Lina Baum und der Schlesische Dekorateur Eugen Peisak

Baum LinaDas Bild zeigt Lina Baum im Alter von 71 Jahren. Es wurde von ihrem Enkel Richard Pick, der heute mit seiner Familie in Mexiko lebt, kurz vor seiner endgültigen Flucht aus Deutschland im Juli 1941 aufgenommen. Richard und sein jüngerer Bruder Ludwig, der in seiner Jugend Lutz gerufen wurde und heut als Larry in den USA lebt, sind die Einzigen, die aus der großen Familie die Nazi-Zeit überlebt haben.
Lina Baum wurde am 26. August 1870 in Freudenthal bei Ludwigsburg geboren. Sie war noch sehr jung, als sie den Stuttgarter Kaufmann Lazarus Baum (geboren am 17.Oktober 1858) kennen lernte. Dies zeigt eine Verlobungsanzeige von Lina Dreifuss und Lazarus Baum, die am 6. April 1888 im Neuen Tagblatt erschienen ist. Noch im selben Jahr war die Hochzeit. Dem Ehepaar Baum wurden fünf Kinder geschenkt. Die Familie lebte in der Erinnerung ihres Enkels in gut bürgerlichen Verhältnissen am Marktplatz 19 und betrieb dort ein Zigarrengeschäft, später ein Weißwaren- und Aussteuergeschäft. Da war schon Leo Allmeyer, ihr Schwiegersohn, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, der Geschäftsinhaber. Für ihn und seine Frau Alice wurden zeitgleich Kleindenkmale vor dem Haus Eberhardstr. 49 in den Gehweg eingelassen. - Es gab für sie aber auch schon vor der Nazi-Zeit nicht nur sonnige Tage. Der einzige Sohn Ludwig zog wie Tausende junge Männer seiner Generation voller Begeisterung für sein Volk und Vaterland in den 1. Weltkrieg und lies dort sein junges Leben. Die Nazis dankten es der Mutter später auf ihre Weise.
Lazarus Baum erlebte die Schrecken dieser Zeit nicht mehr. Er starb am 12. April 1933 und wurde auf dem israelischen Teil des Pragfriedhofs bestattet. Sein Grabstein mit dem Hinweis auf das Schicksal seiner Frau ist gut erhalten.
In der Erinnerung des Enkels war Lina Baum eine herzensgute Mutter und Großmutter. Die Stuttgarter Altstadt und der Marktplatz, wo sie mehr als 55 Jahre ihres Lebens verbracht hatte, waren ihr zur Heimat geworden. Sie hatte dort zahlreiche Bekannte und duzte sich mit vielen der Marktfrauen. Wenn Gemüse- und Fruchtmarkt war, rief sie oft ihre Bestellungen durch ihr Fenster und holte dann das Aufgetragene ab.
1941 wurde Lina Baum – wie viele alte jüdische Menschen in Stuttgart - nach Haigerloch zwangsumgesiedelt. Am 22. August 1942 wurde sie zusammen mit ihrer Tochter Alice und ihrem Schwiegersohn nach Theresienstadt deportiert. Wenige Monate nach der Ankunft starb dort ihre Tochter Alice am 12. Dezember 1942. Eine weitere Tochter – Emma Pick, die Mutter von Richard und Ludwig Pick – wurde in Stutthof ermordet.
Der Enkel Richard Pick ist heute noch erstaunt darüber, dass sein Großmutter zwei Jahre in Theresienstadt das Konzentrationslager überleben konnte, da ältere Menschen häufig schon nach kürzester Zeit entweder den Strapazen erlegen waren oder umgebracht worden sind. Er führt dies auf ihre „Lieblingsbeschäftigung“ – das Stricken – zurück. Er meint, dass sie das Handwerk, das sie so gut beherrschte, vor allem für die Wachmannschaften ausüben musste.
Als die Zeiten immer bedrohlicher wurden, hat Richard Pick versucht, mit seiner Großmutter über eine Auswanderung zu sprechen. Sie hatte darauf immer die gleiche Antwort: „Ich bin doch eine alte Frau, wer will etwas von einem alten Weib, welche ihren einzigen Sohn für Kaiser und Vaterland gegeben hat.“
Lina Baum hat sich getäuscht. Sie wurde am 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort einen Tag später ermordet.

Baum Lina GrabEugen Peisak, geb. 1.04.1914 in Beuthen/Oberschlesien, wohnte 2 oder 3 Jahre, bis zu seiner Hochzeit, bei Lina Baum zur Untermiete. Eugen war Dekorateur im Schuhhaus Speyer, welches sich an der Ecke von Marktplatz und Schulstrasse befand.
Lina Baums Enkel Richard Pick, der im selben Haus wohnte, freundete sich sehr mit ihm an. Er beschreibt ihn als einen sehr hilfsbereiten Menschen, der wie ein älterer Bruder zu ihm war. Die Abende verbrachten beide oft beim Schachspiel oder unterhielten sich über Bücher. Vor allem beratschlagten sie wie sie das Land verlassen konnten: Eugen trieb Richard Pick dazu an mit ihm auf das amerikanische Konsulat zu gehen, das sich seinerzeit in Stuttgart befand, um ihnen eine Wartenummer, die sie für eine Auswanderung benötigten, zu holen. Gemäß den Nummern die sie erhielten, hätten beide noch ungefähr 3 Jahre warten müssen um eventuell die Gelegenheit zu bekommen nach den USA auswandern zu können.
Eugen schlug vor über die "grüne Grenze" zu fliehen und sie machten sich Monate lang Gedanken darüber. Eugen glaube, dass sein Beruf als Dekorateur keine große Zukunft im Ausland haben würde und fing deshalb an ein Buch über Werkzeugmacherei zu studieren.
Aber Eugen heiratete Margot Kastanienbaum und damit änderte sich seine Meinung, denn mit seiner Frau wäre solch ein Vorhaben natürlich noch schwieriger geworden. Kurz darauf wurden beide deportiert und in Riga ermordet. Für Margot Peisak, geb. Kastanienbaum, liegt ein Stolperstein in Würzburg, ihrem Geburtsort.
Richard Pick, dem die Flucht gelang, sagt: “Er war ein feiner Kerl, der für einen, glaube ich, durch's Feuer gegangen wäre.“

Baum Peisak Maktlatz19

 Baum-Peisak Gedenksteine

Recherche und Text: Barbara Heuss-Cizsch, Jennifer Lauxmann und Gebhard Klehr

Quellen:
Landesarchiv Ludwigsburg, Staatsarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart, Bericht von Richard Pick, Mexiko, Foto Grablege Lazarus Baum: Gebhard Klehr.

Spender der Kleindenkmale: Richard Pick, Mexiko

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Unerwünscht

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im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

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