Ernst Rohatsch - Opfer der NS-Euthanasie aus S-Luginsland

Rede von Susanne Rohatsch am 8. Mai 2007 anlässlich der Stolpersteinverlegung durch den Künstler Gunter Demnig und die Initiative Stolperstein für ihren Onkel Ernst Rohatsch (Jg.1908), der im Nägelesäcker 55 in Stuttgart-Luginsland gewohnt hatte und am 12.11.1940 in der "Heilanstalt" Grafeneck ermordet wurde:

"Ich danke Ihnen allen, daß Sie zu diesem Ehrentag meiner Familie gekommen sind und daß Sie Anteil nehmen am Schicksal unseres Onkels und Vetters Ernst Rohatsch.

Ich habe ihn nicht mehr gekannt, weiß aber, daß er sich noch acht Monate an mir, seiner Nichte erfreut hat und mich auch oft im Kinderwagen spazieren fuhr.  Er kam nämlich jedes Wochenende zu Fuß von Stetten zu seiner Familie und hat sein Leben auch mit ihr hier geteilt. In Stetten hatte er eine Arbeit in der Landwirtschaft und war trotz seiner schweren Krankheit bekannt als Scherzbold und Leseratte.  Leider konnte er überhaupt nicht rechnen und war auch sonst so kindlich geblieben, daß man zu den damaligen Zeiten nichts anderes mit ihm anzufangen wußte, als ihn in eine Anstalt zu bringen.

Bis vor kurzem war nur dieses vom Onkel Ernst in meinem Kopf, begleitet von einem unendlichen Mitleid mit meiner Oma, die hintereinander zwei Söhne verloren hatte.

Und nun tritt ein mir ganz unbekannter Mensch, der Künstler Gunter Demnig mit seinen Helfern auf und holt meinen Onkel aus der Versenkung. Ich beschäftige mich jetzt nochmal mit ihm und spüre wie ich immer mehr mit diesem Onkel Ernst verbunden bin. Ich spüre eine warme Liebe für ihn und den Wunsch, ihn wiederzusehen.

Danke Herr Demnig, ohne Ihre Gedankenwelt, Ihr Künstlertum und ohne die Mitarbeit Ihrer Helfer, der Initiative Stolperstein, und ohne die Mitarbeit der Stadt Stuttgart (die diesmal als Behörde eine rühmlichere Rolle spielt), wäre uns eine solche Ehre nicht widerfahren.

Das ist für mich wie  ein modernes Märchen: "ein böser Mensch läßt Millionen Unschuldiger ermorden.  Ein guter Mensch erfaßt 50 Jahre später diese Ungeheuerlichkeit in seiner Seele und bekommt Helfer und die innere Kraft, wie einst David in der Bibel, so daß er hinter das böse Werk des Goliath einen geistigen Sieg stellen kann."

Der heutige Tag wäre ein Freudentag für unsere Großeltern und meine Eltern geworden, doch sie mußten sterben mit dem traurigen Gedanken, daß ihr Sohn und Bruder vergast wurde und daß der Schlußstrich ein Beileidsschreiben der Landesregierung war zusammen mit einer Urne, als Todesursache hatte man nicht Vergasung sondern "Gürtelrose" eingetragen.

Meine Großeltern hatten  auf dem Untertürkheimer Friedhof für ihren jüngsten Sohn Georg, der wenige Jahre zuvor vom Baum gefallen und daran gestorben war, schon ein Grab gekauft - und setzten nun die Urne für ihren ältesten Sohn Ernst mit der unbekannten Asche dort bei.  Die Asche war nicht seine und die Todesursache war eine Lüge. Und das ausgesprochene Beileid ein Schlag ins Gesicht.

Es war Krieg, und vier Jahre später fiel eine Brandbombe auf das Haus meiner Eltern und Großeltern und zerstörte es vollständig.

Dieses Jahr im Januar konnte ich die Krankenakte meines Onkels aus der Anstalt Stetten in Kopie bekommen und  durchlesen. Dort steht über unseren Onkel am Anfang: "aufgenommen am 5.11.1926 Punkt. Und dann: ausgetragen am 12.11.1940, auf Anordnung des Innenministeriums verlegt."

Auch in der Anstalt verlogene Eintragungen, ausgetragen anstatt zum Tode verurteilt, und verlegt anstatt vergast. Alle wußten doch genau was geschehen war.

Wie man sich wohl fühlt, wenn man am Schreibtisch solche Lügen in die offiziellen Akten schreibt. Diese Beamten und Angestellten hatten alle Angst, ich will es wohl glauben. Aber die Wahrheit kommt doch ans Tageslicht, sie war immer am Tageslicht.

Die Diakonie Stetten konnte sich erst nach ca. 50 Jahren dazu durchringen, für ihre dem Tode ausgelieferten Patienten ein Denkmal mit allen Namen zu setzen.
Nur leider steht dieses Denkmal an einem ganz abgeschirmten, hinter Hecken versteckten Platz, den man erst findet, wenn man sich danach erkundigt hat.

Ob hier wieder eine Angst herrscht, die Angst um den guten Ruf ?

Ach, wären wir doch alle ein bißchen mutiger in unserem Leben!

Die für uns schon abgenutzten und immer wieder gebetsmühlenartig in den Medien wiederholten  Wörter, Rechtsstaat, Demokratie, Bürgerrechte haben eine tiefe,  uns alle angehende  Bedeutung, nämlich daß in einem solchen Staat anständige Menschen wie wir hier sich nicht aus Angst so wie damals verbiegen müssen.

Jeder einzelne unter uns sollte sich öfters mal überlegen, was für ein Glück er hat, in einem solchen Staat zu leben.

Zum Schluß nochmals unser herzlicher Dank an alle Mitwirkenden und Teilnehmenden, Ihre Arbeit und Ihr Mitgefühl tragen jetzt Früchte und werden auch weiterhin Früchte tragen."

05/2007, Susanne Rohatsch

 

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Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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