Post von Steven Henle aus Montreal

Steven Henle schreibt in seiner E-Mail:

„Ich glaube, das Ende der Geschichte von Max und Mathilde Henle sollte auf der Website noch ergänzt werden.
Beide Kinder von Max und Mathilde haben überlebt. Werner Henle zog noch vor dem Krieg in die USA. Er hatte zwei Töchter und vier Enkelkinder, die alle in den USA leben.
Hans (Jean) Henle, seine Frau Laure, Baby Claude sowie Hans' Schwiegermutter, Meta Weiler, machten sich von Aulus-les-Bains in Frankreich auf den Weg nach Lissabon. An Bord des Schiffes Serpa Pinto gelangten sie nach Canada.
Claude Henle hat vier Kinder und zwölf Enkelkinder.

Und hier die Geschichte, wie meiner Familie die Flucht von Frankreich nach Spanien gelang mit Hilfe von Jeanne Rogalle, ihrem Vater und ihrem zukünftigen Mann.“

Flucht von Hans Henle und seiner Familie

Ab 1941 wurde Aulus-les-Bains und Umgebung [heute région occitane] als Wohnort für Juden ausgewählt. Aulus-les-Bains war vor dem Krieg ein florierendes Thermalbad.
Zwischen 1942-1943 wurden Aulus-les-Bains 686 jüdische Männer, Frauen und Kinder zugewiesen. Sie wurden sowohl in leerstehenden Hotels als auch in Privatquartieren untergebracht.
Einigen von ihnen gelang es, die nahegelegene Grenze nach Spanien zu überqueren, nach einem gefährlichen Marsch durch das Gebirge. Allerdings wurden einige Dutzend dabei erwischt und ins Lager von Vernet [Internierungslager] gebracht.

In der Nacht des 26. August 1942 fand eine Razzia statt. Etwa 200 Personen wurden festgenommen und zunächst ins Lager von Vernet gebracht, bevor sie dann nach Auschwitz weitertransportiert wurden.

Am 11. November 1942 besetzte die deutsche Armee die gesamte Südzone Frankreichs und erreichte bald Aulus-les-Bains. Im Hotel Majestic richteten die Soldaten ihr Quartier ein.
Vom 9.-11. Januar 1943 findet eine zweite Razzia statt, 243 jüdische Menschen werden festgenommen.

In Aulus-les-Bains wohnt die Familie Acougau. Sie kennt sich im Gebirge gut aus. Und Jean-Pierre Acogouau verhilft zahlreichen Menschen zur Flucht nach Spanien.
Am 29. November 1942 führt Jean-Pierre Acogouau zwei holländische Juden nach Tabescan an der spanischen Grenze. Er kehrt nach Aulus-les-Bains zurück mit einem Brief, den er einem Mann überreicht.
Am 3. Dezember fragt ihn besagter Mann, ob er es übernehmen wolle, neun Menschen zur Grenze zu begleiten: fünf Männer, drei Frauen und einen zwölfjährigen Jungen: Gerbit, Dora und Marcel van Geuns, Philip Meljado und seinen Sohn Joseph, Elias Zomerplaag, Szyka, Hena Moskowicz und Abraham Schilanski.
Er willigt ein. Seine Tochter Jeanne, 21 Jahre alt, wird ihn begleiten.

Treffpunkt ist die Scheune, rue du Moulin, in der Nähe von Jean-Pierre und Jeanne Acgouaus Haus, am 5. Dezember 1942 um 3 Uhr morgens. Nachdem sich Jean-Pierre davon überzeugt hat, dass die neun Personen gute Schuhe und warme Kleidung trugen und nicht zu viel Gepäck dabei hatten, ist er bereit, sie zu führen.
Sie brechen schweigend auf, vorbei am Kreuz du Ruisseau, der Brücke am Riou, dem Weiler Artigou und steigen auf, sie steigen und steigen. Zum Glück gibt es, nach einem milden Herbst, noch keinen Schnee. Am Wasserfall von Ars [ca. 1400 m] brauchen die neun Hilfe, um die Eisplatten zu überqueren. Die Frauen können nicht mehr, aber sie müssen weiter, zurückgehen ist unmöglich. Hinter ihnen sind die Deutschen, sagt Jean-Pierre Acgouau immer wieder.
Unterwegs, auf der Höhe des Sees von Cabanas, begegnen sie einem anderen Fluchthelfer, Jean-
Baptiste Rogalle, dem späteren Ehemann von Jeanne. Er begleitet eine jüdische Familie aus Belgien: Hans Henlé, seine Frau Laure Weiler, sein Sohn Claude Henle, acht Monate, und die Großmutter, Méta Weiler. Sie waren um Mitternacht aufgebrochen und sehr langsam vorangekommen.
Sie bleiben jetzt alle zusammen. Am nächsten Tag trägt Jeanne das Kind. Nach zwölf Stunden schwierigem Aufstieg, vorbei am See von Troun d'Ars [ca. 1850 m], erreichen sie den Pass von Guillou [an der Grenze zu Spanien].  Erschöpft steigen sie auf spanischer Seite ab in Richtung Etang de Romédo.
Um 16 Uhr kehren Jean-Pierre und Jeanne Acgouau und Jean-Baptiste Rogalle um. Sie zeigen den Flüchtlingen noch den Weg entlang des Sees und dann den Pfad, markiert von den spanischen Kuh- oder Schafherden, der in das Tal von Tabescan führt.
Als sie sich trennen, übergibt einer der Männer Jean-Pierre Acogouau einen Brief, den, wie er sagt, am selben Abend jemand bei ihm abholen würde. Dann schauen die drei den Flüchtlingen nach und sehen, dass sie dem markierten Pfad folgen.
Sie werden gesund und sicher in Spanien ankommen.
Jean-Pierre und Jeanne sind kaum zu Hause angekommen, als der angekündigte Mann kommt, um sich nach der Gruppe zu erkundigen. Jean-Pierre übergibt ihm den Brief. Einige Tage später kommt er zurück und berichtet, dass alle gut in Tabescan angekommen sind, und bittet ihn um Hilfe für eine weitere Begleitung.

Bei der Razzia am 9. Januar 1943 werden alle jüdischen Bewohner von Aulus abgeholt.

Erinnerungen von Jeanne:
„Wir hatten Mitleid mit all diesen Menschen, und die erste Razzia am 26. August 1942 durch französische Bereitschaftspolizisten hat uns empört. Mein Vater, der 1914-18 mitgekämpft hatte, mochte Pétain nicht.
Am 29. November hatte mein Vater eine erste Passage gemacht. Er hatte zwei Menschen nach Tabescan gebracht. Dann hat man ihn gefragt, ob er neun Personen begleiten könne. Allein, so sagte mein Vater, könne er das nicht. Da habe ich ihm angeboten mitzukommen. Ich ging im Sommer regelmäßig mit ihm in die Berge und kannte sie gut.“
Warum haben sie das gemacht?
„Nicht wegen des Geldes. Sie gaben uns zwar einen Umschlag, aber wir hatten nichts gewollt. Wir mussten diesen Menschen einfach helfen. Außerdem war Krieg, mein Bruder war Kriegsgefangener und man musste etwas gegen die Deutschen machen.“   

60 Jahre lang hat die Familie Acgouau nichts von den Menschen gehört, die sie zur spanischen Grenze begleitet hat. Bis zu dem Tag im Jahr 2000, an dem Jeanne ihre Geschichte dem Bulletin der Freunde von Aulus erzählt.
Aufgrund dieses Artikels werden die Menschen von Aulus aktiv und wollen herausfinden, was aus dem Baby geworden ist, das am 6. Mai 1942 in Saint-Gaudens geboren wurde und das Jeanne gerettet hatte.  
Im November 2003 wird er in Montreal aufgespürt, wohin die Familie emigriert war. Er nennt sich Claude Henlé, er ist 60 Jahre alt, hat vier Kinder und Enkelkinder … Ein bewegender Moment, als er den Atlantik überquert, um diejenige zu treffen, die ihn und seine Eltern gerettet hat, und dabei zu sein, als sie am 10. Juli 2004 zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt wird.

Übersetzung: Elisabeth Schneeweiss-Bauer

Link zum französischen Komitee Yad Vashem

 

STOLPERBLICK - StolperKunst in Corona-Zeiten

Künstler*innen bleiben gerade auch in diesen Zeiten präsent und begegnen einem konkreten Stuttgarter Stolperstein oder einem anderen Ort, der in Stuttgart an die Verfolgungen in der NS-Zeit erinnert

 

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Silke Arning auf SWR2 über das Los der Zwangsarbeiter im Lager auf der Schlotwiese

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Stuttgarter
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im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter