Gunter Demnig wieder in Stuttgart
Stolperstein-Verlegung am 21. September 2020
für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung

Nachdem Gunter Demnig im Juli d.J. bereits 14 weitere Stolpersteine für Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung verlegt hat, führt sein Weg schon am Montag, den 21. September 2020 wieder nach Stuttgart. Gedenksteine für Opfer des NS-Regimes wird er an diesem Tag ab 12:00 Uhr in den Stadtteilen Rohr, Mitte, Ost, Nord und Cannstatt setzen.

12:00 Rohr            Thingstr. 16:
Emilie Zänglein, geborene Vetter, stammte wie ihr Ehemann Ernst aus dem Hohenlohekreis. Wann das Ehepaar nach Stuttgart zog ist nicht bekannt. Auch ist im Bürgerhospital Stuttgart keine Patientenakte von Emilie Zänglein vorhanden. Am 5. Juni 1930 wurde sie mit der Diagnose „Schizophrenie“ in die Heilanstalt Weissenau eingewiesen, die als so genannte Zwischenanstalt bei der „Aktion T4“ diente. Von dort wurde Emilie Zänglein am 10. Juni 1940 mit anderen Patienten in einem grauen Bus mit undurchsichtigen Fensterscheiben zu der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Alb transportiert und am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet – wie über 10.000 weitere Kranke und Behinderte allein im Jahr 1940.

12:40 S-Mitte        Stafflenbergstr. 24:
Hier wohnte das Ehepaar Fritz und Helene Rothschild mit ihrem Sohn Hans Erich. Von den Nazis wurde die Familie verfolgt, weil sie Juden waren. 1939 gelang ihnen die Flucht nach Frankreich, wo sie im Mai 1940 als deutsche Staatsangehörige in Gurs interniert wurden. Sohn Hans Erich ging in die Fremdenlegion, woraufhin Vater Fritz aus dem Lager entlassen wurde; Mutter Helene konnte nach dem Einmarsch der Wehrmacht fliehen. Die Eheleute lebten danach in Paris im Untergrund, wurden aber 1944 von den Deutschen aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert, wo Vater Fritz im Mai 1944 ermordet wurde. Mutter Helene wurde am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit; sie starb 1983 in London. Zur Stolperstein-Verlegung werden auch teils hochbetagte Angehörige/Nachkommen anreisen.

13:00 S-Ost        Heidehofstr. 9:
Betty Schmal, geborene Oberdorfer, wurde am 24. Juni 1874 in Plaumloch geboren. Am 19. Oktober 1896 heiratete sie Julius Schmal, einen Metzger und Viehhändler aus Laupheim und zog dorthin. Zwischen 1936 und 1938 zogen Betty und Julius nach Stuttgart und wohnten offenbar im Jüdischen Altersheim in der Heidehofstr. 9 (Julius war schon in den Siebzigern). Julius starb am 11. November 1938, zwei Tage nach der Pogromnacht. Betty blieb in der Heidehofstr. 9, das 1939 zu einem Zwangsaltersheim wurde, bis sie nach Schloss Eschenau transportiert wurde, einem anderen Zwangsaltersheim. Am 7. Januar 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 30. September 1943 starb.

13:30 S-Mitte        Christophstr. 43:
Der Name Hans Jeremias, Jahrgang 1884, ist auf dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus auf dem Feuerbacher Friedhof verzeichnet. Er war verheiratet und hatte 3 Kinder. Als er in den 1930er Jahren vergeblich auf Arbeitssuche war, sollte er, der Kunstmaler, zu Arbeiten im Straßenbau gezwungen werden. Als er sich weigerte und das Hitlerregime als Terror bezeichnete, wurde er nach ein paar Tagen "abgeholt". Jeremias galt als „Asozialer“ und bekam den sogenannten "schwarzen Winkel" verpasst. Man brauchte solche Leute zum Aufbau der Lager in Dachau und Buchenwald. Sie mussten Erdarbeiten verrichten, und zwar so lange, bis sie nicht mehr konnten oder kaputt gingen, wie ein Mithäftling berichtete. Nach 5 Monaten erfährt seine Frau, dass er im KZ Buchenwald sei. Im April 1940 kommt er todkrank nach Hause und ist bis zu seinem Tod in ärztlicher Behandlung. Nach zwei Jahren, am 22. April 1942, stirbt er an den Folgen der KZ-Arbeit. Das Versorgungsamt Stuttgart erkennt im Januar 1947 an, dass es einen ursächlichen Zusammenhang der Lungentuberkulose mit den Schädigungen während des KZ–Aufenthaltes gibt.

14:00 S-Nord        Lessingstr. 10:
Dieses Haus steht für das unendliche Leid, das drei Generationen von Menschen durch Nazi-Deutschland zugefügt wurde. Emilie Stern und ihren zwei Kindern gelang zwar in den 1930er Jahren noch die Flucht aus Stuttgart. Doch nur der Sohn Walter wurde in der Emigration in England sesshaft. Emilie Stern hat den Aufenthalt in der Fremde und den Verlust von Heimat und Familie nicht überlebt. Die Tochter Edith Katz nahm sich in der Emigration in den USA das Leben. Ihr behinderter Sohn Erich wurde 1942 über Izbica nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Ihr jüngerer Sohn Werner, dem ebenfalls noch die Flucht in die USA gelungen war, nahm sich kurz nach dem Krieg das Leben.

14:30 Cannstatt    Neckartalstr. 103:
Rosa Dreher, geborene Hamann, Jahrgang 1879, wurde 1939 in die Heilanstalt Zwiefalten eingewiesen, am 13. August 1940 nach Grafeneck „verlegt“ und im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet.

14:50 Cannstatt    Schmidener Str. 108:
Hugo Scheib, Jahrgang 1880, war schon seit 1922 in der Heilanstalt Winnental, von wo er dann am 23. Juli 1940 nach Grafeneck gebracht und noch am selben Tag im Gas erstickt wurde.

Da Gunter Demnig an diesem Tag morgens zunächst in Münsingen-Buttenhausen Stolpersteine verlegt, können der Beginn um 12:00 Uhr und damit auch alle folgenden Zeiten variieren. Die Uhrzeiten geben an, wann der Künstler am jeweiligen Verlegungsort voraussichtlich eintrifft. Generell wird empfohlen, sich möglichst frühzeitig vor Ort einzufinden und die Mitteilungen der Stadtteil-Initiativen zu beachten.

Wegen der nach wie vor bestehenden Ausnahmesituation werden die Gedenkveranstaltungen ohne Stühle als reine Stehveranstaltungen organisiert. Die geltenden Regeln gegen die Ausbreitung des Corona-Virus sind strikt einzuhalten: 10 bis max. 20 Teilnehmer*innen, Atemschutzmaske bzw. Mund-Nase-Bedeckung, Abstand von mindestens 1,5 Metern zwischen den Personen! Über Änderungen im Verlauf der Verlegungen informieren wir unter http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=1076

Stolpersteine für Stuttgart am 21. September 2020 (Uhrzeit~Steinverlegung):

12:00 Rohr Thingstr. 16 1 Stein für EMILIE ZÄNGLEIN
12:40 S-Mitte Stafflenbergstr. 24 3 Steine für FRITZ, HELENE und HANS ERICH ROTHSCHILD
13:00 S-Ost Heidehofstr. 9 1 Stein für BETTY SCHMAL
13:30 S-Mitte Christophstr. 43 1 Stein für HANS JEREMIAS
14:00 S-Nord Lessingstr. 10 5 Steine für EMILIE und DR. WALTER LEOPOLD STERN, sowie EDITH, ERICH und WERNER KATZ
14:30 Cannstatt Neckartalstr. 103 1 Stein für ROSA DREHER
14:50 Cannstatt Schmidener Str. 108 1 Stein für HUGO SCHEIB

PS.: Die ursprünglich in der Schloßstr. 104 (S-West) vorgesehene Verlegung kann wegen einer Baustelle nicht stattfinden und muss auf das nächste Jahr verschoben werden! Die Verlegung in der Christophstr. 43 wird von der Stolperstein-Initiative Feuerbach organisiert!

Ausführliche Informationen zu den Opfern und den Verlegungen erhalten Sie bei den beteiligten Stadtteil-Initiativen, die auch ehrenamtlich die Schicksale der Opfer erforscht haben. Alle Stuttgarter Stolperstein-Initiativen freuen sich über Ihre Unterstützung, beispielsweise bei der Erforschung der Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus oder der Pflege bereits verlegter Stolpersteine.

Den aktuellen Plan für die Verlegung am 21. September 2020 (Stand Ende August 2020) gibt es hier zum Ausdrucken

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

Mehr lesen...

in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

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Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter