Martha Levison und ihren Sohn Manfred Erwin

Martha Levison wurde am 01.10.1879 in Bad Cannstatt geboren. Sie entstammte einer Kaufmannsfamilie aus Goch, Niederrhein. Martha Levinson war und blieb ihr Leben lang eine unverheiratete Frau mit einem unehelichen Sohn namens Manfred Erwin.Levison Manfred Erwin In der Gesellschaft der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hatte ein „Fräulein“ dazu mit einem unehelichen Kind so gut wie keine Chance auf ein normales bürgerliches Leben. Eine Frau wie sie lebte am Rande der Gesellschaft, war schon zufrieden, wenn sie ein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hatte. Zudem leugneten die Väter häufig die Vaterschaft und weigerten sich, für den Unterhalt eines Teils davon aufzukommen. All dies traf auch auf Martha Levison und ihren Sohn zu. Die wenigen Dokumente benennen sie als „Fräulein, ledig, unverheiratet“. Die Jahre 1910 und 1911 verbrachte sie in Genf, dort wurde auch ihr Sohn geboren. 1919-1920 versorgte sie als „Stütze“ – so die amtliche Berufsbezeichnung – hier in Stuttgart ihre Brüder, Gustav „Reisender“ und Ludwig einen Kaufmann. Beide wohnhaft in der Landhausstraße 24. Der Eintrag im Adressbuch der Stadt lässt vermuten, dass sie zu dieser Zeit in der Landhausstraße 24 eine kleine Pension betrieben hat. Für ihren Sohn musste sie allein aufkommen. Solange sie ihren Brüdern den Haushalt führte, war für ihren zehn-jährigen Sohn keine Möglichkeit, bei seiner Mutter zu leben. Aus der dürftigen Aktenlage geht hervor, dass sie für Erwin bei einer Familie in Hedelfingen ein Kostgeld von 150 RM zu entrichten hatte. Der leibliche Vater trug dazu monatlich 100 RM Unterhalt für seinen Sohn bei.

Die Lebenssituation änderte sich für Martha Levison um das Jahr 1920 herum, beide Brüder verließen Stuttgart. Sie musste sich nach einer neuen Wohnung umsehen. Sie bekam in der Schweiz eine Stelle als Haushaltshilfe angeboten, so stellte sie an die damalige Stadtdirektion Stuttgart ein Gesuch, dort arbeiten zu dürfen Sie begründete dies damit, dass sich der Haushalt ihrer beiden Brüdern auflösen werde, und sie für ihr Kind zu sorgen habe. Das Gesuch wurde mit der Erklärung abgelehnt, sie könne in Deutschland ebenso gut für ihr Kind sorgen wie in der Schweiz.

1923 bis 1926 führen die Adressbücher sie dann als Haushaltsvorstand und wohnhaft in der Champignystraße 26, in Stuttgart Ost.

Von 1927 bis 1932 wird sie vermutlich als „Stütze“ in einem fremden Haushalt gelebt und gearbeitet haben; die Adressbücher nennen sie nicht, sie registrieren ja nur den Haushaltsvorstand.

Den nächsten Hinweis auf die Familie liefert ein Passantrag des 18-jährigen Erwin Levison. Er gibt an, seit 1. Mai 1929 in der Löwentorstraße 36 zu wohnen. Einer eigenen Wohnung kann er mit 18 Jahren noch nicht vorgestanden haben – erst mit 21 war man „volljährig“. Dies legt den Schluss nahe, dass seine Mutter die Wohnung im 4. Stock gemietet hatte, dies belegen ab 1933 auch das Adressbücher der Stadt.

Martha Levison ist nicht nur eine unverheiratete Frau mit einem „unehelichen“ Kind; Martha Levison ist auch eine Jüdin. Mutter und Sohn erleben hier, hoch oben im 4. Stock des Anwesens Löwentorstraße 36 die Grausamkeiten und Schikanen des Nazi-Regimes . Martha Levison muss sich eine neue Beschäftigung suchen, gemäß den Nürnberger Rassegesetz konnte sie nicht länger als Stütze in einem „arischen“ Haushalt arbeiten. Sie arbeitet nun als Telephonistin. – Ab 1939 sind beide verpflichtet, zum Vornamen den Zusatz „Sara“ bzw. „Israel“ zu führen. Ihre wirtschaftliche Lage, ihr sozialer Stand gaben ihnen kaum die Möglichkeiten auszuwandern.. Die Lebensumstände werden immer grausamer: da ist die Verordnung der Stadt Stuttgart, dass alle jüdischen Familien, die in „arischen Häusern“ wohnen umgehend in Mietshäuser jüdischer Besitzer umzuziehen haben. Bismarckstraße 92 ist die erste neue Anschrift, sie wohnen dort nur ein Jahr zusammengepfercht mit 11 anderen jüdischen Haushalten. Das Anwesen geht in „arischen“ Besitz über, so werden sie aufgefordert, in ein sog. „Judenhaus“ in der Augustenstraße 39A umzuziehen, das vom Deutschen Reich konfisziert und von der Gestapo im Hotel Silber verwaltet wurde. Auch hier herrscht Chaos, Angst vor der Zukunft und unbeschreibliche Enge.
Mitte April 1942 erhalten Mutter und Sohn von der Gestapo-Leitstelle im Hotel Silber die Aufforderung, sich mit einem Minimum an Gepäck in der „Ländlichen Gaststätte“ im Killesbergpark einzufinden. Dort verbringen sie mit weiteren 276 jüdischen Stuttgartern zwei schreckensvolle Tage. Sie alle wissen, was sie erwartet. Sie werden am 26. April zu den Waggons auf den Gleisen direkt an der Martinskirche geführt. Die Fahrt geht nach Izbica. in ein Arbeitslager. Niemand von diesem Transport ist zurückgekehrt.
Nichts erinnert heute mehr an Martha und Erwin Levison. Das Haus wurde 1944 bei einem Bombenangriff total zerstört. - Die jetzt gesetzten „Stolpersteine“ sollen der in Stuttgart nahezu vergessenen Familie Levison, Mutter und Sohn, wenigstens auf zwei kleinen Messingplatten ihren Namen zurückgeben und uns Lebenden ein Zeichen sein.

Recherche und Text: Josef Klegraf Initiative Stuttgard Nord
Foto: Erwin Lvison um 1928, Staatsarchiv Ludwigsburg

 

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