Familie Kahn, doppelt vernichtet

Wie viele Opfer des Holocaust haben Fanny Kahn und ihre drei Töchter das Schicksal doppelter Vernichtung erlitten. Die Nazis haben sie nicht nur des Lebens, sondern auch ihrer Biografie beraubt.

Fanny Kahn war die Witwe des 1932 gestorbenen Viehhändlers Simon Kahn, der auf dem Steigfriedhof begraben ist. Die beiden hatten einen Sohn, Hugo, und drei Töchter: Flora, Hermine und Hilde. Die Familie lebte lange Jahre im Haus Seelbergstraße 1. 1937 zieht Fanny Kahn zu Ihrer Tochter Hilde, die ihr Atelier für Damenmoden in die Charlottenstraße 36 verlegt hat. 1939 finden wir Mutter und Töchter in der Hölderlinstraße 58, 1940 in der Seestraße 89, wo eine "jüdische Fremdenherberge" ihr Unterschlupf ist. Im März 1942 wird Fanny Kahn in das jüdische "Altersheim" Dellmensingen zwangsevakuiert. Dort stirbt sie bereits am 5. Mai, sodass ihr wenigstens die Deportation nach Theresienstadt erspart bleibt.

Was aus dem 1882 geborenen Hugo Kahn geworden ist, wissen wir nicht, vielleicht ist er rechtzeitig ausgewandert. Flora, am 20. August 1883 in Ludwigsburg geboren, hat vermutlich lebenslang im elterlichen Haushalt gelebt. Es gibt eine Aktennotiz über die Besprechung der Vertrauensmänner der jüdischen Mittelstelle mit der Geheimen Staatspolizei im Hinblick auf den Transport am 01.12.41 nach Riga: "Hilde Kahn, Seestraße 89, scheidet aus, dafür tritt ein Flora Kahn, welche nun die Nummer 168 bekommt. Sofortige Nachricht, Listen ändern usw."  Das ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass die ältere Schwester in die Bresche sprang, um der jüngeren die Reise in eine ungewisse Zukunft zu ersparen. Von der am 13. September 1899 in Ludwigsburg geborenen Hermine wissen wir, dass sie Buchhalterin war und wie ihre Schwester Flora am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurde, wo sich beider Spuren verlieren. Am 21. Oktober 1893 hat Hilde Kahn das Licht der Welt erblickt, wie ihre Geschwister in Ludwigsburg. Die Schandschrift "Deutscher kaufe nicht beim Juden"  forderte 1935 zum Boykott ihres Ateliers für Damenmoden auf. 1943 war sie laut Judenliste nur noch "Heimarbeiterin". Sie wurde am 11. März 1942 nach Dellmensingen zwangsevakuiert und von dort am 26. April nach Izbica deportiert. Mehr ist über ihr Schicksal nicht bekannt.

Die Entschädigungakte einer Frau Kahn (geborene Kahn) enthält den Hinweis: "Betr.: Entschädigungssache Fanny Kahn geb. Kauffmann / Bezug: Dort. Schrb. vom 30.5.61  XI G 9113-3491-L735."  Der Hinweis führt ins Leere, aber schon einmal hat jemand bemerkt, dass in der Akte die Angelegenheiten von zwei Personen vermischt wurden. Ein beiliegendes Zettelchen fragt handschriftlich: "Fanny Kahn geb. Kauffmann geb. in Hochberg Krs. Waibling. ????."

Die Zeichnung auf Seite 1 verdanken wir © Matthias Lutzeyer, Stuttgart.

 

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Warum Stolpersteine?

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

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