Erfreuliche Zwischenbilanz beim Koordinierungstreffen aller Stuttgarter Stolperstein-Initiativen

Mitte Mai fand im Alten Feuerwehrhaus in Heslach wieder ein Koordinierungstreffen aller Stuttgarter Stolperstein-Initiativen statt. Mittlerweile gibt es in Stuttgart insgesamt 11 Initiativen für die Filder- und die Neckarvororte, für die fünf Innenstadtbezirke sowie für Bad Cannstatt, Feuerbach, Vaihingen und Zuffenhausen. Außerdem recherchieren stadtteilübergreifende Arbeitsgemeinschaften die Schicksale von Behinderten (Euthanasie), Sinti und Roma, Homosexuellen und Zeugen Jehovas.

Das Treffen begann mit einem Rückblick: Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat am Freitag und Samstag, 28. und 29. April an 27 Stellen in Stuttgart 44 Stolpersteine verlegt. Insgesamt halten damit in Stuttgart bisher mehr als 160 Stolpersteine die Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus wach. Die Arbeit des Künstlers wurde diesmal dadurch erleichtert, dass ein Bautrupp an den Verlegorten die Löcher vorbohrte. Doris Neu (Fildervororte) und Gebhard Klehr (Mitte) haben an den beiden Tagen das Fahrzeug des Bautrupps begleitet, während Werner Schmidt (Süd) und erneut Frau Neu Gunter Demnig durch die Stadt lotsten und pünktlich zu den Verlegorten begleiteten, so dass die sorgfältig vorbereitete Verlegung planmäßig und ohne Verzögerungen durchgeführt werden konnte. Dafür wurde beim Koordinierungstreffen allen Beteiligten an der mit rund sieben Stunden täglich anstrengenden Aktion ausdrücklich gedankt.

Die begleitenden Veranstaltungen an den Verlegorten wurden von den einzelnen Initiativen selbst organisiert, was zu einer Vielfalt führte, die auch Herr Demnig erfreulich empfand. Ob ruhig mit nur wenigen Zuschauern oder ob mit einer Schulklasse, aus der heraus über den Menschen berichtet wurde, an den der Stolperstein erinnert: bei allen Verlegungen blieb eine würdige Atmosphäre erhalten. Eine besondere Note erhielten die Veranstaltungen, in die teilweise auch Musik einbezogen wurde, wenn wie in Nord, Mitte oder Bad Cannstatt Angehörige des Opfers und Freunde, teilweise eigens aus den USA zur Verlegung angereist, anwesend waren und mit ihren Erinnerungen einem Namen auf einem Stolperstein auf ganz besondere Weise ein Gesicht gaben.     

Stolpersteine in Stuttgart sind bisher vor allem für jüdische Mitbürger bisher verlegt worden, aber auch für politisch Verfolgte und Widerstand Leistende. In Bad Cannstatt wurden jetzt erstmals vier Steine für Sinti und Roma verlegt, genauer gesagt  für vier Sinti-Kinder, die durch die Stuttgarter Jugendwohlfahrtsbehörde, heute: Jugendamt, von ihren Eltern getrennt und in ein Heim, die St. Josefspflege in Mulfingen, eingewiesen worden waren. Sie wurden von dort zusammen mit anderen 35 Kindern nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. In den Stuttgarter Akten wurde dazu vermerkt: ?Verlegung von der Erziehungsanstalt St. Josefspflege nach Birkenau? und später ?Fürsorgeerziehung endet wegen Tod.? Bei der Verlegung war auch eine ehemalige Mitarbeiterin der Jugendwohlfahrtsbehörde dabei, die über die damalige Zeit berichtete. In der Cannstatter Stadtkirche fand am Abend der Verlegung auch eine Thema bezogene Andacht statt. Als Mitglieder der Initiative danach zu den Stolpersteinen für die vier Kinder kamen, waren diese mit brennenden Kerzen und Blumen geschmückt worden. Bei allen an der Verlegung Beteiligten rief dies ein Gefühl des Beschenktseins hervor, wie Stephan Janker berichtete.

Im Vorfeld der Verlegung hatten die Stuttgarter Tageszeitungen - auch in einzelnen Bezirksbeilagen - und das Stuttgarter Wochenblatt in verschiedenen Lokalausgaben über die Verlegung berichtet.  Die Cannstatter Zeitung widmete der Stolpersteinverlegung erfreulicherweise eine ganze Seite.

Nach der Verlegung ist vor der Verlegung: Gunter Demnig wird am Freitag und Samstag, 10. und 11. November 2006 wieder in Stuttgart Stolpersteine verlegen. Da die Zahl der möglichen Verlegorte an beiden Tagen begrenzt ist und mit Feuerbach und Zuffenhausen weitere Stadtbezirke erstmalig berücksichtigt werden sollten, mussten sich die Initiativen mit ihren Verlegungswünschen notwendigerweise beschränken, was im Einzelfall nicht immer leicht fiel.

Zur Verlegung im November wird auch eine begleitende Abendveranstaltung vorbereitet, welche verschiedene Facetten der Stolperstein-Arbeit aufzeigen soll. Verbunden damit wird die Vorstellung eines Buchs zu den Stuttgarter Stolpersteinen sein, das im Markstein-Verlag in Filderstadt erscheint. Unter der Federführung von Harald Stingele wird es über Gunter Demnig berichten, über die Stolpersteine und wie es zu ihrer Verlegung in Stuttgart kam. Vor allem aber werden durch verschiedene Autorinnen und Autoren verschiedenste Einzelschicksale beschrieben.

Während die jüdischen Mitbürger zumeist mit dem Namen einigermaßen dokumentiert sind, erweist sich die Recherche bei anderen Opfergruppen des Nationalsozialismus als deutlich schwieriger. So zeigen sich bei Homosexuellen und Zeugen Jehovas bisher praktisch noch keine Ergebnisse. Die stadtteilübergreifende Arbeitsgemeinschaft, die sich mit Euthanasieopfern beschäftigt, verfügt jetzt über eine Teilliste mit Namen von Opfern aus Stuttgart. Dabei sind sich alle bewusst, dass hier besonders vorsichtig mit Personendaten umgegangen werden muss. Und die stadtteilübergreifende Arbeitsgemeinschaft für die Sinti und Roma arbeitet auf einem Gebiet, das bisher in Stuttgart offiziell nicht existierte. Die gängige Meinung war, dass in Stuttgart keine Sinti und Roma wohnten. Doch so, wie die Deportation der Sinti und Roma in Köln Gunter Deming den Anstoß zu seinen Stolpersteinen gegeben hat, gaben die Stolpersteine in Stuttgart nun den Anstoß dafür, hier genauer zu forschen. Dabei stellte sich heraus, dass - einmal von den Mulfinger Kindern abgesehen - auch in Stuttgart Sinti und Roma gewohnt haben und von hier aus deportiert wurden. So fuhr beispielsweise am 15. März 1943 ein Deportationszug mit Sinti und Roma von Stuttgart nach Auschwitz.

Die Arbeit wird den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen also noch lange nicht ausgehen.

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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Stuttgarter
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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

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