse 16. Wenige Tage vor der Verlegung der drei Stolpersteine zeigte ich Frau Holthaus das Foto vom Haus von 1938 mit der Hakenkreuzfahne. Am Verlegungstag überraschte uns dann Familie Holthaus damit, dass sie eine selbst angefertigte israelische Flagge am Haus angebracht hatten. Außerdem stand eine Menora auf dem geschmückten Gehweg, Familienmitglieder trugen Gedichte vor und ein Schwager von Frau Holthaus las einen Psalm vor. Zum Abschluss dieser kleinen Gedenkfeier verteilten sie ungesäuertes Brot, das sie ebenfalls selbst gebacken hatten.

Recherche und Text: Doris Neu, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Fildervororte

Quellen:
Staatsarchiv Ludwigsburg, Jakobysche Anstalt in Bendorf-Sayn.
Kontakte mit der Enkelin des Ehepaars Stern: Susana David de Collado in Buenos Aires, Argentinien.

 


 

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Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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