Berta Göpfert: Zu weich für diese harte Zeit?

Im Sommer 1930 wird es für die Eltern der 25jährigen Berta das Leben zu aufreibend. Ihre Tochter Berta, geboren am 3.09.1904, verweigert Nahrungsaufnahme und Körperpflege und verletzt sich immer wieder selbst. Es bleibt keine andere Möglichkeit, als die junge Frau in die psychiatrische Abteilung der Heilanstalt Weinsberg zu bringen und zu hoffen, daß ihr dort geholfen werden könne. Dass dieser Entschluß der erste Schritt zum Todesurteil der Tochter sein würde, konnten der Chauffeur Jakob Göpfert und seine Frau Anna ebensowenig ahnen wie jeder andere Mensch, der davon ausgeht, daß eine Heilanstalt ein Ort der Geborgenheit und Fürsorge ist. Für die kurz danach an die Macht gekommenen Nationalsozialisten handelte es sich dabei aber um Kostenfaktoren, welche gar die imaginierte "Volksgesundheit" bedrohten.

Über die Behandlung, welche Berta Göpfert während ihrer Anstaltszeit erfahren hat, konnten keine genaueren Unterlagen gefunden werden. Fest steht, daß schließlich im entfernten Berlin ein beurteilender Arzt ihren Namen auf eine Liste setzte. Der Umstand, daß die Patientin länger als 5 Jahre in einer Anstalt gelebt hatte, wird für diesen Schreibtischtäter schon Grund genug gewesen sein, sie für die Deportation auszuwählen. Am 8. Mai 1940 musste sie einen der "grauen Busse" besteigen, der sie direkt in die Gaskammer der Mordstätte Grafeneck brachte.

Bei der Recherche in den spärlichen Quellen zur Biografie der Berta Göpfert erscheint die sensible junge Frau als Opfer einer barbarischen Zeitepoche: Als Schülerin in der Volksschule Zuffenhausen ist sie ein stets gesundes, intelligentes Mädchen, das gerne und viel liest. Der Schwager berichtet "man sei kaum mitgekommen in der Konversation mit ihr". Nach der Schule half sie zuhause, später im Haushalt der verheirateten Schwester. Der Vater galt als streng, die Mutter wird als gutmütig beschrieben. Einen schweren Schicksalsschlag für die Familie stellt sicherlich der Tod des Bruders dar, der an den Folgen einer Gasvergiftung im 1. Weltkrieg starb.

Für die still und zurückgezogen lebende Berta, die auch im fortgeschrittenen Alter nicht ins Café oder Kino gehen durfte, könnte die kurze Beziehung zu einem jungen Mann übermächtige Bedeutung bekommen haben. Der Freund hat die junge Frau offenbar mit einer übersteigerten Religiosität beeindruckt und schließlich durch eine unsensible Trennung dermaßen verletzt, daß sie sich mit Gas das Leben nehmen wollte. Sie konnte zwar gerettet werden, aber ihr psychischer Zustand verschlechterte sich zusehends. Vermutlich hätten die heutigen Möglichkeiten der Psychotherapie dieser jungen Frau ein normales Leben ermöglichen können; so aber wurde sie in einer herzlosen Verkettung aus Ratlosigkeit und menschenverachtender Mordlust von einer staatlichen Maschinerie getötet, die eben dieses Tun auch noch zynisch als "Euthanasie" bezeichnete.

Recherche & Text: Elke Martin und Inge Möller, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Zuffenhausen.

Quelle: Gedenkstätte Grafeneck, Bundesarchiv Berlin.

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

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