Stolpersteine ohne Ende:
Weitere Verlegungen durch Gunter Demnig für Juden, Widerständler und "Euthanasie"-Opfer am Freitag, 28. April 2017

Gelegentlich taucht die Frage auf, wie viele Stolpersteine denn noch verlegt werden, allmählich reiche es. Doch die Listen der ehrenamtlich arbeitenden Stolperstein-Initiativen in den Stuttgarter Stadtbezirken enthalten viele weitere hundert Namen von Juden, politisch Andersdenkenden, Behinderten, Kranken, Homosexuellen und Zeugen Jehova, die der Willkür des NS-Regimes zum Opfer fielen und ermordet wurden. Stolpersteine erinnern an Opfer, aber damit auch an das Leid, welches der Nationalsozialismus und der von ihm angezettelte Zweite Weltkrieg über Europa gebracht hat. Zurück blieb eine Ruinenlandschaft, aus der mühsam die Bundesrepublik Deutschland entstand, in deren Grundgesetz unsere Werte und demokratischen Rechte heute fest verankert sind. Es entstand aber auch die Europäische Union, deren Weg der wirtschaftlichen Integration bewirkt hat, dass Interessenskonflikte zwischen den Mitgliedsländern nicht mehr militärisch ausgetragen, sondern auf politischer Ebene ausgehandelt werden. An diesen zivilisatorischen Fortschritt muss gerade heute erinnert werden.

In Zuffenhausen wird Gunter Demnig Stolpersteine für Gertrud Schäfer, die wegen ihrer psychischen Erkrankung in Grafeneck ermordet wurde, und für Julius Wertheimer, der im Deportationszug nach Riga starb, verlegen. An drei Opfer der „Euthanasie“, die ebenfalls in Grafeneck ermordet wurden, werden Stolpersteine in Feuerbach und Weilimdorf erinnern.

Der angesehene Rohrer Bürger Julius Vohl, der in den 1920er Jahren bei einer Gemeinderatswahl sogar die meisten Stimmen bekommen hatte, wurde unter den Nationalsozialisten zum Geächteten, weil er regimekritisch und KPD-Mitglied war. 1933 kam er in „Schutzhaft“ in das Konzentrationslager Heuberg, 1943 starb er an einer bis heute unaufgeklärten Kopfverletzung. Auch er bekommt einen Stolperstein.

In Stuttgart-Süd wird beim Österreichischen Platz an Richard Rothschild gedacht, der nach der Deportation in Riga ermordet wurde. Verbunden mit ihm ist das Schicksal der Trikotwarenfabrik Gebrüder Rothschild, die seiner Familie gehörte und in der er arbeitete. Die Firma, die lange Jahre in der Mörikestraße (heute: Medienhaus der Fantastischen Vier) ihren Sitz hatte, musste schließlich 1938 verkauft werden. Obwohl der Gutachter für die Maschinen einen Wert von 127.000 Reichsmark angab, konnte die Familie dafür nur 37.000 Reichsmark erzielen. Wenig später verkauften die „arischen“ Aufkäufer allein einen kleinen Bruchteil davon für 33.000 Reichsmark.

Für Regina Abendstern, die in Riga ermordet wurde, und ihren Sohn Otto, der von Belgien aus nach Auschwitz kam, werden Stolpersteine in Stuttgart-Mitte verlegt. Im Osten wird mit Stolpersteinen an Berta Aberle erinnert, die wegen ihrer psychischen Erkrankung in Grafeneck den Tod fand, und an Wilhelm Oschmann, der in der Heilanstalt Zwiefalten von einer Stuttgarter Ärztin mit einer tödlichen Spritze ermordet wurde.

Erstmals wird ein Stolperstein im Stadtteil Rohracker verlegt: Hedwig Maier wurde von der Landesfürsorgeanstalt Reutlingen-Rappertshofen mit den „grauen Bussen“ nach Grafeneck verlegt, wo sie mit Kohlenmonoxyd erstickt wurde.

Schließlich gelten auch die beiden ersten Stolpersteine im Bad Cannstatter Stadtteil Steinhaldenfeld Opfern der NS-„Euthanasie“: Kuno Wolf fand den Tod in Grafeneck, die zweijährige Gabriele Machauer dagegen wurde in der „Kinderfachabteilung“ Stuttgart der Städtischen Kinderklinik Türlenstraße mit Medikamenten ermordet. Auf sie versucht die Cannstatter Stolperstein-Initiative mit StolperKunst besondere Aufmerksamkeit zu lenken: Die Malerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher wird bei der Verlegung ein in memoriam des Kindes geschaffenes Bild präsentieren, und Staatsschauspielerin Gabriele Hintermaier wird ausgewählte Texte vortragen, die dazu anregen, sich mit dem Unrecht, das dem kleinen Mädchen zugefügt wurde, auseinanderzusetzen.

Wer mehr zu den Opfern, den Stolpersteinverlegungen und weiteren Aktivitäten wissen möchte, ...
Wer zur Stärkung der städtischen Erinnerungskultur durch Mitarbeit bei der historischen Recherche,
der Information über die Geschichte und der Dokumentation der Ergebnisse selbst etwas beitragen will, ...
Wer andere Ideen und Vorschläge hat, um das Stolpersteinprojekt zu unterstützen oder zu fördern, …
kann sich an eine der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen oder an unsere Kontaktadresse info@stolpersteine-stuttgart.de wenden.

Momentan sind wir u.a. dabei, unsere digitalen Angebote rund um die Stolpersteine (Internetauftritt, virtuelle Rundgänge etc.) auszubauen, um vor allem verstärkt junge Menschen ansprechen und zur Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte bewegen zu können! Wenn Sie diese Anstrengungen z.B. mit einem Beitrag unter dem Stichwort Stolpersteine 4.0 auf das Konto der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen bei der BW-Bank (IBAN: DE21 6005 0101 0004 3002 70) unterstützen möchten, würden wir uns sehr freuen!

Die öffentlichen Stolperstein-Verlegungen werden von ausschließlich ehrenamtlich tätigen Stadtteilinitiativen organisiert, über die Sie auch Informationen zu den einzelnen Opferschicksalen sowie weitere Aktivitäten erhalten. Alle Stuttgarter Stolperstein-Initiativen freuen sich über Ihre Unterstützung, beispielsweise bei der Erforschung der Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus oder der Pflege bereits verlegter Stolpersteine.

Stolpersteine für Stuttgart am Freitag, den 28. April 2017 (Uhrzeit~Steinverlegung):

9:00 Zuffenhausen Schwieberdingerstr. 110
(Verlegung vor Parkplatz, gegenüber von Schützenbühlstrasse 84 )
1 Stein für Gertrud Schäfer
  Zuffenhausen Schwieberdingerstr. 142
(früher Spitalwaldstrasse, Verlegung vor Porschewerk)
1 Stein für Julius Wertheimer
9:45 Feuerbach Klagenfurter Str. 26  1 Stein Friederike Gekeler
10:00 Feuerbach Wiener Str. 58 1 Stein für Anna Eisele
10:25 Weilimdorf Pforzheimer Str. 368 (Verlegung Löwen-Markt 1, vor Bezirksrathaus) 1 Stein für Katharine Staiger
11:00 S-Rohr Schönbuchstr. 37 1 Stein für Julius Vohl
11:30 S-Süd Hauptstätter Str. 89 1 Stein für Richard Rothschild
11:50 S-Mitte Hoppenlaustr. 17 (existiert nicht mehr, Verlegung in der Hegelstrasse gegenüber der Nummer 24) 2 Steine für Regina und Otto Abendstern
12:15 S-Ost Stöckachstr. 32 1 Stein für Berta Aberle
  S-Ost Stöckachstr. 52 1 Stein für Wilhelm Oschmann
13:30 Rohracker Rohrackerstr. 294  1 Stein für Hedwig Maier
14:30 Bad Cannstatt Kolpingstr. 31 1 Stein für Gabriele Machauer
14:45 Bad Cannstatt Kolpingstr. 65 1 Stein für Kuno Wolf

Die angegebenen Uhrzeiten können nur eine grobe Orientierung für den geplanten Zeitpunkt der Verlegung sein — Verschiebungen lassen sich trotz sorgfältiger Planung leider nicht ganz ausschließen — Änderungen sind möglich — Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig am Verlegungsort einfinden! Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an den vor Ort stattfindenden Rahmenveranstaltungen jeweils nur kurz teilnehmen! Mehr Infos über die einzelnen Stadtteilinitiativen in der Tagespresse!

Den aktuellen Plan für die Verlegung am 28. April 2017 gibt es hier zum Ausdrucken

 

im November erschienen:

Unerwünscht

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im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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