In Zeiten der Corona-Pandemie: "Stille Verlegung" von Stolpersteinen am 9. Juli 2020 in Stuttgart für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung

Am Donnerstag dem 9. Juli 2020 wird der Kölner Künstler Gunter Demnig (72) in Stuttgart 14 weitere Stolpersteine verlegen. Damit erinnern die Stuttgarter Stadtteil-Initiativen an die Verfolgung jüdischer Mitbürger, an die Ermordung kranker und behinderter Menschen und erstmals an das Leid eines Wanderarbeiters unter dem Nationalsozialismus.

9:00 Uhr, S-Möhringen   Oberdorfstr. 12:
Gertrud Däuble, Tochter des Möhringer Pfarrers, zeigte als junge Frau plötzlich Symptome einer psychischen Erkrankung. Ab 1926 kam sie in verschiedene Kliniken, zuletzt in die staatliche Heilanstalt Winnental. Von dort wurde sie am 30. Juni 1940 zusammen mit anderen Patienten in die „Landesheilanstalt“ Grafeneck gebracht, um in der Gaskammer getötet zu werden – wie über 10.000 weitere Kranke allein im Jahr 1940.

9:30 Uhr, S-Degerloch   Löwenstr. 102:
Luise Mehmke, Jahrgang 1886, lebte bei ihren Eltern und hatte gerade die Ausbildung zur Gymnasiallehrerin abgeschlossen, als die 26-jährige seelisch erkrankte. Ab Frühjahr 1912 verbrachte sie ihr Leben in mehreren Heilanstalten. Am 4. Juni 1940 wurde auch sie in Grafeneck ermordet.

10:00 Uhr, S-Süd   Gebelsbergstr. 84:
Der Teppichhandel von Avram Behar gehörte zu den ersten jüdischen Geschäften, die schon Anfang April 1933 von den Nazis boykottiert wurden. Von seiner Inhaftierung Ende 1938 in Dachau hat er sich nicht mehr erholt und starb im September 1944. Seine Ehefrau Anna war wegen ihrer nichtjüdischen Abstammung nicht unmittelbar bedroht. Doch die Töchter galten als Jüdinnen: Victoria gelang 1938 mit ihrem Mann die Ausreise nach Chile. Die jüngere Eleonore überlebte nur knapp die Deportation nach Theresienstadt. Zusammen mit ihrer Mutter emigrierte sie 1947 nach Chile.

10:25 Uhr, S-Süd   Tübinger Str. 111:
Hermann Fischer, der mit seinen Eltern am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen wurde, erhielt vom Stuttgarter Polizeipräsidenten am 16. Dezember 1938 die Erlaubnis zur „vorübergehenden Rückkehr“, um seine Ausreise bewerkstelligen zu können. 1939 gelang ihm die Flucht in die USA! Für ihn soll am 9. Juli 2020 dort ein Stolperstein verlegt werden, wo seit 2009 bereits zwei Steine an seine Eltern erinnern, die 1942 im Ghetto von Krakau erschossen wurden.

10:50 Uhr, S-Süd   Neue Weinsteige 1:
Julius Wissmann war bis 1939 Oberrechnungsrat und Geschäftsführer der Württembergischen Israelitischen Gemeinde. In dieser Funktion führte er u.a. die Visaverhandlungen für die Flucht von Juden in die USA mit dem damaligen amerikanischen Konsulat in Stuttgart. Er organisierte auch die Transporte jüdischer Kinder nach England sowie weitere Aktionen, die das Leben zahlreicher Stuttgarter und württembergischer Juden retten konnten. In der Pogromnacht des Jahres 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und im Polizeigefängnis in der Büchsenstraße, der berüchtigten "Büchsenschmiere", festgehalten. Nur knapp entging er der Deportation nach Dachau. Auch nach seiner Entlassung aus der Gestapohaft arbeitete er unermüdlich für die Rettung weiterer Juden. Im April 1939 glückte ihm, seiner Frau Klärle und den beiden Söhnen Kurt und Ernst die Flucht nach Brasilien.

11:20 Uhr, S-Ost   Strombergstr. 20:
Günther Rüdenauer wurde am 8. November 1937 in Stuttgart-Ost geboren. Am 27. Juli 1944 wurde er in die „Kinderfachabteilung“ Eichberg in Hessen aufgenommen, die für die württembergischen Gesundheitsbehörden viele behinderte Kinder heimlich tötete. „Hirnleistungsschwäche, Durchfall, Herz- und Kreislaufschwäche“ gab die Klinik als Ursache seines Todes am 30. September 1944 an.

12:00 Uhr, S-Feuerbach   Weilimdorfer Str. 8:
Max Richter, Jahrgang 1892, war zur Arbeitssuche auf Wanderschaft. Ab 1937 musste er in einem „Wanderhof“ Zwangsarbeit leisten. 1938 kam er ins Konzentrationslager Dachau. Am 28. Januar 1939 wurde er dort ermordet.

12:15 Uhr, S-Feuerbach   Gustav-Klein-Straße 4:
Jürgen Meissner, geboren am 9. Juli 1939, hatte ein Down-Syndrom. Das Gesundheitsamt Stuttgart schickte ihn deshalb am 29. Oktober 1941 zur Tötung in die „Kinderfachabteilung“ Eichberg (Hessen). Am 10. Dezember 1941 wurde er ermordet. Er durfte nur 2 1/2 Jahre leben. Am 9. Juli 2020, seinem Geburtstag, wird in Anwesenheit eines Bruders, der mit seiner Frau aus Mannheim anreisen wird, ein Stolperstein zu seinem Gedenken und zu unser aller Mahnung verlegt.

Die ursprünglich vorgesehenen Verlegungen in S-Mitte für die Familie Rothschild und in S-Ost für Brigitte Köppe wurden auf den 21. September 2020 bzw. einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Die Uhrzeiten geben an, wann der Künstler Gunter Demnig voraussichtlich am Verlegungsort eintrifft. Generell wird empfohlen, sich möglichst frühzeitig vor Ort einzufinden und die Mitteilungen der Stadtteilinitiativen zu beachten.

Wegen der aktuellen Ausnahmesituation werden die Gedenkveranstaltungen als „stille Verlegungen“ (im kleinen Kreis, ohne Stühle als reine Stehveranstaltungen) organisiert. Die geltenden Regeln gegen die Ausbreitung des Corona-Virus sind strikt einzuhalten: 10 bis max. 20 Teilnehmer*innen, Atemschutzmaske bzw. Mund-Nase-Bedeckung, Abstand von mindestens 1,5 Metern zwischen den Personen! Über etwaige Änderungen im Verlauf der Verlegungen informieren wir unter www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=1045

 

Stolpersteine für Stuttgart am Donnerstag, den 9. Juli 2020 (Uhrzeit~Steinverlegung):

9:00 Möhringen Oberdorfstr. 12 1 Stein für GERTRUD DÄUBLE
9:30 Degerloch Löwenstr. 102 1 Stein für LUISE MEHMKE
10:00 S-Süd Gebelsbergstr. 84 4 Steine für AVRAM, ANNA, VICTORIA und ELEONORE BEHAR
10:25 S-Süd Tübinger Str. 111 1 Stein für HERMANN FISCHER
10:50 S-Süd Neue Weinsteige 1 4 Steine für JULIUS, KLÄRLE, KURT und ERNST WISSMANN
11:20 S-Ost Strombergstr. 20 1 Stein für GÜNTHER RÜDENAUER
12:00 Feuerbach Weilimdorfer Str. 8 1 Stein für MAX RICHTER
12:15 Feuerbach Gustav-Klein-Str. 4 1 Stein für JÜRGEN MEISSNER

          

Ausführliche Informationen zu den Opfern und den Verlegungen erhalten Sie bei den beteiligten Stadtteil-Initiativen, die auch ehrenamtlich die Schicksale der Opfer erforscht haben. Alle Stuttgarter Stolperstein-Initiativen freuen sich über Ihre Unterstützung, beispielsweise bei der Erforschung der Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus oder der Pflege bereits verlegter Stolpersteine.

Den aktuellen Plan für die Verlegung am 9. Juli 2020 (Stand vom 25.06.2020) gibt es hier zum Ausdrucken

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

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Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

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