Stolpersteine für die Familie Lampelz

Verlegung am 27. 10. 2016 um 12:30 Uhr
in der Rosenstr. 41

für

 

HENOCH LAMPELZ, JG. 1887
DEPORTIERT  1941, RIGA. ERMORDET IN RIGA

UDEL LAMPELZ, GEB. FISKUS, JG. 1891
DEPORTIERT  1941, RIGA. ERMORDET IN RIGA

KLARA MUNICHES, GEB. LAMPELZ, JG. 1919
DEPORTIERT 1941, LODZ. ERMORDET (Stein verlegt in Liststr. 3)

SAUL LAMPELZ, SPÄTER BEN HANOCH IZCHAK, JG. 1920
FLUCHT 1937  PALÄSTINA

ROSA PICKHOLZ, GEB. LAMPELZ, JG. 1922
FLUCHT PALÄSTINA

JULIUS LAMPELZ, JG. 1925
FLUCHT 1940  PALÄSTINA

MAX LAMPELZ, JG. 1928
DEPORTIERT  1941, RIGA. ERMORDET IN RIGA

 

Die Eheleute Henoch (*28.12.1887, Zolkiew) und Udel (geb. Fiskus,*20.4.1891, Dynow) Lampelz ziehen aus ihrer polnischen Heimat ins deutsche Reich; Henoch ist seit 1907, also ab seinem 20. Lebensjahr, in Stuttgart ansässig. Dort betreibt er sehr erfolgreich eine Textil- und Weißwarenhandlung, wie der Rechtsanwalt Dr. Kugelmann nach Kriegsende in einem Gutachten zur so genannten Wiedergutmachung festhält: „Vor 1933 erzielte der Verfolgte (Henoch Lampelz) aus seinem Geschäft ein sehr gutes Einkommen und war imstande, seine zahlreiche Familie gut bürgerlich zu unterhalten.“
Diese „zahlreiche Familie“ bestand neben der Gattin Udel aus den Kindern Klara (*1919), Saul Eisig (*1920), Rosa (*1922), Julius (*1925) und Max (*1928), allesamt gebürtige Stuttgarter.
Die Entrechtung, Demütigung und Bedrohung von Juden in Deutschland eskalierte im Herbst 1938. Damals stritt das Hitler-Regime mit der Republik Polen über in Deutschland lebende Menschen polnischer Herkunft. Staatssekretär Ernst von Weizäcker sprach von einem „Klumpen von 40–50 000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden“, die Deutschland loswerden wollte. Am 28. Oktober wird die Familie Lampelz in Stuttgart verhaftet. Am Abend dürfen Mutter Udel und die Söhne zurück nach Hause, während Henoch und die Töchter Klara und Rosa abgeschoben werden. Die gleiche Willkür praktizieren die deutschen Machthaber bei etwa 17.000 Menschen polnischer Herkunft. In Zügen werden die Deportierten an die Grenze gebracht und dort bei Bentschen (poln. Zbaszyn) auf freiem Feld ausgesetzt. Die Deutschen befehlen ihnen, auf polnisches Gebiet zu laufen, ohne sich  umzuschauen, und drohen mit Erschießung. Da Polen die Aufnahme verweigert, blieben viele im Niemandsland, bevor sie in Kasernen interniert werden. Henoch darf später nach Stuttgart zurückkehren, und findet dort eine desolate Lage vor. Seine Frau Udel hat durch die plötzliche und brutale Abschiebung von Mann und Töchtern einen Zusammenbruch erlitten, sein jüngster Sohne Julius daraufhin den Schulbesuch abgebrochen. Der 13jährige versucht, die Familienangelegenheiten zu regeln. Unter anderem bemüht er sich bei säumigen Kunden seines Vaters, deren Schulden einzutreiben. Wie erfolglos selbst Henoch dabei war, mag man an der Tatsache ablesen, dass die Familie ab Sommer 1939 in einem einzigen Zimmer zur Untermiete hausen muss. Parallel nehmen die staatlichen Schikanen weiter zu. Seit Kriegsbeginn erhalten die Lampelz nur noch kurzfristige Aufenthaltsgenehmigungen. Alle 14 Tage müssen sie bei der Gestapo vorstellig werden, wo es regelmäßig heißt, wer nicht bald auswandert, kommt ins KZ. Henoch und Udel Lampelz sind längst bereit, das Land zu verlassen, zumal vom einstigen Wohnstand fast nichts übrig ist. Die Möbel, ihre Fahrräder, einen Fotoapparat und eine Nähmaschine müssen sie zu Schleuderpreisen verhökern, zwei SS-Leute hatten in ihrer Wohnung alle Wertsachen beschlagnahmt. Den bescheidenen Rest des Hausrats lassen Lampelz durch die Spedition Schenker in einen Waggon verpacken; dessen Verbleib ist unklar, wahrscheinlich wurde auch dieses Hab und Gut von deutschen Behörden einkassiert. Zwei Tage nach Kriegsanfang wird Henoch erneut verhaftet. Je vier Monate ist er im KZ Asperg und Welzheim, dann wird er im März 1940 wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau entlassen. Seine Kinder erinnern sich später, wie Henoch diese Freilassung schildert: Er musste mit dem Gesicht zur Wand stehen, jemand schoss mehrfach, dann rief man ihm zu: „Jude, lauf! Wenn du die Eisenbahn nach Stuttgart erreichst, lassen wir dich gehen, sonst wirst du erschossen.“ – Er konnte gerade noch auf den anfahrenden Zug aufspringen.
In Stuttgart muss Henoch ab Mai 1940 Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Am ersten Dezember 1941 besteigen Henoch, Udel und ihr jüngster Sohn Max jenen Deportationszug, der mit 1050 jüdischen Kindern, Frauen und Männern aus Württemberg vom Nordbahnhof Stuttgart aus nach Riga rollt. Kein einziger Passagier dieses Zuges hat überlebt. Bei Riga vegetiert die Familie Lampelz zusammen mit tausenden Leidensgenossen im Lager Jungfernhof. Henoch, Udel und Max werden wahrscheinlich Ende März 1942 bei der so genannten „Grossaktion Dunamünder Konservenfabrik“ in einem Wald erschossen.

Nach dem Krieg wird für Henoch und Udel das Todesdatum 27.3.1942 festgelegt, für den vermissten kleinen Max der Tag der deutschen Kapitulation, 8. Mai 1945.

Klara, die älteste Tochter, bleibt nach ihrer Zwangsabschiebung vom Oktober 1938 in Polen, ihr letztes Lebenszeichen kommt 1941 aus Lodz. Für sie liegt ein Stolperstein in der Liststraße 3, wo sie mit ihrem Verlobten Rudolf Muniches und dessen Vater lebte.
Saul Eisig gelangt im Sommer 1937 über Holland nach Palästina, und nimmt dort den Namen Ben Hazoch Izchak an.

Rosa wird zusammen mit Vater und Schwester am 28. Oktober 1938 in den polnischen Grenzort Neu-Bentschen abgeschoben und dort in einem Lager interniert. Dieses wird Anfang August 1939 geräumt, Rosa reist mit einer Gruppe junger Juden nach Warschau, um die Auswanderung Richtung Palästina vorzubereiten. Doch dann überfällt die Wehrmacht das hoffnungslos unterlegene Polen, Rosa gerät in die Kriegswirren und muss im Winter 1939/40 bei Eis und Schnee fliehen, zu Fuß. Sie erkrankt an Rippfellentzündung, verbringt mehr als ein halbes Jahr in Hospital und Sanatorium. Im Januar 1941 gelingt ihr endlich, gemeinsam mit einer Gruppe von Weggefährten, die Reise über Moskau, Odessa und die Türkei. Unterwegs erkrankt sie erneut und liegt in Istanbul vier Wochen im Krankenhaus. Im April 1941 – genau zu dem Zeitpunkt, als in den sumpfigen Flusswiesen nahe des oberschlesischen Dörfchens Birkenau ein Vernichtungslager gebaut wird, wie es noch keines gab, erreicht Rosa das Gelobte Land. Auch dort wirken die Strapazen der Flucht lange nach: Ihren Berufswunsch, Sportlehrerin zu werden, muss Rosa aufgeben, es fehlt an Geld und Gesundheit für eine Ausbildung. Noch Anfang der 1950 Jahre wird sie von den alten Leiden eingeholt und verbringt fast ein Jahr im Lungensanatorium. Aber trotz all dem – Rosa Lampelz, verheiratete Pickholz, überlebt in Israel.

Der Lebensweg des zweitjüngsten Sohnes Julius ist besonders dramatisch. Unter den zunehmenden Schikanen der Nazis kann er in seiner Heimatstadt Stuttgart keine Schul- oder Berufs-Ausbildung bekommen, geht als 12jähriger (!) 1937 zuerst nach Amsterdam, wird dort als Ausländer nach drei Monaten ausgewiesen, versucht es im belgischen Antwerpen und erlebt dort das gleiche. Zurück in Stuttgart, wird er im Oktober 1938 mitsamt der Familie verhaftet. Vater und Schwestern werden nach Polen abgeschoben, die Mutter kollabiert unter diesem Trauma. Julius versucht, an Vaters Stelle die Familie zusammenzuhalten. Als dieser im März 1940 aus KZ-Haft freikommt, flieht Julius über Hamburg nach Jugoslawien. Er hat keine Papiere, muss ohne Geld und Fremdsprachen klarkommen, übernachtet manchmal im Schnee, und zieht sich an Leib und Seele chronische Krankheiten zu. Wenn er Helfer findet, die ihm Unterschlupf gewähren, muss er spätestens nach drei Nächten weiterziehen, weil seine illegale Anwesenheit eine Gefahr ist. Als die Wehrmacht im April 1941 auf dem Balkan einmarschiert, entkommt er knapp, und erreicht schließlich über Griechenland, die Türkei und Syrien das britische Mandatsgebiet Palästina.
Körperlich und seelisch schwer gezeichnet, gelang es ihm trotz fehlender Ausbildung, eine bescheidene Existenz als Hilfskraft im Staatsdienst aufzubauen. Aus Furcht, gekündigt zu werden, verzichtet Julius Lampelz trotz schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigung auf eine angemessene Krankschreibung, und damit die volle Höhe der Entschädigung, die die BRD ihm gezahlt hätte – lieber ein armer Schlucker aus eigener Kraft, als von Unterhaltszahlungen aus dem Land der Täter abhängig, mag er sich gedacht haben. Die bundesdeutsche Praxis der so genannten Wiedergutmachung ist geprägt von bürokratischer Kälte. Auch die Familie Lampelz hat dies erlebt. Für den gesamten Hausrat der ursprünglich sehr wohlhabenden Kaufleute, den sie weit unter Wert an arisch-deutsche Profiteure verkaufen musste, erhielten die überlebenden Kinder nach dem Krieg ganze 1.000 DM Entschädigung. Noch schäbiger war der behördliche Umgang mit der Ermordung der Eltern. Diese fand vermutlich Ende März 1942 in einem Wald bei Riga statt. Dort töteten Nazis zwischen 1.500 und 2.000 Häftlinge des KZ Jungfernhof. Ob Udel und Henoch darunter waren, ist zwar wahrscheinlich, aber nicht eindeutig zu klären. Auf der Basis dieser unklaren Fakten legte die Bundesrepublik im Wiedergutmachungsverfahren fest, dass nur wenige junge und kräftige Männer dem Massaker entkommen seien, ergo die Eltern Lampelz (*1887 Henoch, *1891 Udel) nicht. So ersparte sich die BRD potentielle Haftentschädigungen, die für den Zeitraum zwischen dem Rigaer Massaker Ende März 1942 und Kriegsende am 8. Mai 1945 an die überlebenden Kinder geflossen wären. Die fragliche Summe betrug 5.500 DM.

 

Recherche: Hildegard und Heinz Wienand, Stgt-Feuerbach; Jennifer Lauxmann-Stöhr, Stgt-Mitte
Redaktion: Andreas Langen, Stgt-Mitte

 

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