Ottilie "Tilly" Lahnstein, ein Leben nur für andere

Ottilie Lahnstein, kurz "Tilly" genannt, wurde am 10. Mai 1872 in Stuttgart geboren. Sie stammte aus einer gutbürgerlichen Familie. Vater Heinrich war Kaufmann. 1871 war er "für die Ausrüstung des württembergischen Lazarettzugs im Krieg gegen Frankreich" mit dem Olga-Orden ausgezeichnet worden. 
1866 vermählte er sich mit der aus Frankfurt stammenden Auguste. Drei Kinder hatte die Familie: Tilly, Marie und Ernst. Marie (? 1939) heiratete den Rechtsanwalt Dr. Ludwig Hess. Ernst (1875 -1914) war Rechtsanwalt geworden und hatte mit seinem Schwager eine Kanzlei, bis er seinen Beruf aufgab und sich der Literaturwissenschaft, hier besonders Hebbel, widmete.

LahnsteinDie Familie wohnte in einem ansehnlichen Haus in der Alleenstr. 32, nahe dem Stadtgarten und der Universität. Als 1908 der Vater starb, zogen Tilly und ihre Mutter in eine kleinere Wohnung in der Seestr. 41. Tilly hatte das Königin-Katharina-Stift besucht, war dann aber daheim geblieben und führte den Haushalt der Mutter und war unermüdlich helfend für andere tätig. Sie wurde später als (freiwillige) Fürsorgerin bezeichnet. So nahm sie etwa mit großem Geschick für ihre Mündel Amtsvormundschaften an.

Der Verein für Kinderküchen bot Kindern aus sozial schwachen Familien für 10 Pfennige, gegebenenfalls auch kostenlos, ein stärkendes Mittagessen. Allein in der Heslacher Küche wurden 1910 fast 24 000  Portionen abgegeben. Mitgliedsbeiträge und Spenden ermöglichten dies. Viele namhafte Damen der Gesellschaft machten Aufsicht. Von 1895 an war Tilly Lahnstein dort ehrenamtlich engagiert, nach dem Ersten Weltkrieg sogar als 2. Vorsitzende im Verein. Auch ihre Mutter, die Schwester und die Schwägerin unterstützten den Verein.

Unter den Nationalsozialisten war für Tilly Lahnstein aber kein Platz mehr dort, der Verein wurde dem Amt für Volkswohlfahrt unterstellt. Offiziell hieß es, dass sie einer jüngeren Kraft Platz machen wollte. Im Jahresbericht für 1934 zollte man ihr trotzdem volle Wertschätzung: "Seit Bestehen des Vereins war Fräulein Lahnstein voll umsichtiger Liebe und Selbstlosigkeit tätig und so begrüßen wir es dankbar, dass sie uns auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen will."

Spätestens seit 1914 hatte sich Tilly Lahnstein auch in der Stuttgarter Nikolauspflege für blinde und sehbehinderte Menschen engagiert. Freiwillige Helferinnen wie sie opferten unentgeltlich Zeit, Kraft und Mühe, um den Betrieb gerade in Kriegszeiten, wenn viele Lehrer eingezogen waren, aufrecht zu erhalten. Regelmäßig kam sie in die Vorschule der Einrichtung und kümmerte sich mit großem Enthusiasmus um die Kleinen. Dies bestätigt der Rechenschaftsbericht der Nikolauspflege für 1929-31: "Genannt sei hier noch Frau Lahnstein, unsere "Tante Tilly", die schon seit 20 Jahren jeden Donnerstagnachmittag zu uns herkommt und sich unseren Kleinsten widmet, auch ihnen immer wieder ein besonderes Fest macht."

Korbmachermeister Samuel Wandel nannte Tilly Lahnstein noch 1890 "eine ganz reizende liebe Frau. Die hat die Vorschule betreut, mit allem Möglichen, hat das Beste gegeben." Trotzdem wurde sie von einem nationalsozialistisch eingestellten Oberlehrer etwa mit den Worten "Eine Jüdin gehört hier nicht her" schikaniert und wohl auch denunziert.

Tilly Lahnstein war als Jüdin geboren. Nachdem 1928 die Mutter gestorben war, da es diese sonst betrübt hätte, ließ sie sich evangelisch taufen. Sie lebte nun sparsam und bescheiden Im Schüle 4, danach kurz im Haus des Metzler Verlags, Sophienstraße 16. Durch ihr Engagement hatte sie in kirchlichen Kreisen viel Sympathie erworben, vermutlich deshalb konnte sie 1939/1940 laut Adressbuch in einem Zimmer im Marthahaus der Evangelischen Diakonissenanstalt, Sophienstraße 1B, wohnen, bevor sie im Frühjahr 1941 in ein möbliertes Zimmer bei ihrem Schwager Dr. Ludwig Hess (? 1942 in Theresienstadt) ziehen musste.

Für den nationalsozialistischen Staat war sie immer noch Jüdin und wurde im November 1941 zwangsweise nach Haigerloch umgesiedelt. Der Ulmer Prälat Walter Buder, bis 1939 Pfarrer an der Markuskirche, spricht in einem Brief an ihren Neffen von "vergeblichen Bemühungen" ihr dies zu ersparen. "Die Stellen in Stuttgart, denen die jahrzehntelange Tätigkeit ihrer Tante in Kinderküche und Blindenanstalt wohlbekannt war, haben sich in dankenswerter Weise für sie eingesetzt. Aber sie hatten keinen Erfolg, und amtlich haben alle diese Stellen in dieser Angelegenheit keine Verfügungsgewalt. Nur das Eine ist erreicht worden, dass sie ein eigenes Zimmer in Haigerloch bekommen soll." Tatsächlich hat Prälat Buder, was damals großen Mut bedeutet hat, in einer Eingabe versucht, die Christin jüdischer Herkunft vor weiteren Zwangsmassnahmen zu bewahren, doch in Berlin, wo die Eingabe am Ende landete, sah man dafür keine Möglichkeit, wohl aber auch keine Notwendigkeit.

Mit Tapferkeit und großem Gottvertrauen nahm Tilly Lahnstein ihr Los auf sich. In Haigerloch fand sie Anschluss an die evangelische Pfarrfamilie. Prälat Buder besuchte sie mehrmals dort und feierte mit ihr noch im Sommer 1942 das Abendmahl. Kurz darauf, am 19. August 1942, wurde Ottilie "Tilly" Lahnstein in Haigerloch als "unbekannt verzogen" abgemeldet. Sie hatte sich im Sammellager auf dem Killesberg einfinden müssen, um am 22. August 1942 über den Nordbahnhof nach Theresienstadt deportiert  zu werden, wo ihr Leben und Leiden am 31. März 1943 ein Ende fand.

Der Stolperstein, der am Freitag, 10. November 2006, vor dem Haupteingang der Nikolauspflege, Am Kräherwald 271, verlegt wurde und dessen Inschrift mit den Worten "Hier wirkte" beginnt, soll an Ottilie "Tilly" Lahnstein erinnern und ihr ehrenamtliches Engagement würdigen, gerade an einem Ort, an dem sie sich viele Jahrzehnte lang fürsorglich für andere einsetzte.

Die Patenschaft für den Stolperstein hat die Nikolauspflege übernommen.

Autor: Wolfgang Kress, Initiative Stuttgart-West/ Oktober 2007

Bild: Staatsarchiv Ludwigsburg
Quellen:
Akten im Staatsarchiv Ludwigsburg und im Stadtarchiv Stuttgart
Adressbücher der Landeshauptstadt Stuttgart
Jahresberichte des Vereins für Kinderküchen Stuttgart.
Peter Lahnstein, Tempus fugit (Erinnerungen), München 1990.
Den Menschen sehen: 150 Jahre Nikolauspflege, Stuttgart 2006.   

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