Für die Freiheit - Über Betty Rosenfeld

Betty Rosenfeld war die einzige Frau aus Stuttgart, die als Freiwillige der Internationalen Brigaden am Spanischen Bürgerkrieg teilnahm. Im Sommer 1942 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, aus dem sie nicht mehr zurückkehrte. Das tragische Schicksal einer jüdischen Krankenschwester - Artikel von Michael Uhl in der Stuttgarter Zeitung vom 22. März 2017

Vor 110 Jahren, am 23. März 1907, kam Betty Rosenfeld in Stuttgart zur Welt. Der Vorname Betty war damals – wie auch Jenny oder Fanny – in Deutschland relativ häufig. Besonders unter jüdischen Einwohnern, die stärker kosmopolitisch orientiert waren als der Rest der Bevölkerung, erfreute er sich großer Beliebtheit. Betty wuchs mit ihren Schwestern Charlotte und Ilse in einem bürgerlichen Elternhaus in der Breitscheidstraße 35 (die damals Militärstraße hieß) auf. Der Vater Benjamin war Kaufmann und Inhaber einer kleinen Putzmittelfabrik, die sich in derselben Straße ein Haus weiter in einem Hinterhof befand. Die Mutter Theresia führte den Haushalt der im zweiten Stock eines Jugendstilgebäudes gelegenen Wohnung. Die Eltern legten Wert auf religiöse Traditionen. So achtete die Mutter in der Küche auf die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze, der Kaschrut.

Als die drei Schwestern erwachsen wurden, begannen sie sich für Emanzipation und sozialistische Ideen zu interessieren. Rote Fahnen waren damals weit verbreitet in Stuttgart. Bei den letzten freien Wahlen zum Deutschen Reichstag im November 1932 erhielten die Sozialdemokraten und die Kommunisten jeweils mehr als 20 Prozent der Stimmen. Zusammen waren sie zahlenmäßig fast doppelt so stark wie die Nazis, denen es schwerfiel, in der schwäbischen Metropole Fuß zu fassen. Eine wichtige Anlaufstelle der Stuttgarter Arbeiterbewegung waren die Waldheime in Sillenbuch, Gaisburg und Heslach. Auch die drei Schwestern bewegten sich in ihrer Freizeit im Umfeld der Stuttgarter Naturfreunde.

Eine wichtige Quelle der politischen Inspiration war für Betty Rosenfeld ihr Nachbar Sepp Dieringer, ein kommunistischer Schuhmacher. Dieringer stand 1932 bis Anfang 1933 als leidenschaftlicher Laienschauspieler der Agitprop-Theatergruppe Spieltrupp Südwest in der Umgebung von Stuttgart auf der Bühne. Für Dieringer war es eine Selbstverständlichkeit, den Rosenfelds, seinen verfolgten jüdischen Nachbarn, zu helfen. Als Ende 1941 die Deportationen am Nordbahnhof begannen – Bettys Schwester Charlotte wurde am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet –, versteckten Sepp Dieringer und seine Frau Emma Bettys Mutter und Bettys Tante vorübergehend bei sich zu Hause (ehe die beiden am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und kurz darauf in Treblinka ermordet wurden). Die Gestapo verhaftete das Ehepaar Dieringer später und verhörte es in der Stuttgarter Gestapo-Zentrale, dem berüchtigten Hotel Silber. Sepp Dieringer wurde gefoltert. Die hochschwangere Emma verlor in der Zelle ihr Kind.

Zu dieser Zeit hatte Betty Rosenfeld das Deutsche Reich längst verlassen. Nach dem Besuch der Realschule hatte sie am Katharinenhospital eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und anschließend in einer Klinik gearbeitet. Als die Nazis an die Macht kamen und ihre antisemitischen Pläne wahr machten, wurde für Betty, Ilse und Charlotte Rosenfeld die Lage immer bedrohlicher. Gemeinsam wanderten die Schwestern 1935 nach Palästina aus und arbeiteten dort in einem Kibbuz. Ilse und Charlotte kehrten 1936 nach Stuttgart in die Militärstraße zurück, um nach der Auflösung des väterlichen Betriebes – der Vater starb 1937 – ihrer Mutter beizustehen.

Nur Betty blieb in Palästina. Dort erfuhr sie im Sommer 1936 vom Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, der damals die Welt in Atem hielt. Die junge spanische Republik geriet durch einen rechtsgerichteten Militärputsch des Generals Franco, der von Hitler und Mussolini massiv unterstützt wurde, in Not. Rund 35 000 Freiwillige aus mehr als 50 Ländern folgten einem Aufruf der Kommunistischen Internationale und eilten spontan nach Spanien, um der bedrohten Republik zu helfen. Das Symbol der Internationalen Brigaden war der dreizackige Stern der Volksfront, ihre Fahne die rot-gelb-violette Trikolore der spanischen Republik.

Trotz mangelhafter Ausbildung und Ausrüstung war die Hoffnung groß. Zur Begrüßung hob man die geballte Faust und rief sich wie die spanischen Kameraden brüderlich „salud!“ zu. Die Brigadas Internacionales erhielten im Herbst 1936 bei der Verteidigung von Madrid ihre Feuertaufe. Im harten Häuserkampf machten sich die fremden Freiwilligen einen Namen. Weltweit berichtete die Presse über sie.

Betty Rosenfeld ließen die Nachrichten aus Spanien keine Ruhe. Sie entschied, sich den Internationalen Brigaden anzuschließen. Die Angehörigen der Brigaden nannten sich selber „voluntarios de la libertad“, Freiwillige der Freiheit.

Im März 1937 reiste Betty Rosenfeld auf einem Dampfer von Haifa nach Frankreich, von da weiter nach Spanien. Die Basis der Internationalen Brigaden befand sich in der Stadt Albacete, 200 Kilometer südöstlich von Madrid im kargen Flachland der Region Mancha. In einem Personalbüro meldete sich die qualifizierte Krankenschwester zum Sanitätsdienst der Brigaden. Dieser unterhielt zur Versorgung der eigenen Verwundeten innerhalb des republikanischen Territoriums ein Netz aus Frontlazaretten und Militärhospitälern. Rund die Hälfte des medizinischen Personals waren Juden.

Betty Rosenfeld wurde im Hinterland der Levanteküste benötigt. In Murcia arbeitete sie als Krankenschwester in einer Klinik, die auf die Behandlung schwerer innerer Krankheiten, insbesondere Typhus, spezialisiert war. In einem Dokument der Internationalen Brigaden wird Betty Rosenfeld als fleißige und gewissenhafte Krankenpflegerin sowie als „zuverlässige Antifaschistin“ beschrieben.

Als die Republik infolge der militärischen Übermacht der Franco-Truppen in Bedrängnis geriet, wurde im Frühjahr 1938 die Klinik in Murcia evakuiert. In den folgenden Monaten pflegte Betty Rosenfeld verwundete Interbrigadisten in einer Militärklinik in Mataró bei Barcelona. Hier heiratete sie im März 1938 Sally Wittelson, einen Freiwilligen der Internationalen Brigade, den sie in Spanien kennengelernt hatte. Wittelson stammte aus Leipzig, war gleich alt wie Betty und ebenfalls Jude. Er war nach 1934 in die Tschechoslowakei emigriert und als geheimer Kurier im kommunistischen Widerstand aktiv gewesen.

Insgesamt sind rund 30 republikanische Spanienkämpfer aus dem Raum Stuttgart namentlich bekannt. Die einzige Stuttgarter Interbrigadistin war Betty Rosenfeld. Außer ihr war noch die in Stuttgart geborene Fotoreporterin Gerda Taro als Zivilistin vor Ort. Sie verfolgte mit der Kamera den Konflikt in Spanien und geriet im Juli 1937 tragischerweise unter die Ketten eines republikanischen Panzers und starb.

Zu dieser Zeit wurde die politische Lage in Spanien immer düsterer. Von der internationalen demokratischen Staatenwelt im Stich gelassen, war die Niederlage der Republik nur noch eine Frage der Zeit. Im Herbst 1938 wurden die Internationalen Brigaden aufgelöst, im Frühjahr 1939 erklärte Franco den Krieg für beendet.

Für Betty und ihren Mann kam eine Rückkehr in die Heimat nicht infrage. Müde und erschöpft überquerten sie als Flüchtlinge die Pyrenäengrenze nach Frankreich. In Sévérac-le-Château, einer kleinen Gemeinde, hauste das Ehepaar mit einer Gruppe ehemaliger Interbrigadisten und republikanisch-spanischen Familien in verlassenen Gebäuden. Eine Reihe von Briefen, die Betty Rosenfeld „mit antifaschistischen Grüßen“ unterzeichnet hat, geben Auskunft über ihre Lebensumstände während dieser Zeit. Sie war von Not geprägt. Sie lernte Handschuhe fertigen und
arbeitete für knappen Lohn in einer Fabrik.

Im Juni 1939 wurden sie und ihr Mann von der französischen Polizei in das angrenzende Lager Gurs gebracht, wo die französische Regierung Tausende ehemaliger republikanischer Spanienkämpfer internierte, die nach Frankreich geflohen waren. Es begann die Zeit der räumlichen Trennung. Sally Wittelson wurde in den französischen Pyrenäen im Lager Vernet interniert, Betty Rosenfeld kam weiter nördlich in das kleine Frauenlager Rieucros, im Februar 1942 dann in ein Frauenlager
nach Brens.

Der Lageralltag war trist. Hinter Stacheldraht und bewacht von französischer Gendarmerie, stapften die aus verschiedenen Ländern stammenden Frauen in Holzpantinen morgens aus den Baracken durch den Schlamm zum Waschraum. Mittags gab es eine dünne Reissuppe oder angebrannte Hülsenfrüchte, abends um sieben Uhr ging in den Baracken das Licht aus.

Am 7. August 1942 wurde Betty völlig unerwartet aus ihrer Lagergemeinschaft gerissen und von einem Gendarmen in das Ausgangslager Gurs gebracht. Den Hintergrund bildete die von Deutschland geforderte Auslieferung von Juden im Rahmen der rassistischen NS-Vernichtungspolitik. Das Vichy-Regime folgte den Anordnungen der deutschen Besatzer. Am nächsten Morgen wurden alle aus Deutschland stammenden jüdischen Lagerinsassen, darunter auch Betty Rosenfeld, auf Lastwagen verladen und zum Bahnhof nach Oloron St. Marie befördert. Dort wartete auf sie bereits ein Güterzug, der in Richtung Paris losfuhr.

Im Sammellager Drancy, das sich im nördlichen Teil der französischen Hauptstadt befand, herrschte ein großes Chaos. Es wird Betty Rosenfeld sicher nicht leichtgefallen sein, ihren Mann dort wiederzufinden. Am Morgen des 7. September 1942 verließ dann der Konvoi 29 die Schienen von Drancy. Zusammen mit weiteren 998 jüdischen Frauen und Männern wurden Betty Rosenfeld und ihr Mann schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie zwei Tage später ankamen.

Die gespenstische Fahrt in einem verriegelten rostbraunen Güterwaggon war vermutlich die einzige mehrtägige gemeinsame Reise während ihrer Ehe. Sie endete in einer deutschen Gaskammer. Da Betty Rosenfeld an einer Schilddrüsenüberfunktion litt und zitterte, ist davon auszugehen, dass sie unmittelbar nach ihrer Ankunft von den SS-Ärzten direkt in den Tod geschickt wurde. Auch für ihren Mann Sally Wittelson liegen keine Hinweise vor, dass er den Tag der Ankunft überlebt hat.

Vergeblich hatte Bettys Schwester Ilse, die im Juli 1938 aus Deutschland hatte fliehen und mit dem Schiff von Le Havre aus nach Amerika emigrieren können, versucht, ihre Schwestern aus Frankreich und Deutschland herauszuholen. Die Tickets für ihre Überfahrt waren schon gekauft, doch die Realisierung des Plans scheiterte.

Wäre Betty Rosenfeld 1937 in Palästina geblieben, hätte sie den Holocaust überlebt. Aber aus der Ferne tatenlos zusehen, wie sich der Faschismus in Europa weiter ausbreitete, war nicht ihre Sache. Auf eigene Faust reiste die 1,57 Meter große Krankenschwester aus Stuttgart vom heutigen Israel nach Spanien und riskierte dort für eine demokratisch legitimierte Republik ihr Leben. Spanien verlor seine Freiheit – und Betty Rosenfeld ihr Leben. Als sie in Auschwitz ermordet wurde, war sie 35. Es sollten Jahrzehnte vergehen, ehe ihr Engagement und ihr Tod in der Öffentlichkeit Würdigung fanden. 1995 rehabilitierte das spanische Parlament die während des Kalten Krieges als „Rotspanienkämpfer“ diffamierten Freiwilligen der Internationalen Brigaden und bot ihren Überlebenden in Anerkennung ihrer Verdienste für die Freiheit die spanische Staatsbürgerschaft an. 1998 entschuldigte sich der damalige deutsche Bundespräsident beim spanischen Volk für die Kriegsverbrechen der deutschen Legion Condor.

Erst in diesem Jahrhundert wurden Einzelheiten über die Deportation jüdischer Einwohner aus der Landeshauptstadt Stuttgart einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dank der Initiative „Zeichen der Erinnerung“ entstand am Nordbahnhof eine Gedenkstätte für die einheimischen Opfer der Schoah. Das Wohnhaus der deportierten und enteigneten Familie Rosenfeld in der Breitscheidstraße wurde im Zweiten Weltkrieg durch einen alliierten Fliegerangriff zerstört. Das Haus ihrer Nachbarn und Freunde blieb unversehrt. Der Familienbetrieb der Orthopädie Dieringer befindet sich mittlerweile in der dritten Generation. Nur wenige Meter davon entfernt erinnert heute am Gehweg ein „Stolperstein“ an den Ort, wo Betty einst mit ihren Schwestern, ihren Eltern und ihrer Tante lebte.

Plakat Barcelon 1936

„Die Milizen brauchen euch!“ Auf dem Plakat an einer Litfaßsäule in Barcelona ruft die Gewerkschaft 1936 in katalanischer Sprache zu den Waffen. Dem Aufruf folgen bald auch Freiwillige aus dem Ausland, darunter Betty Rosenfeld. Foto: Getty

Passbild Betty Rosenfeld

Dieses vergilbte Passbild ist das einzige Foto, das von Betty Rosenfeld geblieben ist. Es fand sich als Anhang in einem spanischen Dokument von 1938. Foto: CDMH Salamanca

Der Autor Michael Uhl, Historiker und Hispanist aus Tübingen, arbeitet an einer Biografie über Betty, Ilse und Charlotte Rosenfeld.

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