Der "Judenladen" ist Teil der Stadtgeschichte

Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.05.2007:

Der "Judenladen" ist Teil der Stadtgeschichte
Tafel in Seestraße erinnert an Ausgrenzung und Vernichtung jüdischer Mitbürger

Nach 66 Jahren erinnert nun eine Tafel in der Seestraße 39 an den so genannten "Judenladen". Er war Zeugnis der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung während des NS-Regimes, und seine Geschichte verdeutlicht den gesellschaftlichen und bürokratischen Ablauf, der zur Vernichtung der europäischen Juden beitrug.

VON BARBARA CZIMMER-GAUSS

"Es war ein mehrstufiger Prozess, der bis 1941 keine beschlossene Sache war", sagt Roland Müller, der Leiter des Stadtarchivs, "aber Deportation und Vernichtung kann man nicht von der Gettoisierung trennen."

1933 trafen Juden in Stuttgart die ersten Berufsverbote, 1936 folgten Plünderungen, 1939 die Entmietung. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1939 legte die Sicherheitspolizei schließlich fest, dass Juden "besondere Geschäfte für den Ankauf von Lebensmitteln zugewiesen" werden müssten.

Treibende Kraft in Stuttgart war die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel und deren stellvertretender Geschäftsführer Willy Appelt, der im Herbst 1940 seine Tätigkeit in der Landeshauptstadt aufgenommen hatte. Zunächst fand er keine Mitstreiter, stattdessen zweifelte Oberbürgermeister Strölin in einem Brief an den NSDAP-Gauleiter Murr die Rechtmäßigkeit einer solchen Einrichtung an. Zuletzt aber beugte sich Strölin den Denunzianten, die sich über das ungebührliche Benehmen jüdischer Mitbürger in den Geschäften beschwerten; am 7. April öffnet der "Judenladen" in der ehemaligen Gaststätte Zum Kriegsberg.

Sonderverkaufsstellen gab es im ganzen Reich, doch in keiner anderen Stadt war die Weisung "so einschneidend" umgesetzt wie in Stuttgart: Das Geschäft in der Seestraße blieb das einzige fürs ganze Stadtgebiet, auch jüdische Mitbürger aus entlegenen Stadtbezirken mussten dort einkaufen. Den Weg konnten sie nur zu Fuß bewältigen: Ihre Fahrräder oder Autos waren konfisziert, Busse und Bahnen durften sie nicht mehr benutzen. Mit der Einführung des Judensterns im September 1941 waren sie im Stadtbild eindeutig zu identifizieren. Zuletzt verbot die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel ihren Mitgliedern, Juden zu bedienen. Wer dem zuwider handle, werde "mit Geschäftsschließung bestraft".

Dergestalt abhängig vom "Judenladen" fiel es dem arischen Geschäftsinhaber und NSDAP-Mitglied Emil Maier leicht, seine Kundschaft zu schikanieren. Zu den Rationierungen und Verkaufsverboten durch den Reichsminister kam, dass Maier bei der Zuteilung der Lebensmittel Willkür walten ließ und den Verkauf bestimmter Waren von der Abnahme anderer abhängig machte oder völlig überteuerte Preise verlangte. Gleichwohl drehten die Nazis in der Seestraße einen Propagandafilm, in dem mit überquellenden Vitrinen der falsche Eindruck erweckt wird, Juden seien bestens versorgt.

Als die Zahl der Kunden durch Deportationen und Zwangsevakuierung von 1600 jüdischen Bürgern zur Zeit der Geschäftseröffnung auf 840 im Januar 1942 geschrumpft war, drohte dem "Judenladen" ein Defizit von 5000 Reichsmark. In dem ihnen eigenen Zynismus forderten Appelt und Maier von der jüdischen Vertretung der Stadt, das Defizit auszugleichen. Ihr Ansinnen wurde vom Landgericht und vom Oberlandesgericht Stuttgart als Erpressung zurückgewiesen, Appelt schließlich zu acht Monaten, Maier zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Im Jahr 1944 wurde das Gebäude Seestraße von Bomben zerstört. Nun wirft am neuen Gebäude die Gedenktafel ein Schlaglicht auf die Verfolgungsmechanismen. "Vieles ist noch unausgesprochen", sagt Josef Klegraf vom Verein Geschichtswerkstatt und vom Initiativkreis Stolpersteine, "damit haben wir uns auseinander zu setzen." Auch Bürgermeister Klaus-Peter Murawski hielt eine flammende Gegenrede zu Martin Walser und plädierte bei der Enthüllung der Tafel dafür, "an das aus vielen Teilen der Gesellschaft erwachsene Grauen zu erinnern - das Verdrängen bereitet den Boden für Diskriminierung und Grausamkeit".

Aktualisiert: 05.05.2007, 06:16 Uhr

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