Mutter und Tochter Jordan

Stolpersteine für Mutter und Tochter Jordan
- Mutter Helene Luise Jordan, genannt Nelly
- Tochter Lisa Jordan
in der Augustenstraße 39 A im Stuttgarter Westen


Am 20. Oktober 1871 wurde Helene Luise Jordan geboren.   Genannt wurde sie fortan Nelly.  Ihr Vater Hermann Jordan, Kaufmann, war 1826 in Südafrika geboren.  Er heiratete in Hannover 1846 Friederike Menke.  Das Ehepaar bekam drei Kinder.

Die beiden Geschwister von Nelly Jordan, nämlich Julius Götsch Jordan und Anna Jordan, kamen in Bloemfontein in Südafrika zur Welt.  Die Familie muß dann nach Deutschland umgezogen sein, denn Nelly, das dritte Kind, wurde in Stuttgart geboren.  Hier starb der Vater 1875.  Nelly war gerade vier Jahre alt.  Ihre Mutter ging 1881 eine neue  Ehe ein.  Der Stiefvater starb jedoch bereits 1882.  Nelly verbrachte ihre Jugend in Hannover, wo die Mutter 1914 starb.
 
Mit der Stuttgarter Anwaltsfamilie Jordan bestanden verwandtschaftliche Beziehungen, und so heiratete Nelly am 14. Juli 1897 in Hannover den Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Ludwig Jordan.  Vermutlich zog das junge Ehepaar schon 1898 in das neu gebaute Wohnhaus in der Augustenstraße  39A in Stuttgart ein, das  Ludwig Jordan gekauft hatte.  Sie bewohnten den ersten Stock.
 
Nelly und Ludwig Jordan bekamen drei Kinder.  Tochter Lisa wurde am 26. Mai 1898 in Stuttgart geboren. 1899 kam der Sohn Rudolf Immanuel Hermann zur Welt.  Er wurde nur elf Monate alt.  Franz Rudolf wurde am 17. Juni 1902 geboren. Wie der Vater wurde er Jurist.  Er promovierte und arbeitete als Gerichtsassessor, verstarb aber schon 1930 in Bad Cannstatt.  Dies war für das Ehepaar Jordan ein sehr schwerer Verlust.

Bereits zwei Jahre später, am 16. Mai 1932, starb Nellys Ehemann Ludwig Jordan. Er wurde 67 Jahre alt. Nelly lebte nun nur noch mit ihrer Tochter Lisa in der Wohnung in der Augustenstraße 39A. Diese war sehr gut eingerichtet und für einen Vier-Personen-Haushalt vorgesehen.  Aber das Haus mußte 1939 abgegeben werden (und wurde 1944 auf das Deutsche Reich im Grundbuch eingetragen).
Mutter und Tochter  wurden gezwungen, in die Breitlingstraße 33 umzuziehen, in ein sogenanntes Judenhaus. Diese Wohnung mußten die beiden Frauen mit immer mehr anderen jüdischen Mietern und Untermietern teilen.

Jedoch auch hier war keine dauernde Bleibe.  Die Tochter Lisa wurde am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort 1942 ermordet.  Nelly mußte in das jüdische Altersheim in der Heidehofstraße 20 umziehen und wurde von dort nach kurzem Aufenthalt am 2. März 1942 in das sogenannte jüdische Altersheim nach Dellmensingen evakuiert. Dorthin durfte sie vier Gegenstände mitnehmen. Es waren ein Bett, ein Nachttisch, ein Schrank und ein Stuhl, so schrieb sie in ihrem letzten Brief am 2. April 1942 an einen Verwandten.

Nellys weiterer Weg ging am 22. August 1942 nach Theresienstadt.  Zuvor mußte sie allerdings noch einen "Heimeinkaufsvertrag" abschließen.  Dafür waren 18993,78 Reichsmark zu leisten.
In Theresienstadt endete ihr Leben am 13. Februar 1943.

Quellen:
Staatsarchiv Ludwigsburg,
Stadtarchiv Stuttgart,
Adreßbücher der Stadt Suttgart.

Lisa Jordan

In den letzten Novembertagen des Jahres 1941 erhielten 1000 württembergische Juden einen Transportschein und die Aufforderung, sich im Sammellager auf dem Killesberg zur Deportation nach Riga einzustellen.  Zu den Menschen mit dem gelben Stern, deren Not die Stadt Stuttgart filmen ließ, zählte auch Lisa Jordan.

Sie wurde am 26. Mai 1898 als erstes Kind der Eheleute Nelly und Dr. Ludwig Jordan in Stuttgart geboren.  Der Vater war Rechtsanwalt.  Er hatte seine Kanzlei in der Marienstraße 1C.  Die Mutter führte den Haushalt und wurde dabei von einem Dienstmädchen unterstützt.  Lisa wuchs in einem gutbestellten Haus heran, in einer großen und reich eingerichteten Wohnung in der Augustenstraße 39A. 

Zwei Brüder wurden nach ihr geboren, der erste wurde kein Jahr alt.  Der zweite Bruder konnte in die Fußstapfen seines Vaters treten, denn auch er wurde Jurist.  Er verstarb schon  1930 im Alter von 28 Jahren.  Zwei Jahre später verlor Lisa auch den Vater.

Lisa erlernte den Beruf einer Sekretärin.  Es ist anzunehmen, daß sie in der Anwaltskanzlei ihres Vaters mitarbeitete.

1939 wurden Lisa Jordan, die nie heiratete, und ihre Mutter gezwungen, in die Breitlingstraße 33 umzuziehen, in ein sogenanntes Judenhaus. Seit 1940 arbeitete Lisa bei der Zweigstelle Württemberg der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" in der Hospitalstraße 36 in Stuttgart.  Dort wirkte sie, obwohl sie nach Aussage von Zeitzeugen "von zarter Gesundheit" war, selbstlos und unter dem ganzen Einsatz ihrer Kräfte daran mit, jüdischen Mitbürgern zu Auswanderung zu verhelfen.

Ihr selbst half niemand.  Am Morgen des 1. Dezember 1941 verließ der Zug mit den Deportierten den Stuttgarter Nordbahnhof.  Sie trafen am 4. Dezember im Konzentrationslager Jungfernhof ein. Hier verliert sich Lisa Jordans dokumentierbare Spur.  Sie wird zu den "Arbeitsuntauglichen" gezählt haben, die am 26. März 1942 im Bikernikischen Hochwald bei Riga erschossen wurden.

Quellen:
Staatsarchiv Ludwigsburg.
Stadtarchiv Stuttgart.
Adreßbücher der Stadt Stuttgart.

Frühjahr 2008
Margot Weiß
Stolperstein-Initiative Stuttgart-West


 

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