Clara Hirsch, zu aufgeregt, um mehr zu schreiben!

Am 9. September 1942 starb die siebzigjährige Clara Hirsch in Theresienstadt, kaum drei Wochen nach ihrer Deportation. Noch im Oktober 1941 war sie voller Hoffnung gewesen, Deutschland verlassen zu können, um ihre Kinder in Amerika wiederzusehen. Damals schrieb sie in ihrer Cannstatter Wohnung, Seelbergstraße 16, obige Zeilen, die folgendermaßen lauten:

?Meine l. Kinder! Dieses ist heute der letzte Brief von hier d.h. wenn alles klappt. Ich bin beim Transportzug am 25. Okt. eingereiht u. wenn alles geht werde ich noch diese Woche abreisen. Gott sei hundertmal gedankt dass ich das Visa noch erhielt, sonst käme sicher nicht mehr mit. Was soll ich Euch schreiben ich bin überglücklich u. der l. Gott gab mir die Kraft alle Strapazen auszuhalten u. Euch m. l. Kinder wiederzusehen. Ich bin zu aufgeregt mehr zu schreiben, von Berlin erhaltet Ihr eine Karte
Herzl Gruß u. Küsse Mutter.?


Ob Clara Hirsch schon in Berlin oder noch in Stuttgart erfahren hat, dass ihre Ausreise unterbunden wurde, wissen wir nicht. Sicher ist, dass sie 6 570 RM dafür aufgewendet hat und für einen Transport ab Berlin am 25. Oktober eingeteilt war. Über Lissabon und Kuba hoffte sie ihre Tochter in Amerika zu erreichen. Zwei Koffer und eine 285 kg schwere Kiste hatte sie deshalb einer Spedition übergeben. Weitere zwei Koffer und eine Hutschachtel, als Passagiergepäck nach Berlin gelangt, wurden zurückbeordert. Clara Hirsch wurde unter Aufsicht der Gestapo gestellt und musste ihre Wohnung verlassen. Nach kurzem Aufenthalt in der jüdischen ?Pension Emanuel? (Hohenstaufenstraße 17a) wurde sie nach Dellmensingen zwangsevakuiert und am 22. August nach Theresienstadt deportiert (Transport XIII/1), wo sie am 9. September an Entkräftung starb.


Blättern wir zurück: Sally und Clara Hirsch betrieben seit dem späten 19. Jahrhundert ein Bekleidungsgeschäft in der Seelbergstraße, seit 1906 im eigenen Haus (Nr. 16). Greta Pick, Tochter des Konkurrenten Ernst Pick (Bahnhofstraße 4), hat die Firma Hirsch nach dem Krieg als das bedeutendste Herren- und Knabenkonfektionsgeschäft in Cannstatt bezeichnet. Sally und Clara Hirsch hatten zwei Kinder: Bertha (geb. 1897) und Hugo (geb. 1898).

1926 Am 1. Januar tritt Hugo Hirsch der Firma Sally Hirsch als Gesellschafter bei.


1935 Die Hetzschrift ?Deutscher kaufe nicht beim Juden!? ruft zum Boykott des Konfektionsgeschäfts in der Seelbergstraße auf.


1938 Firma und Haus der Hirschs werden im Juni ?arisiert?. - Hugo Hirsch bereitet seine Auswanderung vor und tritt am 30. Juni aus der Firma Sally Hirsch aus. - In der ?Reichskristallnacht? vom 9./10. November geht, von der Feuerwehr in Brand gesetzt, die Cannstatter Synagoge in Flammen auf.


1939 Seit 1. Januar muss Clara Hirsch den zusätzlichen Namen Sara tragen. Am 7. Mai stirbt Sally Hirsch knapp 80-jährig.
Am 31. Mai muss Clara Hirsch Gold- und Silberschmuck, Uhren und Tafelsilber bei der städtischen Pfandleihanstalt abliefern und erhält lediglich den Metallwert ersetzt. Am 13. Oktober bezahlt sie die fünfte Rate von insgesamt über 15 000 RM Judenvermögensabgabe. - Am 26. Oktober wandert Bertha Hirsch nach Amerika aus.
1940 Jenny Aron, eine Verwandte, zieht zu Clara Hirsch in die Seelbergstraße, ihr gelingt im folgenden Jahr die Auswanderung über Portugal in die Vereinigten Staaten.
1941 Clara Hirschs Hoffnung, über Lissabon und Kuba in die USA zu entkommen, wird zunichte. Vermutlich im Zuge der einsetzenden ?Endlösung? wird der Transport unterbunden, dem sie zugeteilt war. - Ab September müssen alle Juden den Judenstern tragen. - Gegen Ende des Jahres muss Clara Hirsch ihre Wohnung in der Seelbergstraße verlassen und in die jüdische ?Pension Emanuel?, Hohenstaufenstraße 17, ziehen.


1942 Ende Februar wird Clara Hirsch in das jüdische ?Altersheim? Dellmensingen zwangsevakuiert. Frau R.K., in der Seelbergstraße aufgewachsen und damals zehn Jahre alt, erinnert sich, dass Frau Hirsch über die Straße in die Flaschnerei ihrer Großeltern kam, um sich zu verabschieden. ?Eine kleine, dunkel gekleidete Dame mit ernstem Gesicht.? Frau RK erinnert sich auch, dass bei diesem Abschied das Wort Theresienstadt fiel. Am 22. August dorthin deportiert, stirbt Clara Hirsch bereits am 9. September.


Von 24 625 RM Zwangsabgabe für einen Heimeinkaufsvertrag (Theresienstadt!) werden von Clara Hirschs Konto 13 048,16 RM überwiesen, weil mehr nicht verfügbar ist. Ihr Konto wird am 10. November abgeschlossen, verbliebene 19 RM gehen an die Finanzkasse Ulm. Für Frau Hirschs Wertpapiere erlöste 11 311 RM werden an die Reichshauptkasse Berlin abgeführt.

Rainer Redies


Quellen und Literatur:
Staatsarchiv Ludwigsburg K 50 Bü 1718, EL 350 ES 22290 und ES/A 9178
Deutscher kaufe nicht beim Juden!, 53
Zelzer, Weg und Schicksal, 322

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