Interessanter Stadtspaziergang der VHS zu Stolpersteinen und dem Lager Schlotwiese

SchlotwieseIn Kooperation mit der Zukunftswerkstatt e.V. und der Stolpersteininitiative Zuffenhausen bot die Volkshochschule am Samstag, dem 26. Oktober 19, einen Stadtspaziergang rund um den Stadtwald zu Stolpersteinen und dem Lager Schlotwiese ein. Bei schönem Wetter kamen 19 Teilnehmer, die eine lebendige Führung mit Herrn Meyle sowie Frau und Herrn Möller erlebten.
Herr Möller erklärte zu Anfang, warum seine Frau und er sich seit fast 20 Jahren mit der NS-Zeit in Zuffenhausen befassen. Zum einen sei vieles davon vergessen gewesen. Bis heute würden sie mühsam forschen und auf immer neue Erkenntnisse stoßen. Zum zweiten wollten sie damit vor neuem Rassismus und Hass warnen. Zum dritten würde durch die Stolpersteine Geschichte vor allem für Jugendliche konkret und fassbar werden, was mit nackten Zahlen oft nicht erklärbar würde.
Frau Möller berichtete über den Anfang der Verlegung von Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig. Inzwischen liegen über 70.000 Stolpersteine in 21 Ländern Europas.
Anschließend ging es in die Franklinstr.6, wo Max Böhm, der jüdischen Glaubens war, lebte und ein Textilgeschäft betrieb. 1933 entdeckte seine Frau, die zuvor 30 Jahre mit ihm verheiratet war, „dass sie unmöglich mit einem Juden zusammenleben kann“ und ließ sich scheiden. Das Haus wurde verkauft. Max Böhm wurde aus Zuffenhausen vertrieben, lebte in mehreren sogenannten „Judenhäusern“, in denen Deutsche jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. Von dort aus wurde er im August 1942 nach Theresienstadt deprotiert und kurz darauf in Treblinka ermordet.
Um die Ecke wohnte in der Galvanistr.15 Pauline Schneider in ihrem Haus. Dieses verkaufte sie wegen der beständigen Judenabgaben 1938 an einen befreundeten Nachbarn, der sie entgegen den Bestimmungen weiter im Haus wohnen ließ. Im April wurde sie nach Izbica deportiert und ermordet.
Die Gruppe ging an der Franklinstr.24 vorbei, wo am 4. November 2019 um 9 Uhr Stolpersteine für die Familie Feigenbaum verlegt werden. Inge Möller berichtete kurz über das Schicksal der Familie und lud zu der Verlegung ein.
Bei der nächsten Station, dem Horkheimer Haus, berichtete Herr Meyle ausführlich über das Leben der Familie von Moritz Horkheimer, der in Zuffenhausen eine große Kunstbaumwollfabrik errichtete – ein eindrucksvolles Jugendstilgebäude. Auch wenn die Familie nicht hier wohnte, war Moritz Horkheimer eng mit Zuffenhausen verbunden. Beim 1. Weltkrieg kümmerte er sich um verwundete Heimkehrer. Wegen seiner vielen Verdienste um die Gemeinde erhielt er 1918 die Ehrenbürgerschaft. Sein Sohn, der berühmte Sozialwissenschaftler Max Horkheimer, wollte die Fabrik, die er als ausbeuterisch betrachtete, nicht übernehmen, sodass sie verkauft wurde.
Inge Möller berichtete, wie Max Horkheimer bereits 1933 mit seinem Institut nach Genf emigrierte und von da 1939 in die USA. Seinen Eltern fiel es sehr schwer Stuttgart und Deutschland, ihre Heimat, zu verlassen. Ihnen gelang die Flucht in die Schweiz erst im allerletzten Moment 1939.
Weiter ging es in die Marconistr.23. Diethard Möller berichtete über das Schicksal von EugenWiedmaier, der 1900 in Zuffenhausen geboren wurde, 1919 der KPD beitrat und bis 1932 als kaufmännischer Angestellter arbeitete. Als Funktionär der KPD ging er 1933 in die Illegalität und bemühte sich an verschiedenen Stellen um die Wiederherstellung der Parteistrukturen. 1934 wurde er in Mannheim verhaftet und zu 12 Jahren 6 Monaten Zuchthaus verurteilt. Im März 1940 wurde er im Zuchthaus Ludwigsburg „erhängt“ mit einer großen Wunde am Kopf an der Türklinke seiner Zelle gefunden. Es wurde als „Selbstmord“ ausgegeben.
Letzte Station war die Schlotwiese, wo Inge Möller über das Schicksal der Zwangsarbeiter berichtete. Auf der Schlotwiese war das größte Zwangsarbeiterlager in Stuttgart. Es wurde von der Firma Hirth-Motoren, später Heinkel-Flugzeugmotoren, und der Stadt Stuttgart errichtet und betrieben. Zuffenhausen galt als Zentrum der Zwangsarbeit in Stuttgart. Viele Zwangsarbeiter starben durch die Arbeit, die schlechte Ernährung und durch Luftangriffe, bei denen sie nicht in die Bunker durften. Für sechs Zwangsarbeiter aus Zuffenhausen, die in Welzheim erhängt wurden, liegen dort Stolpersteine.
Herr Meyle berichtete dann über die Nachkriegsgeschichte. Zunächst wurde das Lager genutzt, um ehemalige Zwangsarbeiter zu sammeln und in ihre Heimat zurückzuführen. Nach deren Rückführung sollte das Gelände an die Vereine zurückgegeben werden. Das klappte jedoch nicht, weil tausende Flüchtlinge von deutschen Minderheiten aus Balkan-Ländern untergebracht werden mussten. Da diese Anfangs auf eine Rückkehr hofften und von der Einheimischen oft nicht gern gesehen waren, gelang die Integration nur allmählich. Das letzte Gebäude des Lagers konnte erst 1967 abgerissen werden, nachdem die Menschen ein neues Zuhause hauptsächlich in Stuttgart-Rot  gefunden hatten. Eine Teilnehmerin erinnerte sich daran, wie sie dort trotz der Armut und der schrecklichen Wohnsituation eine glückliche Kindheit hatte.

Text: Inge Möller

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

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Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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Das
Stuttgarter
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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

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