Viktor, Annie und Max Ullmann

Viktor Ullmann war in den 1920er bis Anfang der 1940er Jahre ein weltweit bekannter Komponist. Seine Werke wurden z. B. anlässlich der IGNM-Festivals 1924 in Prag, 1929 in Genf, 1938 in London, 1941 in New York mit großem Erfolg aufgeführt (IGNM = Internationale Gesellschaft für Neue Musik).

Viktor Ullmann wurde am 1. 1. 1898 in Teschen (heute Cieszyn / Český Tĕšín) geboren. Nach ersten musikalischen Anregungen begann in Wien seine weitere Ausbildung (Klavierunterricht bei Eduard Steuermann, Musiktheorie bei Josef Polnauer etc.). Nach dem Kriegsabitur und harten Erfahrungen an der Front im Ersten Weltkrieg besuchte er 1918/19 das sog. (Arnold) Schönberg-Seminar und ging dann nach Prag ans Neue deutsche Theater, wo er als Korrepetitor, Chor- und Kapellmeister tätig war. Sein Lehrmeister war Alexander von Zemlinsky. Schon bald machte er als Komponist auf sich aufmerksam. Im so vielfältigen Prager (tschechisch-deutsch-jüdischen) Kulturleben fühlte sich Ullmann sichtlich wohl. 1927 folgte seine Berufung als Opernchef nach Aussig (heute Ústí nad Labem). Aber nach nur einer (erfolgreichen) Spielzeit kehrte er zurück nach Prag.

Nach einer zweijährigen Tätigkeit am Schauspielhaus Zürich, während der er die Anthroposophie und das Goetheanum kennen lernte, heiratete er 1931 in der Prager Michaelskirche Annie Winternitz, zog mit ihr nach Stuttgart in die Schellbergstraße 62 und übernahm die damals einzige anthroposophische Buchhandlung (die Novalis-Bücherstube) am Charlottenplatz. Er wurde Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und beschäftigte sich intensiv mit den Schriften und Vorträgen von Rudolf Steiner, vor allem mit seinen Angaben und Hinweisen zur Musik. 1932 wurde hier der Sohn Maximilian Rudolf geboren. - Wegen ihrer jüdischen Abstammung war die Familie auch von den einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen der Nazis betroffen. Sie floh deshalb schon 1933 nach Prag.

Ullmann begann seine berufliche Laufbahn wieder mit voller Kraft, vornehmlich als Komponist. Unter anderem entstand 1933 - 1935 sein "Bekenntniswerk", die Oper "Der Sturz des Antichrist" nach der "Dramatischen Skizze" von Albert Steffen, einem Schweizer Dichter und Vorstandsvorsitzenden der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Er hatte schnell wieder Erfolg, stand in regem Austausch mit Alban Berg und Alois Hába, geriet aber auch in eine schwere psychische Krise, die es zu überwinden galt.

Die Vorboten des Zweiten Weltkrieges mehrten sich. Ullmann versuchte mehrfach zu emigrieren, aber dann war es 1939 zu spät: Die Deutschen besetzten Prag. Nun hatte er gut drei Jahre Berufs- und Aufführungsverbot und viele weitere Demütigungen zu erleiden. Auch die Familie zerbrach. Sein Schaffensdrang war aber ungebrochen, viele Kompositionen entstanden, u. a. die Oper "Der zerbrochene Krug" nach Heinrich von Kleist. 1942 wurden am 7. Mai Annie und Max Ullmann ins KZ Theresienstadt deportiert, und am 8. September dann auch Viktor Ullmann.

Trotz der äußerst widrigen Umstände entfaltete er noch einmal große Schaffenskraft. In etwa zwei Jahren entstanden ca. 25 neue Kompositionen; darunter die Oper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Todverweigerung" (1943/44), die trotz intensiver Proben nicht aufgeführt werden konnte, da immer wieder Mitwirkende in den Tod geschickt wurden. Erst gut 30 Jahre später, 1975, fand die Uraufführung in Amsterdam statt. (Die Oper "Der Sturz des Antichrist" wurde trotz der Auszeichnung 1936 mit dem renommierten Emil-Hertzka-Preis erst 60 Jahre nach ihrer Entstehung, 1995, in Bielefeld uraufgeführt.)
Am 23./25. Oktober mussten Annie Ullmann und ihr inzwischen 12-jähriger Sohn die letzte Reise "nach dem Osten" antreten und wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet; schon eine Woche vorher, am 16. Oktober, wurde Viktor Ullmann in den sogenannten Künstlertransport befohlen und am 18. Oktober in den gleichen Gaskammern zu Tode gebracht.

Im Sommer 1944 hat Viktor Ullmann im KZ Theresienstadt den Aufsatz "Goethe und Ghetto" geschrieben. Hier ein Auszug:

"Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form. Früher, wo man Wucht und Last des stofflichen Lebens nicht fühlte, weil der Komfort, diese Magie der Zivilisation, sie verdrängte, war es leicht, die schöne Form zu schaffen. Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule.....
Ich habe in Theresienstadt ziemlich viel neue Musik geschrieben, meist um den Bedürfnissen und Wünschen von Dirigenten, Regisseuren, Pianisten, Sängern und damit den Bedürfnissen der Freizeitgestaltung des »Ghettos« zu genügen. Sie aufzuzählen scheint mir ebenso müßig wie etwa zu betonen, daß man in Theresienstadt nicht Klavier spielen konnte, solange es keine Instrumente gab. Auch der empfindliche Mangel an Notenpapier dürfte für kommende Geschlechter uninteressant sein. Zu betonen ist nur, daß ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, daß wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und daß unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war; und ich bin überzeugt davon, daß alle, die bestrebt waren, in Leben und Kunst die Form dem widerstrebenden Stoffe abzuringen, mir Recht geben werden."


Die Stolpersteine für Viktor, Annie und Max Ullmann wurden am 23.11.2014 verlegt.
Die Inschriften lauten:

HIER WOHNTE HIER WOHNTE HIER WOHNTE
VIKTOR ULLMANN MAXIMILIAN RUDOLF ULLMANN ANNIE ULLMANN GEB. WINTERNITZ
JG. 1898 JG. 1932 JG. 1907
FLUCHT 1933 PRAG FLUCHT 1933 PRAG FLUCHT 1933 PRAG
DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT
ERMORDET 18.10.1944 AUSCHWITZ-BIRKENAU ERMORDET 25.10.1944 AUSCHWITZ-BIRKENAU ERMORDET 25.10.1944 AUSCHWITZ-BIRKENAU

 

Recherche und Text: Marcus Gerhardts, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost.

 

STOLPERBLICK - StolperKunst in Corona-Zeiten

Künstler*innen bleiben gerade auch in diesen Zeiten präsent und begegnen einem konkreten Stuttgarter Stolperstein oder einem anderen Ort, der in Stuttgart an die Verfolgungen in der NS-Zeit erinnert

 

http://www.stolperkunst.de/stolperblick-stolperkunst-in-coronazeiten/

 

Silke Arning auf SWR2 über das Los der Zwangsarbeiter im Lager auf der Schlotwiese

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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