Stolperstein-Verlegung am 4. November 2019 in Stuttgart für Opfer von Rassenwahn, Krankenmord und Denunziation

Das knapp gescheiterte Attentat auf die Synagoge von Halle führt eine Gemeinsamkeit alter und neuer Nazis vor Augen: die Bereitschaft, zu vernichten, wen sie verachten. Stolpersteine erinnern daran, was unserem Land drohen kann, sollten diese Leute an die Macht kommen. Am Montag, dem 4. November 2019 wird der Künstler Gunter Demnig in Stuttgart 12 weitere Stolpersteine verlegen.

09:00 Uhr, Zuffenhausen  Franklinstraße 24
Hier werden vier Stolpersteine an den jüdischen Altstoff-Händler Emil Feigenbaum, seine Frau Klara und die Kinder Kurt und Werner erinnern. Nach dem erzwungenen Verkauf von Betrieb und Wohnung gelang ihnen im Herbst 1938 die Flucht nach Belgien. Doch nach dem deutschen Einmarsch schoben die belgischen Behörden Emil und Kurt nach Frankreich ab. Emil starb bei einem deutschen Luftangriff auf den Deportationszug. Kurt wurde in mehrere Arbeitslager in Frankreich und schließlich nach Auschwitz gebracht. Er überlebte den Todesmarsch Richtung Buchenwald, wo er im April 1945 befreit wurde. Klara und Werner waren bis zu ihrer Befreiung in einem belgischen KZ eingesperrt und entgingen nur knapp der Deportation nach Auschwitz.

„Kindereuthanasie“
Vor 80 Jahren verpflichteten die Behörden Hebammen, Ärzte und Kliniken zur Meldung kranker und behinderter Kinder. Den Eltern machten sie Hoffnung, die Krankheit ihres Kindes könne in einer „Kinderfachabteilung“ erfolgreich behandelt werden. In Wirklichkeit wurden die Kinder meist schon kurz nach ihrer Einweisung getötet. Von 1939 bis 1945 wurden im deutschen Reich etwa 5.000 Kinder ermordet.
In Feuerbach und Stuttgart-Nord werden Stolpersteine an drei Babies erinnern, die im Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße umgebracht wurden. Mit nach ihrer Auffassung „lebensunwertem Leben“ hielten die Ärzte sich nicht lange auf.

09:30 Uhr, Feuerbach  Feuerbacher Weg 203
Günter Granitzer kam am 10. Juli 1943 zur Welt. Am 10. Oktober, bereits einen Tag nach seiner Einweisung in die „Kinderfachabteilung“, war er tot.

09:45 Uhr, Feuerbach  Alte Steige 5
Hartmut Kömpf durfte nur vom 6. bis 24. Mai 1944 leben. Vier Tage vor seiner Geburt war sein Vater in einem Lazarett in Lemberg (heutige Westukraine) gestorben. 

10:10 Uhr, Stuttgart-Nord  Rebhalde 29
Eva Eckert wurde am 17.Dezember 1944, noch im Jahr ihrer Geburt und fast in Sichtweite der elterlichen Wohnung umgebracht. Als Todesursache gab das Krankenhaus „Mongolismus“ an, obwohl diese Behinderung nicht zum Tode führt. Im Sinne der NS-Medizin lieferte sie jedoch das Mordmotiv.

10:35 Uhr, Stuttgart-Nord  Seestraße 95
Elsa Kulb wohnte mit ihrer erwachsenen Tochter Rosa von 1936 bis 1940 in der Seestraße 95. Als 1939 das „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ in Kraft trat, durften Juden nur noch in Wohnungen jüdischer Vermieter wohnen. Elsa und Rosa Kulb mussten ihre Wohnung in der Seestraße verlassen. Sie fanden eine Unterkunft in der Hauptmannsreute 17. Im November 1941 bereiteten die Nationalsozialisten in Stuttgart die erste von drei Juden-Deportationen vor. In der Nacht zum 1. Dezember 1941 marschierten die beiden Frauen zusammen mit weiteren 1013 Personen in bitterer Kälte vom Sammellager am Killesberg zum Inneren Nordbahnhof. Von dort aus fuhr der Deportationszug in das Ghetto Riga in Lettland. Am 26. März 1942 wurden Elsa und Rosa Kulb bei einer Massenerschießung im Wald von Bikernieki (Birkenwäldchen) ermordet.

11:00 Uhr, Stuttgart-West  Klugestraße 34
Von Erich Buchin wusste man, dass er kein Freund der Nazis war. Zum Verhängnis wurde ihm jedoch, dass er 1943 gegenüber Unbekannten Zweifel am deutschen Sieg äußerte. Sein Gegenüber diente das Gehörte der Gestapo an. Die sperrte Erich Buchin zwei Wochen ein und verhörte ihn. Danach wurde er nach Berlin gebracht, vor dem Volksgerichtshof wegen „defaitistischer Reden“ angeklagt und in einem sehr kurzen Prozess zum Tode verurteilt. Am Abend des folgenden Tages wurde er erhängt.

11:30 Uhr, Stuttgart-Ost  Wagenburgstraße 142
Ein Arbeitskollege denunzierte Heinrich Ott wegen antifaschistischer Aktivitäten. Die Gestapo verhörte ihn am 25. Juni 1942 im Stuttgarter Polizeigefängnis in der Dorotheenstraße. Dieses „Verhör“ begann um acht Uhr. Heinrich Ott hat es nicht überlebt. Seiner Frau teilte man um die Mittagszeit mit, dass ihr Mann „verstorben“ sei.

11:50 Uhr, Stuttgart-Ost  Heinrich-Baumann-Straße 25 B (am Spielplatz)
Klara Leucht war eine mehrfach behinderte Jugendliche, die intensiver Pflege bedurfte. Die 17-jährige wurde 1941 vom Stuttgarter Gesundheitsamt in die „Kinderfachabteilung“ der Landesheilanstalt Eichberg in Hessen eingewiesen und war bereits wenige Tage später tot. Das Gesundheitsamt handelte in behördlichem Übereifer: bis 1941 mussten „nur“ behinderte Kinder bis zum Alter von drei Jahren gemeldet werden. Ab 1942 wurde die Meldegrenze zwar heraufgesetzt – aber auf 16 Jahre! 

Ausführliche Informationen zu den Opfern und den Verlegungen erhalten Sie bei den beteiligten Stadtteil-Initiativen, die auch ehrenamtlich die Schicksale der Opfer erforscht haben. Im angefügten Verlegungsplan finden Sie die vorgesehenen Zeiten für die einzelnen Steinverlegungen. Das Rahmenprogramm zu einer Verlegung kann auch schon vor der angegebenen Uhrzeit beginnen. Wer nichts versäumen will, sollte sich deshalb ca. 10-20 Minuten vor der angegebenen Uhrzeit am Verlegungsort einfinden! Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an diesen Gedenkveranstaltungen in der Regel jeweils nur kurz teilnehmen.

Stolpersteine für Stuttgart am Montag, den 4. November 2019 (Uhrzeit~Steinverlegung):

9:00 Zuffenhausen Franklinstr. 24 4 Steine für EMIL, KLARA, KURT und WERNER FEIGENBAUM
9:30 Feuerbach  Feuerbacher Weg 203 1 Stein für GÜNTER GRANITZER
9:45 Feuerbach  Alte Steige 5 1 Stein für HARTMUT KÖMPF
10:10 S-Nord Rebhalde 29 1 Stein für EVA ECKERT
10:35 S-Nord Seestr. 95 2 Steine für ELSA und ROSA KULB
11:00 S-West Klugestr. 34 1 Stein für ERICH BUCHIN
11:30 S-Ost Wagenburgstr. 142 1 Stein für HEINRICH OTT
11:50 S-Ost Heinrich-Baumann-Str. gegenüber Haus Nr. 25 B 1 Stein für KLARA LEUCHT
    (Die ursprüngliche Adresse Sickstr. 8 existiert nicht mehr!)  

          

Die Uhrzeiten geben an, wann der Künstler Gunter Demnig am jeweiligen Verlegungsort voraussichtlich eintrifft (Verschiebungen lassen sich nicht ausschließen!), die Rahmenveranstaltungen zu den einzelnen Verlegungen beginnen in der Regel bereits 10-20 Minuten vor den angegebenen Zeiten (Mitteilungen der Stadtteilinitiativen beachten!). Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig vor Ort einfinden! Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an diesen Gedenkveranstaltungen in der Regel jeweils nur kurz teilnehmen!

Ausführliche Informationen zu den Opfern und den Verlegungen erhalten Sie bei den beteiligten Stadtteil-Initiativen, die auch ehrenamtlich die Schicksale der Opfer erforscht haben. Alle Stuttgarter Stolperstein-Initiativen freuen sich über Ihre Unterstützung, beispielsweise bei der Erforschung der Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus oder der Pflege bereits verlegter Stolpersteine.

Den aktuellen Plan für die Verlegung am 4. November 2019 gibt es hier zum Ausdrucken

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

Unerwünscht

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Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

 Info und Bestellung

Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter